Friedensfahrt 2016 – Willenserklärung und Tat

Bei der Friedensfahrt Berlin-Moskau-Berlin gab es viel Chaotisches. Umso wichtiger scheint es mir, das hervorzuheben und festzuhalten, was klar und eindeutig war.

Die TeilnehmerInnen haben ihren Willen erklärt Frieden mit Russland und allen Völkern zu halten, und sie haben sich gegen Krieg und jede Form von kriegerischer Politik ausgesprochen.

Ihre Willenserklärung hat Besonderheiten, die sie von Erklärungen sonstiger Friedensbewegter unterscheidet:

  • Sie stellte eine PERSÖNLICHE ENTSCHEIDUNG dar. Sie war nicht bloße Zustimmung/Unterschrift unter einen Text, der von Anderen (der „Organisation“, den „Vordenkern“, dem „Aktiv“, den „Verdienten“, den „gegensätzlichen Flügeln“ usw.) ausgehandelt worden war.
  • Aus der individuellen Entschiedenheit der TeilnehmerInnen folgte ein erfreuliches Phänomen: Die Bereitschaft, ja geradezu das Bedürfnis, GESICHT ZU ZEIGEN. Die verbreitete Schizophrenie politischer Aktivisten, Partei zu nehmen UND anonym bleiben zu wollen („Keinesfalls darf ich auf dem Foto erkennbar sein!“) gab es nicht.
  • Die Willenserklärung war vordergründig sehr zentriert (Frieden mit Russland – nie wieder Krieg!). WIE jemand  dazu gekommen war, wie er/sie begründete, ob er/sie in sonstigen Belangen „korrekt oder unkorrekt“ dachte, INTERESSIERTE NICHT.
  • Die Friedensfahrerinnen erlaubten sich den „Luxus“, für Frieden und Freundschaft zu sein, ohne irgendeine Art von GESINNUNGSPRÜFUNG zu akzeptieren. Um es noch krasser zu sagen: „Linke“, „Rechte“ und „alle Anderen“ durften gemeinsam für Frieden und Freundschaft mit allen Völkern sein – ein unerhörtes Ereignis in der Arena politischer Verlogenheit unserer Tage.

Ich vermerke am Rande, das beides – die genannte Zentriertheit und die (weithin geächtete („was die Mode streng geteilt!“)) Denkfreiheit – die lebhaftesten Diskussionen und anregendsten Dialoge unter den TeilnehmerInnen ermöglichte, ohne Aggressionen. Es prägte sich immer deutlicher so etwas wie ein humanistischer Umgang miteinander aus.

Hebe ich die Zentriertheit der Willenserklärung hervor, wäre es doch unzutreffend, sie als EIN-PUNKT-ERKLÄRUNG zu bezeichnen. Die Bürgerinitiative „Friedensfahrt“ ist eingebettet in eine „Geopolitik von unten“ der Wahrung und Förderung des Friedens. Insbesondere in der Petition „Frieden mit Russland ist für uns unverzichtbar“, bisher von mehr als 7000 Menschen unterzeichnet, wird in vier Punkten eine umfassend dem Frieden verpflichtete Politik Deutschlands eingefordert. Auf derselben Linie liegt die Unterstützung, die der Aufruf der Freidenker „Sagt NEIN, ächtet Aggressionen, bannt die Weltkriegsgefahr!“ bei den FriedensfahrerInnen gefunden hat.

***

Soviel zur Willenserklärung. Doch ihre größte Besonderheit sehe ich darin, dass sie nicht Erklärung blieb. Jeder Erklärung haftet ein Moment des Selbstgenügsamen an. Unsere Erklärung leitete direkt zur Tat über, mit der sie von Anfang an verbunden war.

Ganz profan bedeutete „Tat“ zunächst einmal Hinzufahren nach Russland. Mensch musste die Strapazen einer 4000-Kilometer-Reise auf sich nehmen. Das Geld und die Zeit musste Jeder/Jede aufbringen. Ich, Betagter, sagte mir von vornherein, dass ich unterwegs ein Minimum an Ruhe und Erholung brauchen würde – also kam für mich nur Busfahrt und Übernachtung im Einzelzimmer in Frage. Das schlug sich in Gesamtkosten von grob gerechnet 1500 € nieder. Andere, wie ich weiss, fuhren im Pkw mit und übernachteten mit Isomatte und Zelt. Sie hatten natürlich erheblich geringere die Kosten. Aber geschenkt wurde auch ihnen nichts.

Vor allem aber bedeutete „Tat“, der Welt nicht nur eine weitere kluge Erklärung zuzurufen. „Tat“ bedeutete, unser Denken und Wollen konkreten russischen Menschen zu übergeben, es mit ihnen zu teilen und umgekehrt, die Erklärungen und Äußerungen dieser Menschen anzunehmen. Was ich hier schreibe klingt hölzern: Es bedeutete in Wirklichkeit, sich in die Augen zu sehen, den anderen Menschen zu erkennen, sich wahrhaft zu berühren….

Das ist es, was sich ereignete, was uns keiner nehmen kann, was uns erfüllt und weiterwirkt  und von dem wir nach den Wegen suchen, es behütend und fördernd weiterzutragen…

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3 Antworten zu Friedensfahrt 2016 – Willenserklärung und Tat

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