Tsipras, Bernie und ihresgleichen

Hochdramatische, wirklich unerhörte Ereignisse erleben wir nun schon im Wochenrhythmus: USA-Schwarzenmorde in schneller Folge, Dallas-Shooting, Nizza, „Tag des Zorns“ heute usw. Von den Bluttaten, die ständig in östlichen Ländern passieren und in anderen Ländern auch, rede ich gar nicht erst (mein Westler-Tunnelblick). Es ist wahrlich ein Trommelfeuer. Auf das Denken. Und es ist ein Sturm auf jegliche Werte und Mechanismen, die bisher normalen menschlichen Zusammenhalt gewährleisteten.

Im Ganzen ist das nie und nimmer ein Zufallsgeschehen!

Hier ist enorme materielle, finanzielle, organisatorische (politische und mediale) „man power“ am Werk. (Hier eine Artikelserie zum Thema.)

Die Masse der Menschen ist uninformiert, verängstigt, bildungslos, jeder Organisations- oder gar Kampferfahrung entfremdet, auf Erlösung hoffend. Sie strömen den Politikern zu, die ihnen glaubwürdig erscheinen alles zum Besseren wenden zu können. Zur Glaubwürdigkeit trägt schon ein offener Hemdkragen bei, wie bei Tsipras und Konsorten oder das fleißige Generieren einer Million junger Anhänger auf Facebook, wie bei Bernie. Mit Podemos in Spanien und vermutlich auch Corbyn in GB sehen wir ähnliche Figuren, halb Hasardeure, halb Clowns der Tribüne. Und auch das kreative Deutschland ist jederzeit bereit, solche Typen hervorzubringen.

Diese Typen – Rattenfänger – haben ein paar verblüffende Slogans (Wir „can“! aber nach Bedarf auch „schärfere“) anstelle eines Programms. Sie brauchen keine Analyse der sozialen Realität, keine Aufdeckung tatsächlicher Machtverhältnisse, von Klassenanalyse ganz zu Schweigen. Sie haben keine Strategie zur Verwirklichung ihrer Slogans. Sie haben kein Konzept der Informierung, Bildung und systematischen Organisierung der Menschen (also ihrer Ermächtigung zu bewusstem Handeln!), denen sie  Hoffnung machen.

Sie sind der auf links geschminkte Abschaum des politischen Lebens heute, also der in eine Art Wahn treibenden neoliberalen Herrschaft klar benennbarer Kapitalgruppen.

Aus Gutmütigkeit, Bequemlichkeit oder welchen Gründen auch immer, neigen viele brave Traditionslinke zu Solidarisierung – „kritischer“, versteht sich – mit dem Wirken dieses politischen Abschaums. Dafür bietet ein jüngstes Beispiel Albrecht Müller von den Nachdenkseiten. (Jeder der gelegentlich die Nachdenkseiten besucht, kennt das dort mindestens alle zwei Tage erscheinende Porträt von Albrecht Müller.) Müller begleitet das Bündnis des „linken“ Bernie mit der „unselige(n) Frau Clinton“ mit viel, viel, leider aber substanzloser  Hoffnung. Ihm scheint über alles zu gehen, dass alle, alle Guten um jeden Preis den Gottseibeiuns Trump verhindern müssen.

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2 Antworten zu Tsipras, Bernie und ihresgleichen

  1. dorengba schreibt:

    ichweissnit ichweissnit … Strukturen sind nun in Beton, etwa das, was Marcuse für beginnend mit den 1950er Jahren postuliert hatte, Ausbeutung der Ressourcen statt der Klassen, was nun zwangsläufig einem Ende entgegensieht und in ein Hauen und Stechen übergeht, zugleich mit einer irren Projektion von Wahrnehmungsverleugnung, die einem Wahn gleichkommt, gerechnet an den Wirkkräften, die nun rein mechanisch und gedankenlos losgetreten werden können.

    Aus solchem Beton auszubrechen gibt es nicht so viele Möglichkeiten, und wenn eine Erscheinungsform sich als Wiederholung darstellt, sollte man, dem historischen Überbau gehorchend, zweimal hinschauen, ob es denn wirklich eine Wiederholung ist.

