Arbeiten in Katar – Bericht von Bakram D., Kathmandu, Nepal

Ich komme aus einer sehr armen Familie – wir sind so arm, dass kann sich keiner vorstellen. Unser Leben ist schwierig und ohne die Arbeit meiner Mutter , die in verschiedenen Familien seit vielen Jahren Wäsche wäscht und im Haushalt hilft – und ohne die Hilfe einer befreundeten Familie – könnten wir nicht überleben. Seit dem Erdbeben in Nepal hat sich unsere Situation verschlimmert, weil viele Leute, die meine Mutter beschäftigt haben, alles verloren haben und auch kein Geld mehr übrig haben. Im ganzen letzten Jahr konnten wir keine Kleidung kaufen und waren darauf angewiesen, dass wir Kleidung geschenkt bekamen. Wir, das sind meine Mutter, mein Bruder und ich; meine ältere Schwester hat Anfang des letzten Jahres geheiratet; aber auch ihr geht es existentiell nicht besonders gut. Wir wohnen seit ich mich erinnern kann in einem Zimmer, wo in der Mitte die Kochstelle aufgebaut und gegessen wird. Abends werden die Matratzen ausgerollt, die knapp in den Raum, ca. sieben qm, passen. Die Waschgelegenheit ist für viele andere Familien, die auch nur ein Zimmer bezahlen können, für alle im Hof.

Trotz all dieser Schwierigkeiten konnten meine Schwester und ich mit der Unterstützung der befreundeten Familie und Freunden von ihnen in Deutschland Abitur machen; mein jüngster Bruder geht in die letzte Klasse des Gymnasiums und ist der Klassenbeste. Die Schule in Nepal kostet Schulgeld und meine Mutter hätte das nicht für uns Kinder verdienen können.

Mein Onkel überredete mich, nachdem ich Abitur gemacht hatte und aus finanziellen Gründen keine Chance hatte zu studieren – was ich gerne gemacht hätte – mit ihm gemeinsam nach Katar zu gehen, um gut zu verdienen. Ich wollte meine Mutter unterstützen und besonders auch meinen jüngeren Bruder! Ich hoffe, dass er alles das erreichen wird , was ich nicht erreichen kann.

In Kathmandu gibt es verschiedene Büros von Firmen, die Arbeiter für Katar anwerben. Mein Onkel erledigte alles für ihn und mich; ich war nur einmal in einem der Anwerbebüros, um die Einverständniserklärung zu unterschreiben und wegen der ärztlichen Untersuchung. Diese Firma (der Name der Firma ist dem Übersetzer bekannt) ist verantwortlich für die Abwicklung der Anwerbung und auch später der Rücktransporte von Katar nach Nepal.

Bis zum Abflugtermin nach Katar erkrankte ich an hohem Fieber und kümmerte mich deswegen um nichts; mein größter Fehler war, dass ich alles meinem Onkel überlassen und ihm total vertraut hatte. Ich hatte die Papiere nicht durchgelesen, die ich unterschrieben hatte, weil mein Onkel mir gesagt hatte, dass alles in Ordnung ist.

Am 17. Oktober 2014 flogen wir, 14 Nepalesen, nach Katar und wurden dort von einem Angestellten der Anwerbefirma abgeholt. Als erstes wurden uns dort die Einverständniserklärung und unsere Pässe abgenommen .

Nachdem wir im Camp in Katar angekommen waren, begrüßten uns viele weinende Männer, die zu uns sagten: „Ihr seid nun also auch in unser Gefängnis gekommen, um uns Gesellschaft zu leisten!“ Ich war geschockt.

Für uns Arbeiter gab es einen Raum mit 13 Betten; jedes Bett hatte zwei Etagen. Jeweils zwei Leute mußten in einem (!) Bett schlafen. Insgesamt waren wir 80 Leute – aus verschiedenen Ländern wie Nepal, Indien, Bangladesh, Ägypten und Sudan – in diesem kleinen Raum; was bedeutete, dass nicht für jeden ein Bett zur Verfügung stand . Viele schliefen also auf dem Fußboden oder versuchten sitzend, teilweise Karten spielend, die Nacht zu überstehen.

