Meinung

Ken Jebsens Medienproduktion verfolge ich hier im Blog seit fast vier Jahren, schätze sie und hatte und habe nur wenig zu Kritisieren. KenFM gehört zu den wichtigsten Aufklärungsmedien. Das ist schön – und bedeutet eine Menge Verantwortung. Einige Bemerkungen aus aktuellem Anlass:

Das Interview mit Owe Schattauer geht über 1 Stunde 47 Minuten. Muss ich diese Zeit aufwenden oder nicht? Vielleicht ist das Interview, seine Informationsdichte, nur 10 oder 20 Minuten meiner Aufmerksamkeit wert? Ich kann die Frage nicht vernünftig entscheiden, und das empfinde ich als Mangel.

Zum Interview gibt es momentan 443 Kommentare. Dasselbe Problem. Sollte ich diese Textmenge sichten? Ich finde Kommentare mit interessanten Überlegungen, weiterführenden Links. Aber mit welchem Aufwand. Mir scheint, dass die Menge der Kommentare zugenommen hat, die nicht wirklich auf das Interview eingehen, sondern stattdessen KenFM in vielen Variationen negative Rückmeldungen geben. Es geht nicht darum, ob KenFM das aushält, sondern darum, dass ich mir so viel Müll nicht antun möchte.

Im Interview mit Schattauer kam viel Interessantes zur Sprache. Signalfähnchen wurden gesetzt, wo zu vertiefen wäre. Das betrifft durchaus den ganzen Komplex „DDR“.

Ganz wichtig waren für mich Momente, die mit der Friedensbewegung heute zusammen hängen. Dass Schattauer auf der TTIP-Demo spontan gegen die Atomwaffen in Büchel aufgerufen hatte, wusste ich nicht. Eine absolut notwendige und begrüßenswerte Aktion! Die Gesprächspassagen zur Frage Ramstein oder lieber Große Demo in Berlin sowie zur Frage Anti-NATO-Demo zielen direkt ins Zentrum der Friedensdiskussionen, lebensnotwendige Diskussionen, die kaum geführt werden, vielleicht systematisch hintertrieben werden. 

Ich verspüre das Bedürfnis nach konzentriertem, zielstrebigem Austausch über solche Fragen. Es geht eigentlich um die Grundsatzdiskussion nach der Möglichkeit einer wirklich emanzipatorischen Bewegung heute. Kürzer (und bewusster) gesagt, lautet die Frage: „Was tun?“

Würde einer relevanten Anzahl von Leuten bewusst, dass es um dieser Frage geht, würde ich das als als Fortschritt betrachten. Verbunden mit der Überlegung: Was könnte also der allernächste organisatorisch-praktische Schritt sein?

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8 Antworten zu Meinung

  1. Julia Bleek schreibt:

    Ich bin davon überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die diese Fragen umtreiben. Jeder für sich sitzt im stillen Kämmerlein und man kommt nicht zusammen, obwohl doch jeder gerne möchte. Die sozialen Medien mögen diesbezüglich einerseits hilfreich sein, weil man durch sie sehen kann, dass es noch andere außer mir gibt, die so denken.
    Andererseits scheinen die Leute durch die sozialen Medien vergessen zu haben, wie man sich organisiert. Ich werde nicht müde, an die Bonner Hofgarten Demo zu erinnern und all die anderen, die es früher gegen Krieg und für die Abrüstung gab. Da haben die Aktivisten es geschafft, etwas großes auf die Beine zu stellen und Millionen zu informieren und zu mobilisieren. Aber wie? Ich war damals 4 Jahre alt und erinnere mich nicht, wie man so etwas macht. Wer kann hier Hinweise geben?

    • kranich05 schreibt:

      Danke für die Rückmeldung. Es ist auch meine Meinung, dass wir viele Vereinzelte sind, die an den „richtigen Fragen“ dran sind (oder knapp davor). Eine kollektive Beratung betrachte ich als notwendig. Es müsste aber eine ganz neue Art kollektiver Beratung sein. Was ich diesbezüglich aus der „marxistisch-leninistischen Partei“ kenne, aus der SED, entsprach dem zweifellos nicht. Was ich von kommunistischen Organisationen in der BRD weiss, entsprach dem ebenfalls keineswegs. Die heutige Partei LINKE halte ich für völlig indiskutabel; die Bereitschaft Revolution zu denken (das aber natürlich auf neue Art zu denken) gehört zum Minimum.
      Ich bemühe mich um eine solche Diskussion unter Gleichgesinnten, bei den Freidenkern. Ob es dazu kommt, ist durchaus noch unentschieden.

