Meine Geschichten von Krieg und Frieden – April/Mai 1945, die Flucht meines Vaters

Mrs. Tapir erzählt:

Ich kannte die Geschichte meines Vaters auswendig, der in den letzten Kriegstagen desertiert war, weil er den Befehl erhalten hatte, am nächsten Tag eine Gruppe vierzehnjähriger Jungen an die Front zu führen.
Er war seit Januar an der Front in der Tschechoslowakei. Davor war er in Dresden stationiert, wo er als Techniker die Wehrmachtsflugzeuge vor ihrem Einsatz prüfen musste. Das hatte es ihm lange erlaubt, sich in der Heimat aufzuhalten. Im letzten Kriegsherbst hatte man ihn doch noch an die Front geschickt, erst in die Sowjetunion und dann wanderte er sozusagen mit der Front zurück. Mein Vater fing irgendwann damit an, seine Fettration in seiner Feldflasche zu sammeln, für den Fall, dass es dazu kommen würde, dass er fliehen müsse.
Es war in den letzten Wochen des Krieges und das nahe Ende wurde herbeigesehnt. Es war natürlich hochgefährlich, das durchblicken zu lassen. Offiziell hatte man an den Endsieg zu glauben. Aber so mancher dachte heimlich ganz anders. Mit seinem direkten Vorgesetzten verstand er sich gut, aber auch sie konnten nur selten offen miteinander über die Lage reden.
Eines Abends kam der Leutnant, sein Vorgesetzter, zu ihm und teilte ihm mit, dass er in dieser Nach fliehen würde. Er hätte eben den Marschbefehl erhalten, am nächsten Morgen mit einer Gruppe von 14-jährigen Hitlerjungen direkt an die Front zu gehen. Beide kannten diese Jungen, eigentlich noch Kinder, aber scharf darauf, Hitler und das Reich mit ihrem Leben zu verteidigen. Mein Vater verstand nur zu gut, warum der Freund fliehen musste. „Und wenn ich weg bin, das ist klar, schicken sie dich!“ sagte der noch. „Also komm mit!“
Mein Vater überlegte nicht lange. Der Krieg könnte in wenigen Tagen beendet sein. Er musste alles tun, um am Leben zu bleiben. Und er wollte nicht am Ende noch die Verantwortung für den Tod Halbwüchsiger auf sich laden. Er packte seine Sachen zusammen, vor allem die inzwischen gut gefüllte Feldflasche.
Wie genau sie aus ihrem Standort gekommen waren, weiß ich nicht. Sie liefen einige Stunden gemeinsam über Waldwege in Richtung Deutschland. Hier kannten sie sich sogar noch ein bisschen aus. Als sie Hundegebell hörten, rannten sie los und verloren einander. Mein Vater konnte sich so verstecken, dass ihn keiner fand. In den frühen Morgenstunden lief er weiter nach Westen. Jetzt war er allein. Wie viele Tage er lief und weitere Einzelheiten der Flucht, weiß ich nicht mehr. Das einzige, was ich in Erinnerung habe, ist, dass er sich plötzlich in einer zerstreuten Gruppe von KZ-Häftlingen befand, die aus einem KZ in der Nähe entflohen waren. Er sah sie und ging sofort in Deckung. Er war noch in Uniform und wusste, was passieren würde, wenn sie ihn entdecken würden. Mein Vater hat lange gewartet, ehe er sich wieder aus seinem Versteck getraut hat.
Tage später überschritt er bei Bayrisch Eisenstein die deutsche Grenze. Er lief weit ab der Wege durch das Gestrüpp, den Großen Aber im Blick. Irgendwer gab ihm Zivilkleidung und er wanderte weiter Richtung Regensburg.
Unterwegs bat er um eine Übernachtungsmöglichkeit in einer Bäckerei. Die Bäckersfrau holte ihn hastig ins Haus und brachte ihm, ohne viel zu sagen, etwas zu essen und bot ihm ein Bett an. Am nächsten Morgen wurde er von lautem Geklopfe und von polternden Männerstimmen geweckt. Amerikanische Soldaten verlangten Einlass. Er glaubte natürlich, es ginge um ihn. Aber stattdessen holten die Soldaten aus einem Hinterzimmer einen an allen Gliedern schlotternden Mann heraus und nahmen ihn mit. Die Bäckersfrau jammerte und weinte. Aus ihren verzweifelten Reden erfuhr er, dass sie dort seit Wochen ihren Mann, einen stadtbekannten SS-Mann, versteckt gehalten hatte. Mein Vater machte sich sofort wieder auf den Weg. Nach Tagen kam er in Regensburg an, ging dort offen über die Hauptstraße und wartete, bis ihn amerikanische Soldaten festnahmen und in ein Gefangenenlager außerhalb der Stadt brachten.

Siehe auch: “Die verdammten Erinnerungen….”

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