Konturen der Krise (III)

Um eine Formulierung aus der zweiten Folge noch einmal zu erwähnen: „Eherne Gesetze“ – na ja, Dummsprech (wie Marx höhnte), von dem Linke, Aufgeklärte nicht frei sind. Ich frage mich, ob „Historische Mission“ soviel besser ist.

Der Antagonismus von Menschengruppen ist Grundgesetz der bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse, zumindest in der Klassengesellschaft. Antagonismus in seiner Konsequenz schließt Auslöschung der Gegengruppe ein (Beispiel aus unserer Zeit: Die tägliche Auslöschung der DDR). Triebkraft/Inhalt des Antagonismus ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

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Marx und Engels und in der Nachfolge Lenin haben das Grundgesetz des Antagonismus historisch konkret im Antagonismus der (wohldefinierten) Gesellschaftsklassen Bourgeoisie und Proletariat erkannt. Sie haben damit den Antagonismus tief verstanden und zugleich die prinzipiell nichtutopische Perspektive seiner historischen Aufhebung eröffnet. Sie haben den Antagonismus von Bourgeoisie und Proletariat ökonomisch, politisch, ideologisch, kulturell, kurz: allseitig untersucht und daraus umfassende theoretische und praktische Schlussfolgerungen gezogen, bis hin, dank Lenins Genie, zu den so notwendigen ideologisch-organisatorischen Schlussfolgerungen. Auf diesen Grundlagen wurden die gewaltigen historischen Errungenschaften der siegreichen russischen Revolution von 1917/1918 und die Jahrzehnte des Realsozialismus Wirklichkeit.

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Die Entwicklungstendenzen und der schließliche Untergang des Realsozialismus deuten darauf hin, dass Marx, Engels und Lenin als die früher so genannten Klassiker aber auch unzählige weitere hervorragende Köpfe der revolutionären Bewegung, vor allem aber auch die Massen der revolutionären Veränderer, das Antagonismusproblem der Gesellschaft und das ihm zugrunde liegende Ausbeutungsproblem nicht ausreichend tief erfasst haben. So wurde auch die (grundsätzlich nichtutopische) Aufhebungsperspektive nicht durchschlagend in Praxis übersetzt. Vielleicht reichte der Entwicklungsgrad der menschlichen Kultur noch nicht aus, um diese Aufgaben bereits im 20. Jahrhundert „unwiderruflich“ zu lösen.

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Die Menschheit ist seit Beginn des Nuklearzeitalters bei Strafe der Selbstzerstörung ihrer viele Jahrtausende währenden kulturellen Entwicklung zur Lösung ihres Antagonismusproblems „verurteilt“. Sie könnte diesen Stress mit Erfolg meistern, denn es sind bedeutende neue Lösungspotentiale entstanden. Jedoch gibt es große, zutiefst beunruhigende, Rückstände bei der Mehrung und Mobilisierung dieser Potentiale. Zweigesichtig sind diese Rückstände: Erstens: Die Wirklichkeit des Antagonismus wird ignoriert, verdrängt, geleugnet. Zweitens: Die Bedingungen, Voraussetzungen, Regeln und schließlich Gesetze der Mobilisierung werden missachtet.

Es gibt sozusagen eine zweieinige Aufgabe, der die Aktiven, die Menschen überhaupt, sich energisch und zäh zuwenden müssten.

Zur vierten dieser losen Folge von Postings geht es hier.

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4 Antworten zu Konturen der Krise (III)

  1. Pingback: Konturen der Krise (II) | opablog

  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Lieber Kranich 5,
    ich versuchte mich darin, das von Ihnen beschriebene Antagonismusproblem auf eine lebendige Demokratie anzuwenden, da stieß ich auf die Ankündigung „Prof. Dr. Rudolf Hickel beim Sozialgipfel NRW. Prof. Hickel wird zusammen mit Gabriele Schmidt von ver.di, Alexis Passadakis von attac und Özlem Alev Demirel von den LINKEN an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Demokratie & Klassenkampf: DIE LINKE im Landtag“ teilnehmen. Im folgenden Interview mit dem Linksletter stellt er seine Position dar:

    http://www.dielinke-nrw.de/nc/politik/linksletter/linksletter_nrw_artikel/detail_ll/zurueck/linksletter-aktuell-2/artikel/prof-dr-hickel-beim-sozialgipfel-nrw/

  3. Theresa Bruckmann schreibt:

    In Ergänzung dazu: heute, 02. Mai, in den Nachdenkseiten:

    „Es herrscht Klassenkampf“
    Jens Berger im Gespräch mit Özlem Alev Demirel ebenfalls über den am 07. Mai stattfindenden Sozialgipfel NRW unter dem Motto „Zeit für Veränderung“.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=33212#more-33212

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