Konturen der Krise (IV)

In der bisher letzten Folge dieser kleinen Reihe stellte ich fest, dass die Menschheit ihren Stress, ihren derzeitigen Entwicklungsstress, u. a. deshalb nicht überwinden kann, weil „die Wirklichkeit des Antagonismus … ignoriert, verdrängt, geleugnet“ wird. Ich sehe drei Arten, mit dem Antagonismus unangemessen umzugehen.

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Der Antagonismus wird zwar wahrgenommen aber nur statisch, nur in Form unvermittelter Gegensätze, ohne ihre Dynamik, Wechselwirkung, ohne ihren „Kampf“.

Die diversen Blockupy- und Occupy-Initiativen skandalisieren durchaus das eine Prozent oder 0,1% gegen den Rest der Gesellschaft. Aber außer theatralisch-radikalen Ansprüchen, wie sie sich nicht zuletzt in den selbst gewählten Namen ausdrücken, unterbleibt die grundsätzliche, sowohl theoretische wie strategische politische Auseinandersetzung mit dem verbalisierten Problem. So verebbt, was als diffuse Empörungswelle startete (und hin und wieder als Protestevent wiederholt wird), in der Akzeptanz einer mehr oder weniger bedauernd festgestellten, offensichtlich unabänderlichen Ungleichheit. Dazu passt, dass die bürgerlichen Medien als Begleitmusik zum jährlichen Forum der Mächtigen in Davos, die jeweils neuesten Rekorde der Ungleichheit verkünden.

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Der Antagonismus wird zwar wahrgenommen aber nicht zu Ende gedacht bis zu seiner potentiell tödlichen Konsequenz.

Gewiss, Widerstreitendes wird festgestellt, Handlungsbedarf wird erkannt. Er bestehe etwa darin, Gemeinsamkeiten zu finden, den Dialog zu führen, Vorverurteilungen zu vermeiden, sich auf Verbindendes zu besinnen usw. Dabei wird der Handlungsrahmen von vornherein so eingeschränkt, dass ein Kampf „Wer? Wen?“, der mit dem Untergang der einen Seite endet, ausgeschlossen wird. Das wird gern mit einem Seitenhieb auf „marxistisch-leninistische Klassenkampfrhetorik“ bekräftigt. Dass Geschichten wie die von Kain und Abel und Jesus Christus, dass die Schicksale von Gandhi und Martin Luther King FriedensdenkerInnen dieser Orientierung eigentlich nur wenig Bestätigung bieten, ficht sie kaum an. „Wir lieben alle“, frei nach Mielke. Liebe soll die Welt erlösen, als ob Hass keine menschliche Äußerung wäre.

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Sozialer Antagonismus wird zwar nicht rundheraus bestritten aber zu einer schlechten Abstraktion verflacht. Er wird nicht aus der vollen Wirklichkeit, sondern aus einer amputierten Wirklichkeit abgeleitet.

Der Mensch als ein „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Marx) ist nun einmal dieses widersprüchliche Wesen, dass zugleich materiell determiniert und zugleich frei ist. Wie er/sie in jedem einzelnen Fall praktisch handeln kann und es dann wirklich tut, bedarf der wahrhaft umfassenden Analyse und Synthese. Dabei haben Philosophie und Kunst, Psychologie und Mutterwitz, vielleicht sogar Religion, ihren Platz. Auf unser Problem bezogen heißt das: Zwischen den Menschen (in ihrem sozialen Verkehr)  gibt es die Möglichkeit des endgültigen, tödlichen Antagonismus UND sie haben die Möglichkeit die tragische, tödliche Lösung zu vermeiden und Vermittlungen ihrer Gegensätze zu finden, die lebensbejahend und menschenwürdig sind.

BEIDES muss gleich ernst genommen werden, denn BEIDES ist möglich.

KEIN DRITTES  entscheidet für die Menschen. Es liegt alles in ihnen selbst. Was Wirklichkeit wird, entscheiden sie selbst in ihrem sozialen Verkehr.

Es gibt also keine größere Aufgabe der Menschen als ihr eigenes soziales MITEINANDER. In dieser Richtung liegt nach sozialistischer Revolution und gescheitertem Realsozialismus, während der neoliberalen Globalisierungsanstrengungen des Imperialismus und bei sich etablierendem digitalen Zeitalter Arbeit genug.

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