Im Treibsand

Es ist ungefähr hundert Jahre her, dass Rosa Luxemburg formulierte, es gebe nur die Alternative zwischen Sozialismus oder Barbarei. Der Realsozialismusn ist untergegangen, und wir versuchen nun täglich in der Barbarei, die wächst und wuchert, zurecht zu kommen.

Laufend zugeschüttet mit teils entsetzlichen, teils nur wirren Botschaften, entsteht ein Gefühl, im Treibsand zu versinken. Zwar schützt sich mensch damit, möglichst alles „sportlich“ zu nehmen. („Ist ja sowieso fast alles Medienschaum.“) Doch die Toten sind wirkliche Tote – Kriegstote, Terrortote, Geheimdiensttote, Gazatote, Hungertote, Meerestote, Polizeiwillkürtote, Depressionstote, Seuchentote, Menschentote aus Nutzlosigkeit und Tiertote aus Nützlichkeit.

Ich lebte lange in dem Bewusstsein, das große Schlachten der Jahre 1939 bis 1945 sei etwas Einzigartiges und Unwiederholbares gewesen (ganz so, wie Karl Kraus (davon wusste ich aber zunächst nicht) eine Generation zuvor den ersten Weltkrieg als einen einzigartigen Kulturbruch erlebt hatte – „Die letzten Tage der Menschheit“). Doch das war ein falsches Bewusstsein. Das große Schlachten ist unser Normalzustand.

Dass überall die dünne Haut aufbricht und überall Blut austritt, erschreckt nun zutiefst. Denn es ist klebrig und unser eigenes Blut. Was bleibt da außer Entsetzen und Kopflosigkeit? Wir haben nie mehr als die Haut sehen wollen, und die war glatt. Wie sollten wir plötzlich Rat wissen?

Die jetzt mürbe Haut hatte immer den ungeheuerlichen Koloss umspannt, den Koloss, aus dem jedes Leben, jede Menschlichkeit, jede Vernunft ausgetrieben war, den Koloss des endlosen privaten Reichtums.

Die KosmetikerInnen des Kolosses, noch mit den kaum mehr brauchbaren Fetzen und Schminkfarben in der Hand, spüren die drohende Panik. Die glatte Haut des Kolosses ist zerrissen, er als nackte Vernichtungsindustrie ist vorhanden, die kann aber nicht einfach in Betrieb genommen werden. Noch braucht der Koloss funktionierende Bandagen, Halteseile, Binden, meterbreites Klebeband, das den Anschein jeder gewünschten Stabilität erzeugt.

Der Koloss brauch Geld, nicht Spielgeld, und er braucht Spielmenschen, nicht Menschen.

Eine Million, zwei Millionen, fünf Millionen entwurzelte Menschen? Hier sind sie.

Die Flüchtlinge kommen nicht? Wir holen sie.

Die Flüchtlinge wollen nicht? Wir zwingen sie.

Es sind keine Flüchtlinge vorhanden? Wir produzieren sie.

Es gibt dort Menschen? Wir vernichten sie.

Dort ist Land? Ja, dieses Land stampft der Koloss unter sich.

Dort und hier.

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Eine Antwort zu Im Treibsand

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke Kranich 05 (opa)

    für die Gedanken „Im Treibsand“ und den Hinweis auf Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“. Vor der Wucht dieser Worte erscheinen alle meine Sätze klein und unbedeutend. Ich versuch’s aber in der Hoffnung, dass andere mit- und weiterdenken!
    Ja, der Realsozialismus ist untergegangen und es wird viel daran
    gearbeitet, dass selbst die Erinnerung an etwas Positivem daran –
    ein für alle mal – getilgt wird. Gleichwohl gibt es Beispiele, die sich aber nicht – oder nur kurz – entfalten durften. Das was wir jetzt haben, sollte konkurrenzlos sein und bleiben mitsamt den
    unhinterfragbaren Institutionen.
    Was die Troika mit Griechenland gemacht hat und was die EU jetzt Griechenland aufbürdet, den wunderbaren Griechen, das überschreitet auf jeden Fall eine rote Linie.
    Was jetzt Not tut, ist eine klare und von der Mehrheit der Menschen unterstützte Vorstellung davon wie ein „gutes Leben und Zusammenleben“ heute aussehen soll. Eine Vorstellung auch davon, welcher vertragliche und institutionelle Rahmen großzügig genug wäre, die Verwirklichung einer solchen Vorstellung zuzulassen. Dann kann man sich auf den Weg machen. Welchen Namen man dieser Gesellschaftsform geben wird, erscheint mir nicht vordringlich, eine in sich stimmige Theorienbildung auch nicht. ABER die Umkehr muss stattfinden in Richtung einer
    demokratischen und solidarischen EU.

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