Uns wurde gesagt, dass wir 26 Tage im Monat arbeiten müssten, und falls wir einen Tag nicht kommen würden, würde uns der Lohn für 4 Tage abgezogen werden. Das hieß für uns, dass wir auch bei Erkrankung arbeiten müssten. – Ich wollte zurück nach Nepal, als ich das alles erfuhr; aber mein Onkel, der zu der Zeit eine üble Rolle in meinem Leben spielte, sagte mir, dass das laut Vertrag nicht möglich wäre.

Am nächsten Tag brachte uns der Boss zu einem Büro, das 30 Minuten von unserem Camp entfernt war und drei Räume hatte. In diesen Räumen waren mehr als zehn Partnerfirmen – Joint Venture. Ich erinnere fünf der Firmennamen: Najath, Vision, Blue Sky, Radial Trading und Bim Mohamad.

Ich entschloss mich, meiner Firma zu sagen, dass ich zurück nach Nepal möchte. Sie sagten mir, dass ich erst nach einem Jahr Arbeit mit meinem Ticket Katar verlassen könne. Und dass ich Geld bezahlen müßte für den Gebrauch des Bettes, des Kissens, der Lunchbox, des Trinkglases und des Sicherheitsmaterials. Für eine vorzeitige Rückkehr nach Nepal würde der Lohn des ersten Monats einbehalten werden.

Nach diesen Informationen startete ich meine Arbeit am 20. Oktober 2014. Ich war jeden Tag anwesend und habe auch an allen Feiertagen gearbeitet. Wir brauchten mehr als eine Stunde vom Camp zum Arbeitsplatz, der einer großen Firma gehört, die Schienen baut für ober- und unterhalb der Erde. Ich traf dort Arbeiter aus verschiedenen Ländern, wie z.B. Indien, Äthiopien,Vietnam, Philippinen, Indonesien, Korea, Sri Lanka, Oman, Sudan, Ägypten, etc.

Mein Arbeitsbereich war nicht definiert – manchmal musste ich im Lager aushelfen, manchmal als Stahlarbeiter arbeiten, Stahl schneiden, Schweißarbeiten machen, Steine schneiden; wir mussten jede Arbeit machen, egal,ob wir die Arbeit beherrschten oder nicht. Deshalb gab es auch häufig Verletzte. Wir wurden kontrolliert und wie Sklaven gehalten . Wir arbeiteten jeden Tag 10 bis 12 Stunden – die An-und Abfahrten nicht mitgerechnet.

Zum Essen bekamen wir normalerweise Reis und gekochtes Wasser. Manchmal gab es dazu verwelktes Gemüse vom Markt, das gekocht wurde und ab und zu ein Stück Fisch. Wir fanden häufig Insekten im Essen, das wir erst nach der Arbeit bekamen. -Viele Arbeiter wurden krank wegen dieser unhygienischen Lebensmittel. Einige erkrankten sogar an Tuberkulose.

K. ( Name dem Übersetzer bekannt ) war unser Aufseher; den Lohn für unsere Überstunden steckte er ein. Gewöhnlich erpreßte er uns: „Wenn du nicht an deinem freien Tag arbeitest, werden wir deinen Vertrag kündigen, und du wirst deinen Lohn nicht erhalten!“ So haben wir es immer wieder geschafft – auch wenn wir krank waren – zur Arbeit zu gehen. K. kontrollierte alle Arbeiter und erpreßte sie; das konnte er, weil er uns anfangs gezwungen hatte, ihm auf einem unbeschriebenen Papier eine Blankounterschrift zu geben! Auf dieses Papier hätte er alles eintragen können, und bei Nichtbefolgung hätten wir bestraft werden können.

Nach 7 Monaten Arbeit erhielt ich meinen Lohn nicht mehr; der Lohn für den ersten Monat war sowieso einbehalten worden, falls ich aus Krankheitsgründen , o. ä. zurück nach Nepal hätte geschickt werden müssen. Ich bat darum , weil ich dringend meine Familie unterstützen mußte – ich bin der älteste Sohn – aber auch die nächsten 2 Monate erhielt ich meinen Lohn nicht. Ich konnte mir deswegen auch keine Seife und andere notwendigen Kleinigkeiten kaufen. Ich mußte weiterarbeiten.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass meine Firma schon mein Flugticket nach Nepal blockiert hatte mit dem Argument, dass ich nicht mehr für die Firma arbeitete. Was nicht stimmte. Da ich auch auf Nachfragen meinen Lohn nicht bekam, ging ich zur Polizei in Katar. Dort sagte man mir, dass ich zum Arbeitsgericht gehen solle, was ich tat. Die Polizei selbst unternahm nichts. Dort, beim Arbeitsgericht, aber konnte mein Ausweis -ID- nicht gecheckt werden; wie sich später herausstellte, war er blockiert worden. Beim Arbeitsgericht wurde mir geraten, zum Obersten Gerichtshof zu gehen.- Das konnte ich nicht machen, weil ich kein Geld hatte. Ich informierte mich zwar über die Bedingungen beim Obersten Gericht, erfuhr dann aber, dass das Arbeitsgericht meine Firma informiert hatte, die mir daraufhin kündigte. Sie sagten mir, dass ich meine Sachen packen und gehen sollte.

