Damals, 1944 / 45 – Hier: Die Amis kommen ( 1 )

Kurt erzählt:

Der Krieg dünnte aus. Wir merkten es zunächst an kleinen Veränderungen in unserer Oase. So in der Schule. Nach vielfachen Unterbrechungen wegen Fliegeralarm, den es immer häufiger gab, war sie seit März 45 nicht mehr da. Die Hülle schon. Aber innen war nichts mehr los. Schüler und Lehrer waren fristlos und unbefristet entlassen. Wir Schüler hatten alle Zeit der Welt. Die meisten Eltern waren da ziemlich großzügig. Die der Gang immer. Einige Zeit vordem gab es jedoch noch eine Sache. Aber auch diese verlief nicht mehr wie sonst zu befürchten war.

Es war in einer Deutschstunde. Der Lehrer war ein eingefleischter Nazi und verbreitete noch zusätzlich Schrecken. Er fragte mich, es war in der dritten Klasse und ich war 10 1/2 Jahre alt, was die feigen Eindringlinge und verbrecherischen Anglo – Amerikaner ganz besonders haben. Ich, nach meiner inzwischen gefestigten Meinung: Die haben viele Bombers, Panzer und Soldaten. Er, wutentbrannt: Die haben nur und nur und nur ein großes Maul!! Hast Du das noch immer nicht kapiert?!! Und außerdem heißt es nicht `Bombers`, Du Esel, sondern `Bom-ber`!! Grammatikalisch bestand er auch dem Endfeind gegenüber auf Richtigkeit. Sachlich war er auch nicht mit mir einverstanden. Überhaupt nicht. Komm mal vor, sagte er dann wie nebensächlich. Ich wusste Bescheid. Bisher waren Mitschüler in dieser Mangel, die gleich kommen würde, ich noch nicht. Sie kündigte sich immer mit dieser Art übergangslosen Ruhe dieses besonderen Nazilehrers an. Ich kannte natürlich auch den Ablauf. Ich ging vor, ließ die Hose runter und beugte mich über die Bank in der 1. Reihe, worin ein Kumpel von mir saß. Halt durch, flüsterte er. Bank und ich bildeten ein Kreuz. Es war wie bei Anna Seghers, von der ich keine Ahnung hatte. Nur war bei ihr das Kreuz das siebte, und leer, und es war aufgerichtet, wie ich lange später feststellte. Hier war es das 1., vorher bereits durch Mitschüler und jetzt durch mich bestückt, und es lag unten. Sozusagen die Kleindarstellung der großen. Von ihr heruntergebrochen. Der Vergleich erscheint gewagt. Wirklich?

Der Unlehrer hatte inzwischen den Rohrstock aus seiner Verankerung an der Wand geholt, und zählte freundlich seine Schläge auf meinem blanken Hintern. Er zählte bis 5. Dann sagte er: Setz Dich wieder. Und Du stehst nicht auf! Manchmal schlug er auch auf die Finger. Da war der nackte Hintern günstiger. Ich informierte Muttern über den Vorgang. Am nächsten Tag kam sie ohne vorher anzuklopfen während des Unterrichtes zu diesem Lehrer in die Klasse und sagte, gleichfalls sehr ruhig: Wenn Sie noch einmal, nur noch einmal, meinen Sohn auch nur anrühren, komme ich wieder. Und ging. Muttern. Der Lehrer stand wie versteinert. Das hatte er in seiner NS – Pädagogik noch nicht erlebt. Es kam nichts hinterher, wie eigentlich üblich in solchen Fällen der frühen Wehrkraftzersetzung. Der Krieg war im Ausdünnen. Muttern hatte darauf gesetzt. Überall klappte das aber nicht. Glück für uns.