    Zweie in der ungezwungenen Listung fallen da schon einmal nicht darunter, zum einen ist Corbyn ein traditionell stramm geschulter Parteisoldat, so etwas zählt nicht zu den Wundern, die hopplahopp aus dem Ärmel geschüttelt werden könnten. Gerade sah er sich einer Intrige gegenüber, als da er nach dem Brexit nun Blair existentiell gefährlich werden kann, als da sich auf Corbyn die Erwartung bündelt, Blair wegen Betrugs am Parlament anzuzeigen, wäre die Intrige aufgegangen, hätte Blair einen Bumerang weniger, der auf ihn zurückfliegt nach seinem Verbrechen, vormals zum kriegerischen Massenmord entscheidend nachgeholfen zu haben (und für diesen Verrat an aller Menschlichkeit seither mit irren Honoraren da und dort durchgefüttert wird).

    Zu Sanders geht nun die Strophe, es solle bitte keiner mehr Bernie sagen, da er ja wohl ein Dreckskerl ist, wenn er nun per Kehrtwendung einer bekennenden Lgnerin, überführten Meineidigen und Kriegsverbrecherin die Stange hält, Gruß aus den Mühlen des Strukturbetons in perfider Anhäufung, genau das Gegenteil, womit er zuvor Stimmen hat sammeln können, beim Aufbrechen des Strukturbetons nachzuhelfen zu wollen.

    Wohl ist zweifellos korrekt, wenn man des Misstrauens in breit angelegte Machenschaften in Europa nie voll genug sein kann. Jüngst flimmerte eine Dokumentation daher, zur Manipulation des CIA gegen allzu freies Denken im Kulturbetrieb seit den 1950er Jahren, mit etwas zeitlicher Distanz wird nun auch zugegeben, dass die Stay-Behind-Armeen sehr wohl stets gerüstet waren, gegen allzu deutlich links orientierte Regierungsbildung auch verdeckt militärisch vorzugehen. Dass sie das in Italien faktisch getan haben, will aber schon nicht mehr den Weg in ein breites Bewusstsein finden.

    Das sind historische Stränge, mit denen lassen sich leichter Leitlinien setzen, für so die Fragestellungen, was ist lockere Unterwanderung, was ist Zufall, was ist massive Intervention.

    Man könnte, wenn man paranoid genug ist, etwa auch das Abwürgen der Denkströmung einer strukturalen Anthropologie in Frankreich als gezielte Inszenierung imaginieren, als da in ihr Methoden leicht aufzudecken sind, wie sich durch das Konstruieren von ideellen Verwandtschaftlichkeiten in der Lebenswelt von Massen das Denken steuern ließe, und dann den elektrischen Fratzenkatalog dagegenhalten und skandieren, das haben die damals schon gewusst, deshalb wurde dieses letzte Kind bürgerlicher Aufklärung in Frankreich flugs ausgetauscht, verdrängt von dem zeitgeistig-witzigen und ansonsten ziemlich irrelevanten Unding von einer Postmoderne, die keiner braucht (die modische Vokabel von Dekonstruieren! hat dann überlebt).

    Ichweissnit, ichweissnit, Verdacht kann man aussprechen, wenn klare Indizien mit klarem Bezug greifbar sind, oder wenn sich eindeutige Quellenlagen herstellen lassen, etwa, dass Soros eingehend des Poppers Offene Gesellschaft studierte, daraufhin, diese Gedanken für die eigenen Zwecke der infamen Manipulation auszubeuten.

    Aber für das Verschwinden einer eingehenden Befassung mit so etwas wie strukturaler Anthropologie, und dann aber die faktischen Parallelen von eben diesem gedanklichen Konvolut mit Googles und Facebooks Imperium lässt sich nur konstatieren, dass dies das Spiel der Zeitläufte ist. Man muss nicht hinter allem und jedem Kontrolle und durchgestylten Gestaltungswillen vermuten. Manchmal hingegen huscht dann wieder eine Quellenlage an einem vorbei, wie etwa die Kagan’schen gedanklichen Konstrukte, wo dann der sich daraus ergebende Vorsatz von amerikanscher Weltherrschaft für das 21. Jh. plötzlich rundherum Nachdruck erfährt.