Von meinem Camp aus ging ich mit meiner Tasche und einigen Kleidungsstücken zur Polizeistation, wo man mir riet, mir irgendwo einen Schlafplatz zu suchen und am nächsten Morgen zum Arbeitsgericht zu gehen.

Nach diesen Informationen bei der Polizei gab ich auf. Ich entschloss mich, meinen Boss bei der Firma zu kontakten, weil es mir als der einzig mögliche Weg erschien, nach Nepal zurückgeschickt zu werden. Besonders auch, weil mein Ausweis von der Firma blockiert worden war und ich jederzeit als Illegaler hätte verhaftet werden können.

Der Boss sagte mir, dass ich meine Lohnabrechnung für Juni, Juli und August unterschreiben müsste (das Geld hatte ich NICHT erhalten) – nur dann würde für mich ein Ticket gebucht. Deshalb unterschrieb ich die Lohnabrechnung, obwohl ich meinen Lohn nicht erhalten hatte. Man gab mir im Büro 1000 Katar Rial (ca. 255,-Euro )obwohl mir 4.200 Katar Rial zustanden – den ersten nicht bezahlten Monat nicht mitgerechnet.

Am 8.August 2015 war ich allein am Flughafen in Katar – vorher hatte ich meinen Pass zurückerhalten. Während des Boardings wurde ich von der Polizei gestoppt, die mich der Flughafenaufsicht übergab. Sie nahmen mir mein Handy ab und sperrten mich ein. Eine Person dort gab uns, die wir dort eingesperrt waren die Möglichkeit illegal zu telefonieren. So konnte ich meinen Boss anrufen und ihm mitteilen, dass ich gefangengehalten werde und unter Beobachtung stehe. Ich verstand nicht, warum ich aufgehalten wurde und nicht in mein Land zutück konnte – von meinem Lohn war alles bezahlt worden, wie mir versichert worden war. Eineinhalb Monate verbrachte ich dort mit Menschen, die denselben Fehler wie ich gemacht hatten!

Als ich nach Nepal zurück kam, war Dashain ( Anm. d. Ü. : Dashain ist das größte und wichtigste Fest der Hindus in Nepal ) schon vorbei. – Zwei Monate lang war gestreikt worden, und der Streik hielt noch an. Das bedeutete, dass kaum jemand Geld verdienen konnte; meine Mutter konnte hin und wieder in fremden Haushalten Wäsche waschen; das war das einzige Geld , was wir hatten. Meine Mutter hat nie irgendeine Schule besucht; sie kann weder lesen noch schreiben. Sie hat sehr früh geheiratet und drei Kinder geboren, die sie allein aufgezogen hat. Über meinen Vater möchte ich hier nicht sprechen. Ich fühle mich schuldig, meine Mutter unter diesen Bedingungen arbeiten zu sehn!

Für mögliche Jobs gibt es hier eine große Konkurrenz , und da wir kein Internet haben, kann ich auch keinen On-line-Job machen. Ich habe mich bei der Polizei und bei der Armee beworben – obwohl das für mich immer die letzte Möglichkeit war – aber ich weiß nicht, ob sie mich nehmen. Denn selbst für diese Jobs braucht man Beziehungen. Alle versuchen, ins Ausland zu gehen, täglich verlassen viele Nepal. Aber auch dafür braucht man Geld.

Für Katar bin ich jetzt für zwei Jahre gesperrt; das ist die Regel. Die Gesetze in Katar sind nur für die Bürger von Katar und für Reiche.

Wie mein Leben und das meiner Mutter und meines Bruders weitergehen wird, weiß ich nicht.

Bakram D., Kathmandu am 20.12.2015

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