Damals, 1944 / 45 – Hier: Die Russen kommen

Kurt erzählt:

Sie kamen am 2. Juli 45. Nur wenige Stunden nach dem beeindruckenden Abmarsch der Amis. Und wie sie kamen. Für die Gang war es eine einzige Enttäuschung. Sie kamen unsere Straße im Berg in zwei größeren Gruppen herauf, beide getrennt durch ein Pferdegeschirr mit Wagen, wie wir sie bisher nur auf Bildern der Ost -Wehrmacht gesehen hatten: Ein Pferd, größer als ein Pony, kleiner jedoch als ein Landpferd, wie wir es kannten, zwischen zwei langen, an einem kleinen offenen Wagen befestigten Stangen laufend, die untereinander verbunden sind durch einen halbkreisförmigen hölzernen Bügel hoch über den Kumtbügel, wie wir ihn kannten, also am Kopfende des Pferdes. Wir wussten jedoch Bescheid: Ein Panjepferd und ein Panjewagen, dieser mit Gummireifen.

Die beiden Gruppen gingen „ ohne Tritt “. Ihre Uniformen, in der Farbe schwer zu bestimmen, vielleicht erdig – bräunlich, waren irgendwie ziemlich mitgenommen, wie ihre Halbschäfter – Stiefel auch. Auf den Köpfen schiffchenartige Käppis, teilweise verwegen aufgesetzt, auch ziemlich mitgenommen. Als Bewaffnung Maschinenpistolen, vor die Brust gehängt, aber auch Gewehre. Hinter der letzten Gruppe nochmals ein Panjepferd mit Wagen, dieser bestückt mit einem Maschinengewehr und zwei aufgesessenen Soldaten. Daneben fuhr die gleiche Aufmachung, statt MG auf dem Wagen war eine Gulaschkanone an ihn angehängt. Kommandierende, mit Mütze, Pistolentasche am Koppel und gleichfalls Halbschäftern, gingen links neben den Gruppen.

Wir sahen uns entgeistert an. Kein Schneid. Keine Musik. Irgendwie müde alles. Nicht einmal eine Fahne war zu sehen. Und die sollen bleiben? Zu holen war da nichts. Das war klar. Nur eines erheiterte uns etwas: Da waren gar nicht wenige darunter mit Schlitzaugen wie die Eskimos. Konnten die überhaupt richtig gucken? Wir grinsten sie ein wenig an. Die wiederum schienen sich über uns zu amüsieren.

Es musste dann alles sehr schnell gehen: Die Russen wollten in die Baracken rein, worin wir aber erst einmal saßen. Also schnell raus – raus. Und wieder zurück in unsere Wohnungen. Für Raus und Zurück gab es den nächsten Tag, bis 16 Uhr. Wir hatten damit eigentlich keine Probleme, weil wir ja ohne jede Möbel von uns in die Baracken mussten, als die Amis kamen. Die sehr dürftige Möblierung dort blieb auch dort. Wir zogen außer mit Bettzeug, Kleidung, Schuhzeug und einigem Geschirr praktisch mit nichts wieder zurück. Das war jetzt vorteilhaft. Das Problem war der Weg. Wir mussten in mit dem Handwagen mindestens dreimal gehen. Jede Strecke war ca. 2,5 Km lang. Wo die Russen die Nacht über verbracht hatten, wussten wir nicht. Jedenfalls lagen sie am nächsten Tag ab Mittag vor den Baracken und warteten darauf, dass wir da raus waren. Bis 16 Uhr, bedeutete uns ein Kommandierender und zeigte dabei auf seine Armbanduhr. Stadtvillen, die bereits durch die Amis besetzt wurden, belegten nachrückende Kommandos höherer Chargen. Brauchte hier bei uns mal jemand Unterstützung, beim Packen etwa, griffen die Soldaten mit zu. Ihre Gulaschkanone stand unter Dampf. Essen gab es auch. Die Gang belagerte sie nicht: Wir waren voll in den Auszug einbezogen.

Der Wiedereinzug vollzog sich ohne Schlüssel, da beide zur Wohnungstür gehörigen ab-gegeben werden mussten, als die Amis einzogen, und natürlich unauffindbar blieben. Papa öffnete mit einem selbst zurechtgebogenen Dietrich. Die Wohnung: Ungesäubert. Natürlich. Die Möbel: Verschrammt. Paar Stühle zerbrochen oder angeknackst. Der große Kleiderschrank im Schlafzimmer muss das Ziel für das Werfen mit Seitengewehr vom Doppelbett aus gewesen sein. Einige Gardinen gaben offensichtlich das Tuch ab zum Putzen des Schuhwerkes. Die gusseiserne Platte des Küchenofens angebrochen. Einige Ringe fehlten. Na ja. Besatzermentalität. Da wird der Jonny zur Sau. Muttern standen Tränen in den Augen. Papa fasste sie unter: Das wird schon wieder. Hauptsache, dass es jetzt langsam normal wird. Mein großer Bruder und ich sagten nichts. Wir dachten aber das Gleiche, wie wir nachträglich einmal feststellten: Wir hatten auch schon mal mit einer Luftpistole die gläsernen Eiszapfen vom Tannebaum geschossen, als wir ihn abputzen sollten. Und Papa im Krieg und Muttern nicht zu Hause war.

