Konturen der Krise (I)

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Ich habe den Eindruck, dass wir uns seit einiger Zeit in einer Krise befinden, weltweit. Manchmal meine ich, dass das eine „Endzeitkrise“ werden könnte. Sie wird sich wohl noch Jahrzehnte hinziehen.

Versuche ich, den Beginn der Krise zu benennen, werde ich sofort unsicher. Es gibt so viele Zäsuren: 2008, 2000/2001, 1989/91, 1960, 1945, 1933, 1918, 1900/1914, 1870.

Mir fällt auf, dass berühmte RevolutionärInnen, wie Marx, Engels, Lenin, Luxemburg aber auch Andere (z. B. ein gewisser Jesus), jeweils zu ihrer Zeit meinten, dass die ganz große Umwälzung („Weltrevolution“, „Reich Gottes“) bald bevorsteht. In Wirklichkeit kam es anders. Vielleicht neige auch ich (und „Umwälzungswünscher“ überhaupt) zu wirklichkeitsfernen  Krisenvorstellungen?

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Revolutionen – „Lokomotiven der Geschichte“ oder „der Griff zur Notbremse“, wir sind uns da nicht ganz einig – hat es schon viele gegeben, darunter auch Große, wie 1789/94 oder 1917/18. Manche Revolutionen haben wirklich Einiges verändert. Auf lange Sicht aber sind ihre Wirkungen eher gering. Das fällt ins Auge, wenn wir nicht so sehr die Formveränderungen betrachten, sondern das Wesentliche.

Die hierarchische Spaltung der Gesellschaft – oben/unten, arm/reich, Ausbeuter/Ausgebeutete – hat keine Revolution beseitigt. Vielleicht muss mensch aber einen großen Unterschied bedenken: Die eine Art Revolution, klassisches Beispiel: die französische von 1789/94, hat die Klassenspaltung der Gesellschaft nicht beseitigt, weil sie siegreich war. Die andere Revolution aber, die russische von 1917/18, schaffte das nicht, weil sie (in einem längeren Prozess) „entgleist“ ist, eine Niederlage erlitten hat.

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Wenn wir den Gedanken zulassen, dass die Große Russische Revolution von 1917/18 nach siegreichen ersten Jahren schließlich der Konterrevolution unterlag, wenn wir zusätzlich berücksichtigen, dass sich das in einem ziemlich langen Prozess (1917 bis 1991 = 74 Jahre) ereignete, dann müssen wir wohl  zugestehen, dass das Thema „Revolution“ nicht völlig erledigt ist. (Es wurde nicht „sauber abgearbeitet“.) Dann könnte es sein, dass der Versuch, sich klarer zu werden über die Konturen der Krise, die die Menschheit durchlebt, die „Bewältigung“ dieser historischen Erfahrung verlangt.

Trotzdem ist es, meine ich, erlaubt, das Thema „Revolution“ vorerst zurück zu stellen und sich zunächst den Triebkräften der Menschheitskrise zuzuwenden. Es muss etwas zur Katastrophe treiben, damit überhaupt die Notwendigkeit eines korrigierenden Eingriffs entstehen kann (durch eine Revolution oder auf welche Weise auch immer).

Das zweite dieser losen Folge von Postings ist hier.

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3 Antworten zu Konturen der Krise (I)

  1. Analitik schreibt:

    „Versuche ich, den Beginn der Krise zu benennen, werde ich sofort unsicher. Es gibt so viele Zäsuren: 2008, 2000/2001, 1989/91, 1960, 1945, 1933, 1918, 1900/1914, 1870.“

    Wenn man sich die Entwicklung der Weltbevölkerung im genannten Zeitraum anschaut, sieht man einen explosionsartigen Anstieg. Es ist eine permanente jahrhundertelange „Krise“, bei der wir uns vermehren wie die Kaninchen. Das zwingt uns dazu, uns immer wieder neu zu organisieren. Der Prozess des Neuorganisierens ist immer zumindest für Teile der Bevölkerung schmerzhaft. Der Umbruch wird als Krise wahrgenommen.

    • kranich05 schreibt:

      Ich neige dazu, die Zunahme der Weltbevölkerung als einen sekundären Faktor zu betrachten, was ja nicht heißt, das sie bedeutungslos sei.
      Die Zunahme der Lebenserwartung oder des physischen Wachstums der Individuen sehe ich als ähnlich sekundär.
      Primär scheint mir, in gut marxistischer Manier, die Produktivkraftentwicklung zu sein bzw. ihr Spannungsverhältnis zu allen Produktionsverhältnissen einer gegebenen Gesellschaft.

  2. Pingback: Konturen der Krise (II) | opablog

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