Büchersturz

Zwischen Weihnachten und Jahresende haben wir uns die Bücher, genauer gesagt die Sachbücher, in unserer Wohnung vorgenommen – gründlich entstauben (bei dem milden Wetter im Garten), wieder neu und durchgängig ordnen, kritisch mustern und manche aussondern. Zu zweit haben wir zwei volle Tage gebraucht. Wir hatten, grob überschlagen, 5000 Bände und Broschüren in den Händen. Knapp 300 davon haben wir in den Papiercontainer geschmissen.

Tage voll widersprüchlicher Empfindungen und Gedanken:

Welche Massen einst wertvoller Bücher heute wertlos werden! Durch die digitale Revolution. Ein Drittel der Kochbücher, der Gartenbücher, der Bücher über Gesundheit haben wir ausgesondert. Hätten wir allein rational entschieden nach dem Kriterium: „Wo schlage ich tatsächlich nach?“, hätten wir uns von 80 oder 90% trennen können. Das brachten wir, bei aller entschlossenen Unsentimentalität nicht übers Herz. Heute beantwortet mir das Internet 90% solcher Fragen.

Viele, viele unserer Bücher haben wir gelesen. Aber bei weitem nicht alle. Viele waren einst mit der Überlegung gekauft: „Das interessiert mich… muss ich unbedingt lesen….!“ Und bei der Absicht blieb es. Meine Bücherwelt von 40, 50, ja 60 Jahren umgibt mich. Ich weiß, wie Vieles ich durchschritten habe. Aber noch besser weiß ich, was ich beim besten Willen nicht mehr durchschreiten werde. Werte dabei! Die niemand mehr braucht. Weg damit.

„Bücherwurm“, „Stubenhocker“, „Leseratte“ wurde ich seit meinem zehnten Jahr genannt. Obwohl zeitlebens ein eher langsamer Leser, habe ich mich, insgesamt gesehen, durch Massen von Lesestoff gefressen. Ich finde heute, dass die größte Menge taubes Gestein war. Nicht gänzlich überflüssig, man musste hindurch, aber ein Ertrag ungefähr so, als ob man Fleischbrühe durch ein Sieb gießt.

Oder anderes Bild. Man hat eine Reihe Nüsse geknackt. Das Gefundene, das Freigelegte, hat mich genährt. Was da übrig bleibt (obwohl es doch weiterhin alle seine Buchstaben enthält) ist für mich leere Schale geworden.Weg damit. Der Vorsatz, nochmal nachzuschlagen, nochmal vertiefend zu lesen, bleibt unausgeführt.

Ich hatte auch die Bücher wieder in der Hand, denen ich viel verdanke und die mir noch heute mehr geben könnten. Natürlich kein Gedanke daran, diese wegzuwerfen. Doch auch sie werde ich in aller Regel nicht noch einmal ernsthaft vornehmen. Ich kann die Grenze nicht ignorieren, die sich zwischen mich und sie schiebt. Als stünde ich in einem Boot, das unaufhaltsam vom Land wegtreibt. Die trennende Rinne, in der schwarzes Wassers gurgelt, wird immer breiter.

Doch, es gibt auch die Bücher, die mich immer wieder froh machen. Einige habe ich jetzt wieder in Reichweite genommen. Es ist erstaunlich viel Lyrik dabei und, erfreulicherweise, auch wieder philosophische Fachliteratur.

Habe ich nun genug lamentiert, gestehe ich zu guter Letzt noch eine Narretei: Ich kaufe auch heute Bücher. Manche ungern, würde ich lieber im Internet lesen und mir nicht hinstellen. Aber viele auch gern. Dann sitze ich bequem in meine Sofaecke gefläzt, Beine hoch, der Kaffee duftet, den ich neuerdings wieder mit einer Handmühle mahle, und dann wird geschmökert, wie einst im Mai.

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