Es dauerte, bis die schlimmsten Schäden behoben waren. Zwei Schwestern von Muttern wohnten in Bereichen der Innenstadt, die nicht von den Amis oder Russen belegt wurden. Ihr Hausrat war nicht nur unversehrt, da gab es auch Reserven. Damit wurde ausgeholfen. Die unbrauchbaren Stühle wurden ersetzt. Gardinen angepasst. Ein größerer Schrank als Kleiderschrank fand sich auch. Probleme bereitete der Küchenofen. Da gab es jedoch mitten in der Stadt eine Schmiedewerkstatt, in deren Arbeit man durch ein großes Tor und einen anschließenden breiten Gang von der Straße aus einsehen konnte. Wir Jungen standen oftmals davor. Es war gruselig, den vom offenen Schmiedefeuer flackernd ausgeleuchteten schwarzen Raum und die Arbeit der beiden Schmiede zu sehen. Der Höhepunkt für uns war, wenn ein Pferd zum Beschlagen der Hufe da hinein geführt, kurz angebunden wurde, und der eine der beiden, Meister und Geselle waren nicht zu unterscheiden, sich ans Pferd setzte, das jeweilige Unterbein des Pferdes auf den Schurz nahm, das alte Hufeisen lockerte und mit einer großen Zange die Nägel entfernte, das Horn der Hufsohle mit einer großen Feile ausglich, und der andere das glühende neue Hufeisen durch Zugießen von Wasser zischend kühlte und es dem Pferd anpasste und aufnagelte. Diese Schmiede musste die Rettung sein. Obwohl: Gusseisen in einer Schmiede? Papa erreichte es mittels seiner noch nicht ganz verbrauchten Zigarettenstangen der Amis, dass der Meister sagte: Haben wir, und dann eines Tages zu uns nach Hause kam, sich die Herdplatte ansah, Maße aufnahm und nach einer Flasche Bier erklärte: 25 M. Das Material extra. 30 Eier. In 4 Wochen fertig. In Ordnung, sagte Papa. Und hier noch eine Flasche Bier, zum Frühstück. In Ordnung, sagte der Meister. Und hielt Wort. Die Bierzeremonie wiederholte sich dabei. Papa war eigentlich Tischler. Gesundheitlich bedingt musste er jedoch umsatteln. Er ging zur Post und wurde Briefträger. Das kam uns hier zugute. Die 30 Eier organisierte er über die Bewohner der in den Randgebieten der Stadt in Gärten und Schonungen versteckten kleinen Wohnhäuser, wenn seine Tour zu ihnen führte. Es gab da sogar einen richtigen Bauernhof. Alle hatten Kleinvieh. Was für schöne Hühner darunter.

Ansonsten war der Bezug von Nahrungsmitteln weiterhin kontingentiert. Es gab nur etwas auf Verbraucherkarten. Wie im Krieg. Man kannte schon nichts anderes mehr. Es war normal. Fischkarten gab es keine. Fisch gab es selten. Und wenn, dann wurde er auf Fleischkarten verrechnet. Ein Hering kostete auf dem Schwarzmarkt mindestens 11 Mark.

Die „ Ernährungsfront “ beeinträchtigte die von allen erhoffte langsame Normalisierung des Lebens nicht. Wohl ohne es zu wissen trugen die Russen auch selbst etwas zu dieser Normalisierung bei: Durch ihr Singen. Immer dann, wenn sie durch das Städtchen zogen, sangen sie. Ein Vorsänger begann, dann fiel die Truppe ein. Und wie sie sangen! Es hallte weit heraus aus dem Städtchen. Einfach schön. Wir Jungen parodierten natürlich etwas, wenn sie in unsere Nähe kamen. Wir marschierten an einer Seite mit und sangen auch. Aber nur einen eigenen Refrain. Und der endete bei uns immer auf „ Läberwurscht! Läberwurscht!“. Weil wir einen ähnlichen Tonlaut von den Sängern wiederholt vernahmen und ihn in unser Deutsch übersetzten. Die Sänger feixten uns an. Im Singen.

Entscheidend für die einziehende Normalisierung jedoch war etwas anderes. Entscheidend war, dass tatsächlich durch die Russen „ nichts passierte “, wie Papa das beim Abzug der Amis vorausgesagt hatte. Nichts, wenn jemand kein Nazi war. Dann schon. Das wurde zumeist auch verstanden. Vor allem passierten keine Übergriffe gegenüber den Bewohnern. Es gab nur einen einzigen derartigen Fall, über den getuschelt wurde. Bekannte von uns sahen einmal ungewollt, wie da gegenüber den Tätern, drei junge Kerle waren es, bei einem Vergehen, das nicht recht auszumachen war, durchgegriffen wurde. Beinahe bekamen sie Mitleid mit den Tätern. Die große Angst vor Vergewaltigungen war hier in dieser kleinen Stadt völlig unbegründet. Es gab sie hier auch nicht. Eine kleine Wahrheit. Derartiges wurde jedoch generell behauptet in der Zone für die Zone. Die große Zonenlüge.