      • Roland Kaisbrenner schreibt:

        Wir hatten eine „positive“ Angst vor einem Atomkrieg. Aber im Ruhrgebiet, bergischem Land, Düsseldorf, Köln hatten WIR es vor allem einer gut organisierten DKP zu verdanken. Die hatten eigene Sicherheitskräfte und waren in Berufsschulen, Universitäten, Gymnasien, Gewerkschaftsgruppen drinne.

  2. FdH schreibt:

    Wahrscheinlich müssen wir unsere historische und ideengeschichtliche Perspektive weiter fassen.

    Warum nicht mal Leo Trotzki lesen? Hier eine Auswahl:
    Mein Leben. Autobiographie, Geschichte der russischen Revolution, Die verratene Revolution, Fragen des Alltagslebens, Der junge Lenin. Dazu Leopold Trepper und die Vorgeschichte der Roten Kapelle, Auszüge gibt es hier:
    http://fatalistblog.arbeitskreis-n.su/2016/01/02/netanjahu-macht-es-wie-putin-keine-fremdfinanzierte-einmischung/comment-page-1/#comment-798
    „Die Zerstörung Jugoslawiens: Slobodan Milosevic antwortetet seinen Anklägern“, (Zambon Verlag) zeigt eine umfassende und komplexe (hinsichtlich des Zusammenspiel von Medien, Regierungen, Nato/Bundeswehr-Stellen, Experten,…) Operation auf. Das sollte man kennen und theoretisch berücksichtigen. Eigentlich war es damals schon zu spät. Das die damit durchgekommen sind!. Die Hetze gegen Peter Handke, weil er 1996/97 literarisch ein paar Zweifel an der offiziellen Geschichte geäußert hatte, vor der flächendeckenden Einführung des Internet, wohlgemerkt. 20 verlorene Jahre für die Friedensbewegung!

    Aufzuholen ist das nicht mehr, auch weil der technologische Fortschritt einen Überwachungsapparat ermöglicht hat (in die Tat umgesetzt hat), der keine bloße Reform zum Besseren erwarten lässt. Die Menschheit ist vor völlig neuen Herausforderungen gestellt. Widerstand ist zwecklos.

  3. kranich05 schreibt:

    Ja, die Vertändigung über die angemessene historische und ideengeschichtliche Perspektive scheint mir sehr nötig. Wahrscheinlich geht es da, wenn sich drei Leute zusammensetzen mit vier verschiedenen Standpunkten los. Wahrscheinlich erfordert das erst einmal Diskussionen darüber, was auf die Tagesordnung gehört. Trotzki, Stalin, Chrustschow sehe ich nicht auf dieser Tagesordnung; Lenin ja aber zugleich in einer sehr kritischen Art und Weise. Lenin als derjenige, der das maximal mögliche zur Revolution beigetragen hat. Zugleich aber reichten seine theoretischen Vorstellungen nicht aus, den sozialistischen Aufbau zu bewältigen. Vielleicht hätte er die Fähigkeiten gehabt, den Weg in der Praxis zu finden. Doch eine Lösung, die des Genies bedarf, ist keine Lösung.
    Die Reife heutiger Produktivkräfte und Verhältnisse erlaubt und erfordert zwingend eine früher nie mögliche Ermächtigung ALLER. NICHTS geht heute ohne ALLE. Und zugleich sind heute ALLE erreichbar (im Prinzip).
    Ich glaube, das dazu die allgemeinsten Grundlagen de menschlichen Denkens erneuert werden müssen. Interessante Frage, ob dazu die Arbeiten des Philosophen Hans Heinz Holz über den Marxismus als dialektisches Denken des Gesamtzusammenhangs der Welt eine Beitrag leisten werden.