    Wer mit Panik im Konzert der Aufmerksamkeits-Ökonomie mitmischt, der hat dann wieder ein wenig Futter, um anderen Leuten die Kraft abzugraben, wenn diese sich wieder ein Stück hilfloser fühlen, es passt ja alles so gut zusammen, das ist ja alles konstruiert, usw. Aber nein, dem fiktiven Berichterstatter mit seinen diversen Ausprägungen im medialen Zirkus sind dann einfach nur die endlosen Unwägbarkeiten der Zeitläufte ein Hindernis, einfache Gedanken von Kontrolle und Wirkmacht einfach zu projezieren. Andersherum ist es natürlich gleich endlos mühsam, überall und nirgends endlose Ketten von Fragezeichen stehenzulassen.

    Die korrupte Reaktion strickt an ihren Musterbildungen, deren Analyse ebenso. Was sein wird, wissen beide nicht. Dass überall, wo sich Leute am Strukturbeton von wirkender Macht abarbeiten, gleich dies selbst zum Strukturbeton gehören soll, finde ich jedenfalls zu kurz gegriffen.

    Vielleicht an der Stelle mein Bedauern dazu, dass Jürgen Habermas nicht so etwas wie ein richtiger Revoluzzer war, mit der Sprengkraft, die in der Theorie des kommunikativen Handelns steckt, um dies auf den wesentlichen Punkt zu münzen zu suchen: Im Gegeneinander von einem offenen Diskurs und einem zynischen Diskurs verliert letzterer notwendigerweise, auf längere Sicht. Das ist es doch eigentlich, was J.H. in akribischer Herleitung gezeigt hat. Ich erlaube mir, das zu verkürzen, eben über den kleinen Schwenk über das Strukturale: Der Mensch weiß über kurz oder lang einfach nicht mehr, wovon er eigentlich redet. Die Welt zerrinnt ihm zwischen den Fingern, er verblödet voll wach während er sich selbst zuschaut. Nur der offene Diskurs, der bedingt, dass einer, der zuhört, unentwegt bereit ist, die Position des anderen einzunehmen, gewährleistet den ungemütlichen Pfad des unentwegten Lernens, um den Blick auf die Welt permanent anzugleichen.

    Der zynische Diskurs, immer nur so zu tun, als ob man bereit sei, die Position des anderen einzunehmen, tatsächlich aber unentwegt ihn zu verlachen und ansonsten zu ignorieren, wenn nicht Hass und Unterdrückung auf ihn lioszulassen, gewährleistet eben diese Verdummung auf längere Sicht. Der Strukturbeton wächst und gedeiht. Der faktische Zustand einer kaputten Gesellschaft in den U.S.A. möge als Illustration dienen (etwa derart, wie der Politsenior P.C. Roberts es unentwegt in seinen kleinen Stücken beschreibt).

    Es ist müßig, in solchem Durcheinander der moralischen Zustände nach Kontrolle und steuernder Wirkmacht zu suchen – das spiegelt eher die Ängstlichkeit der Fragenden. Natürlich gibt es solche Art Gier, da und dort im Detail, andauernd, und die Wachsamkeit in der Analyse ist durch nichts zu ersetzen … aber nicht als generelle Linie. Für letztere offenbart sich ja vielmehr die Unfähigkeit zu einem redlichen Diskurs angesichts der Unwägbarkeiten der Zeitläufte. Sie wissen ganz einfach nicht mehr, was sie tun.

    Das mindeste, was ein redlicher Diskurs zur korrekten Beschreibung der Zustände erforderte, wäre Friedfertigkeit und Bescheidenheit. Eigentlich nichts sonderlich Auffälliges. Aber … nun denn.

    (Bitte um Nachsicht, wenn ich den schönen Opablog mit solchen Längen zudichte.)