Die Normalität begann mit Wiederbeginn des Unterrichtes in den Schulen. In Thüringen war das für die Volksschulen am 1.10.45. Für die Oberschule in unserer Kleinstadt am 5.11.45.

Die Schulpflicht war nach 8 Jahren abgegolten. Die Jahre im Nazireich zählten dabei natürlich mit. Wer zur Oberschule kam hängte 4 Jahre an.

Beide Schulen hatten eigene Schulgebäude. Infolge der Schulreform in Thüringen gehörte die Oberschule, deren letzte Klasse 1944 gebildet wurde, erst einmal zur Volksschule. Sie blieb aber in ihrem angestammten Gebäude, z.T. mit ihren früheren Lehrern. Dabei gab es auch Überraschungen. Ein habilitierter Deutschlehrer wurde der erste Russischlehrer an der ehemaligen Oberschule. Der Doktor und Russisch?, fragten wir uns. Ein ehemaliger Berufsschullehrer unterrichtete in der ehemaligen Oberschule Erdkunde, Physik und: Deutsch.

Ab September 1948 erfolgte dann wieder die Trennung in Oberschule und Volksschule. Ich selbst wurde 1940 eingeschult. Nach 8 Jahren kam ich im September 48 zur Oberschule. Schulgeld dafür mussten meine Eltern nicht mehr zahlen. Bis Ende des Nazireiches war es erforderlich gewesen. Sie zahlten für meinen Bruder, der bereits seit 1943 an der Oberschule war. Die Höhe des Schulgeldes kenne ich nicht. Für mich jedenfalls schafften sie diese Zahlung nicht mehr. Ich blieb deshalb bis 1948 in der Volksschule. Mein Bruder sollte 1950 das Abitur machen. Und da passierte es.

1948 kam ein promovierter neuer Lehrer an die Oberschule. Weltanschaulich gab es für ihn neben Stalin und Lenin abgestuft nur noch Marx und Engels, sonst niemanden. Ein widerlicher Kerl. Er unterrichtete Biologie und Geschichte und mischte diese Fächer zu gut 60% mit diesen damaligen 4 Klassikern, eigentlich nur mit Stalin, weltanschaulich tönend auf. Es war zum Davonlaufen. Bis sich über die untergründige städtische Vernetzung herausstellte, dass dieser Lehrer bis 1945 in einer etwas entfernten großen Stadt ein strammer Nazi an einer dortigen Schule war. „ Unsere “ Russen hatten das entweder noch nicht mitbekommen, oder sie tolerierten den Nazi und freuten sich über den kompromisslosen Stalinisten. Nicht so die angehende Abiturklasse 1950. Sie organisierte eine nächtliche Demonstration vor dem Haus dieses Kerls und beschmierten die Hauswand mit einem Sowjetstern. Statt mit einem Hakenkreuz. Die Intellektuellen sahen mal wieder nicht durch.

Im Haus hatte sich zwar niemand geregt, und es war dunkel, unsere Russen machten ihnen jedoch schnell Licht. Wohl deshalb, weil der Nazi – Stalin sie auf die Spur brachte. Die Klasse wurde aufgelöst. Es gab keine Abiturklasse 1950 mehr. Ihn allerdings auch nicht. Er war weg. Etwa 6 – 8 Schüler wurden in der Kreiskommandantur der GPU im Keller eingebuchtet. Mein großer Bruder darunter. Sie mussten Kartoffeln schälen. Kohlen verladen. Und auch nichts tun. Tagelang einfach nichts. Ab und zu gab es Vernehmungen mit immer gleichen Fragen. Nachts. Und nachts blieb auch die Beleuchtung an. Paar Decken hätten es auch mehr sein können. Nach etwa anderthalb Wochen hatten die Russen wohl heraus, dass sie es nicht mit ehemaligen Werwölfen sondern ganz einfach mit bescheuerten Abiturienten zu tun hatten. Sie setzten sie auf die Straße und ließen sie nach Hause marschieren. Etwa 25 Km. Laufen! Nix Bus! Unterwegs wurden die Geher von einem russischen Motorrad mit Beiwagen und 2 – Mann Besatzung überholt.

Die Jungs konnten dann doch noch ihren Weg machen. Mein Bruder etwa lernte Maschinenschlosser. Studierte dann an einer Ingenieurschule in Sachsen. War in einem Ministerium in Berlin / Ost. Und wurde Chef der Entwicklung in einem Maschinenbaugroßbetrieb…

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Siehe auch: “Die verdammten Erinnerungen…,”

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