  4. Lutz Lippke schreibt:

    Ich möchte auf Dietrich Dörner hinweisen. Der Psychologe forscht schon seit langem zum menschlichen Umgang mit komplexen Entscheidungssituationen. Ich bin da auch nicht aktuell, aber erinnere mich an wichtige psychologische Erkenntnisse zu Einzel- und Gruppenverhalten.
    Was mir aus früheren Untersuchungen u.a. zu Tschernobyl noch präsent ist, der Mensch schreibt Zeitverläufe und Entwicklungen unbewusst linear fort, selbst wenn er weiß, dass der Prozess des Unheils steil ansteigt (logarithmisch, exponential). Die menschliche Vorstellungskraft ist auf nichtlineare Prozesse nicht angepasst. In der Gruppe verstärkt sich der Effekt von Trägheit und Überreaktionen. Die Reaktion auf Zuspitzungen erfolgt also in der Regel zu spät und dann zu hektisch.

    Es wäre demnach oft sinnvoller auf eigene Aktionen und Strategien zu setzen, die einen überlegten und kontrollierbaren Verlauf haben und im günstigsten Fall der Zuspitzung systematisch das Wasser abgraben. Also überzeugende, ruhige Alternative statt hektischer Gegenwehr und damit Beteiligung an der Zuspitzung?

    Aufklärung und Analyse ist auch dafür erste Pflicht. Eine vollständige Aufklärung wird aber nicht möglich sein, also muss der Prozess der Zuspitzung auch als z.T. unbekannte Blackbox gedacht werden. Zumal eine allgemeine Übereinkunft zum „inneren Wesen“ aus ideologischen Gründen nicht vorab zu erzielen sein wird. Eine Blackbox erzeugt aus einem Input einen Output. Wovon leben also die Blackboxen „Imperialismus“, „GGG“, „Kriegslust“, „Massenmedien“, „Politik“, „Staat“ „Geheimdienste“ usw.? Was braucht die Blackbox zur Funktionsfähigkeit? Welcher Input erzeugt welchen Output? Gibt es Rückkopplungen zwischen Output und Input? Worin unterscheiden und ähneln sich die Blackboxen?

    Es gibt einige unstrittige Erkenntnisse, die fast in allem positiv wirken: „Denke global, entscheide regional“ ist so Eine. Also keine neuen Macht-Pyramiden und Obergurus, sondern Selbstermächtigung und Kooperation statt extreme Arbeitsteilung. Das ist nicht einfach und muss wieder gelernt werden.
    Natürlich helfen die Klassiker und Erfahrungen der alten Kämpfer, aber es ist kein ideologisches sondern letztlich ein praktisches Problem unter heutigen Bedingungen und Ressourcen. Vergleiche also ja, aber Gleichsetzung nein. Eine pragmatische Suche über multiple Wege kann zu nachhaltigen Regeln in Teilbereichen führen, die verstetigt und auf andere Bereiche angepasst werden müssen. Also was kann Jeder tun? Was kann ich am besten? Was können andere besser? Wie können wir kooperieren? Am besten als praktische, unverstellte Fragen ohne Wunschdenken und ideologische Vorgaben. Und wenn es nur funktionierende Inseln sind, die sich einander die Hand reichen. Nur dann kommt irgendwann die notwendige Masse für stabile Zustände zusammen. Elite-Revolutionen mit nachfolgendem Erziehungsregime für die Masse werden nicht mehr fruchten. Es sei denn als provozierter Regime-Change. Ich glaube deswegen interessierte sich K. Jebsen auch für die Verhältnisse in der DDR um 1989. Die Bürgerbewegung war vielleicht naiv, aber ideologisch nicht starr und bestimmt auch heute ideell in wesentlichen Fragen die Wertvorstellungen. Es war also keine Elite, die die Menschen erziehen wollte. Nur mit falschen Versprechungen konnten die Herrschenden die Masse vom Weg abringen. Das also diese Werte heute hintertrieben werden und dem Schweinekapital nur als Tarnung dienen, ändert nichts daran, dass diese Werte offensichtlich bei der Masse tiefere Wirkungen haben und bei Vielen den ideellen Wunschvorstellungen entsprechen. Es ist ein Potential der Masse, das derzeit missbraucht wird.

    • kranich05 schreibt:

      Interessante Überlegungen, deren Tendenz ich teile.
      Ich möchte schon mal auf dieses Video der Montagsmahnwache in Halle verweisen: https://youtu.be/mJMK4Qxn7bQ
      Hoffentlich schaffe ich mein dazu beabsichtigtes Posting.