    • kranich05 schreibt:

      Lieber oder liebe dorengba,
      Sie werden hoffentlich nicht überrascht sein, dass ich „die ungezwungene Listung“ nicht mit Zähnen und Klauen verteidige. (Meine ganze Differenzierung bestand in einem „vermutlich“ vor dem Namen Corbyn.) Einem Nachdenker, einer Nachdenkerin musste mein Posting grobklotzig daherkommen. Um Gerechtigkeit ging es mir offenbar nicht.

      „Beton“? Ja, das trifft zu. Sehr stabiler, viele Meter dicker Bunker-Spezialbeton! Gerade deshalb finde ich „Aus solchem Beton auszubrechen gibt es nicht so viele Möglichkeiten heftig untertreibend. Meines Erachtens trifft zu: Aus diesem Beton auszubrechen gibt es derzeit KEINE Möglichkeiten. Deshalb mein Vorwurf der Scharlatanerie an Jeden/Jede, der/die das Gegenteil behauptet. Den Ausbruch aus dem Beton mögen sich Viele mit aller halbherzigen Leidenschaft wünschen, Vielmehr aber steht an die rücksichtslose Betrachtung, Beschreibung und Analyse des Betons und der Betonbauer.
      Schön Ihre Überlegung: „Leitlinien setzen, für so die Fragestellungen, was ist lockere Unterwanderung, was ist Zufall, was ist massive Intervention.“ Solcher Überlegung Taten folgen zu lassen, auch erste, einfache, davon sind wir Kritiker (im Nebenberuf nicht selten brave Betonbauer) elend weit entfernt. (Das merke ich, wenn ich so meine Alltagsdiskussionen über die Notwendigkeit von Transparenz und Öffentlichkeit des Meinungsstreits in politischen Organisationen Gleichgesinnter führe.)
      Ob ich zum Begreifen der verflixten Zustände unbedingt die eindeutigen Quellenlagen etwa der Soros’schen Bewusstseinsentwicklung brauche? Ichweissnit, ichweissnit. Vielleicht bin ich in dieser Sache erfahrungsgeschädigt: Lange Jahre vor dem Untergang der DDR habe ich subtile und ausufernde theoretische Begrifflichkeit zur Gewährleistung des erfolgreichen Aufbaus des „entwickelten Sozialismus“ bestaunen, studieren und anwenden dürfen. Dann kam das Jahr mit der „einfachen, klaren, nüchternen Fragestellung“ der Geschichte (Lenin hätte gesagt „des Proletariats“) und 90% oder 95% des Papiers waren Makulatur. (5% oder 10% aber waren es nicht.)
      Auch das gefällt mir: „Man muss nicht hinter allem und jedem Kontrolle und durchgestylten Gestaltungswillen vermuten. Manchmal hingegen huscht dann wieder eine Quellenlage an einem vorbei, wie etwa die Kagan’schen gedanklichen Konstrukte, wo dann der sich daraus ergebende Vorsatz von amerikanscher Weltherrschaft für das 21. Jh. plötzlich rundherum Nachdruck erfährt.“
      A Dilemma un wat nu? (Ja, im Ernst, ich meine, mich erneut mit „Was tun?“ befassen zu müssen.)
      die Kraft abzugraben“ – Dante sagte, mensch solle alle Hoffnung fahren lassen, wenn er denn eintrete, und Marx hat das in abgewandelter Form als Leitspruch verwendet.
      Dass überall, wo sich Leute am Strukturbeton von wirkender Macht abarbeiten, gleich dies selbst zum Strukturbeton gehören soll, finde ich jedenfalls zu kurz gegriffen.“ Ich will ja nicht rechthaberisch sein… Und wenn gerade in dieser Richtung die Antwort gesucht werden müsste?
      Habermas kenne ich leider nicht. So, wie Sie schreiben, halte ich es für möglich, dass er meinem Denken nutzen könnte. Fragwürdig freilich, wenn er selbst schon kein Revoluzzer war, dass sich keine „richtigen Revoluzzer“ fanden, den Geist seiner wertvollen Theorie zu erlösen.
      Ja, „sine ira et studio“. Ob das gleichbedeutend ist mit „Friedfertigkeit und Bescheidenheit“ möchte ich offen lassen.

      Freundliche Grüße
      vom
      Opa

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