      • Lutz Lippke schreibt:

        Ein wesentliches Element der Trägheit ist wohl das Sicherheitsbedürfnis. Veränderungen ins Ungewisse ängstigt Viele, so dass der ertragbare Status Quo verteidigt wird. Darauf setzen die Herrschenden mit ihren Katastrophenszenarien und lancieren die Message: „Lieber ein Stück zurück zu strenger Ordnung, als Veränderung zulassen.“ „Halte Dich fern von Eigenmächtigen, sonst wird es noch schlimmer.“. Der Verunsicherte muss also für die Herrschenden nicht mehr tun als gehorsam, fleissig und genügsam sein.
        Zu demonstrieren, dass Selbstermächtigung möglich ist und viele Anhänger hat, ist daher sehr wichtig. Das können einzelne Protagonisten (z.B. Snowden) und auch große Veranstaltungen (z.B. TTIP-Demo) vermitteln. Auch grundlegende Werte, zu denen eine innere Übereinstimmung der Allgemeinheit besteht, können mit öffentlicher Wirksamkeit und großen Demonstrationen vermittelt, verstärkt und gesichert werden. Aber Massenveranstaltungen ersetzen nicht die notwendige Arbeit für Veränderungen und wirken eben auch bedrohlich. Viel wichtiger ist eine Kettenwirkung durch Multiplikatoren.
        Leider wird den Verunsicherten nicht nur von den Obrigkeiten Druck gemacht, sondern oft auch von den „Vorkämpfern“. Es werden Aktionismus, bestimmte Haltungen und Unterordnung eingefordert. Zögern wird als Versagen gegeißelt. Soweit das aus Ungeduld geschieht. ist es sogar verständlich, aber trotzdem kontraproduktiv. Es spielt den Herrschenden in die Hände. Nach meinem Erleben gab es bis 1989 solche belehrenden Einwirkungen durch die Bürgerbewegung(en) in der DDR nicht. Bärbel Bohley und Andere hatten nichts Belehrendes oder Ikonenhaftes. Es gab auch keine demonstrative Abwertung von „Konkurrenten“ und anderen Milieus. Wer Flugblätter druckte, schimpfte darauf nicht über Pogotänzer bei Punkkonzerten, den artigen Arbeiter oder Republik-Flüchtige. Es gab Kooperation, Koexistenz und Einladungen zum Nachdenken und Mitmachen. Die Kanäle waren in jede Richtung offen.
        Erst nach 1990 haben sich Einige zu übergreifenden Ikonen des Widerstands stilisiert oder stilisieren lassen. Sie stehen dem jetzigen Herrschaftssystem als Propaganda-Marionetten zur Verfügung, um einen einheitlichen Mythos zur angeblich folgerichtigen Vereinigung im Jahr 1990 zu begründen. Es ist nicht überraschend, dass gerade ab 1990 auch Namen wie Merkel oder De Maiziere bekannter wurden, obwohl sie zuvor nie Protagonisten des Umbruchs waren. Der Westen war natürlich von Beginn an unterstützend dabei und konnte somit rechtzeitig sein Personal rekrutieren und systematisch platzieren. So kann aus dem Aktenabstauber schon mal der Verhandlungsführer werden, wenn das finanzielle und geistige Stützkorsett dahinter geschickt agiert. Wer Merkel heute zuhört, kann sich doch sicher sein, dass sie niemals die Rolle einer Vordenkerin und Aktivistin im Umbruch haben konnte, sondern als ehrgeizige und systematisch geförderte Verwaltungsfachangestellte in die Politik kam.
        Die Tiefenwirkung des Umbruchs und die Wertvorstellungen der Menschen wollte und will man verwalten, um sie kontrollieren und auch ausnutzen zu können.
        Das zeigt sich in der Verwendung dieses Umbruch-Mythos beim Maidan in Kiew (siehe dazu auch Kooperation Grüne/Soros) und im sogenannten arabischen Frühling.

        Diese auf Erinnerungen basierende Schilderung sind durch das Interview mit Schattauer bei K. Jebsen inspiriert. Ich möchte damit Anregung dafür geben, zu diskutieren was vor dem Umbruch 1989 vielleicht besser lief als heute, aber spätestens ab Anfang 1990 von den neuen Herrschaften dann kontrolliert und eingehegt wurde. Hätte es Alternativen gegeben?

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