Die Ausdünnung zeigte sich auch daran, dass unsere siegreichen Truppen in ihrer Absatzbewegung nunmehr auch unsere Oase querten: Zunächst ohne Hektik. Wie nach einem Manöver. Soldaten auf LKW. Soldaten mit ruhig festem Schritt auf der Straße. Motorisiert gezogene Vierlings – und Zwillingsflak. Keine schwere Kampftechnik. Keine Panzer, Kanonen, Haubitzen und so. Die waren wohl Opfer der Bombers geworden. Gulaschkanonen beeindruckten uns besonders. Die standen jedoch nicht unter Feuer und hielten auch nicht an. Alles bewegte sich auf der Ausfallstraße und deren beidseitigen viergeschossigen Stadthäusern an uns vorbei einen langgezogenen Berg hinunter. Unten war ein kleiner Rangierbahnhof mit einspuriger Schienenführung, die unweit vom Bahnhof durch eine Waldschneise führte.

Einmal noch hielt ein Kübelwagen bei uns an. Heraus stieg ein höherer, etwas älterer Offizier. Wir sahen seinen Rang an der Verzierung seiner Schulterstücke. Mit einem Ritterkreuz im Halsausschnitt. Wir waren begeistert. Er öffnete eine Art Handkoffer, sah uns an und gab jedem der Gang 1Tafel Schokolade. Wir waren sieben: 2 Mädchen, 5 Jungen. Dann sagte er: Geht mal besser nach Hause. Da ist es sicherer für euch. Wir gelobten das meineidig. Er grüßte halbmilitärisch, stieg wieder ein und fuhr weg, in Richtung der allgemeinen Absatzbewegung, Nord – West etwa. Den Berg runter.

Später wurde es dann doch hektischer. Die Bomber oben hatten das Kommando an Jagdbomber unten abgegeben. Die beherrschten die Unterszene vollkommen und ohne jeden Schlupf.

Unsere Gang war eines Tages auf ihrem Lieblingsspielplatz unterwegs. Das waren Bretterstapel, 3m – 5m hoch, mit etwa 2m breiten Gängen zwischen den Stapeln. Die Bretter gehörten der nahe gelegenen großen Möbelfirma, die inzwischen mit Zulieferungen für Lastensegler der Wehrmacht den Krieg mit aufgemöbelt hatte. Trotzdem war sie nicht bombardiert worden. Ein Leck im terroristischen Aufklärungssystem des westeuropäischen scheinzivilisierten Judentums? Wir saßen oben auf einem der Stapel und sahen zu, was uns da open air in etwa 2 km Entfernung geboten wurde: Jagdbomber der Amis stießen immer wieder in die Waldschneise hinein. Wir wussten: Dort steht ein Zug. Eigentlich gut gedeckt. Aber nicht unsichtbar. Er war angreifbar. Ein Militärzug, behaupteten später die Amis. Ein Roter – Kreuz – Zug die örtlichen Nazis sofort. Wir selbst, die Gang, hatten ihn nicht aufgeklärt. Er war großräu-mig abgesperrt. Weshalb eigentlich? Und den nahmen die auseinander…Wir kamen auch danach nicht an ihn ran. Alles blieb abgesperrt.

Das letzte Zeichen der Absatzbewegung war wie ein Schnappschuß über die letzten Tage dieses Nazikrieges. Alles Militär war hier schon durch. Im Städtchen war niemand auf der Straße. Auch wir waren unter Deck, ganz gegen unsere Gepflogenheiten. Es herrschte eine gespenstige Stille. Ich stand am Fenster der Wohnküche und sah auf die Straße runter. Da sah ich plötzlich einen Kübelwagen der Wehrmacht mit hektischem Schlingern und quietschenden Reifen angerast kommen. Das konnte nicht gut gehen. Es passierte auch. Der Wagen brach aus. Überschlug sich einige Male. Kam in einem der Vorgärtchen zum Halt. Und zwei Offiziere rutschten wie zwei Lappen mit Gesicht nach unten etwa 30m auf der Straße lang. Es stellte sich heraus, dass beide Offiziere stink betrunken waren. Ein Nachbar, der zufällig Sanitäter an der Heimatfront war, holte beide zu sich in die Wohnung. Seine Soforthilfe rettete sie. Später übergab er sie den Amerikanern, die nur Stunden später kamen, zur weiteren Behandlung im Lazarett. Allerdings behielt er sie erst einmal für einige Tage heimlich bei sich. Niemand verriet ihn.

Thüringen wurde durch die Amerikaner besetzt. Unsere Amis, wie wir sofort respektlos sagten, kamen nach nächtlichem Beschuß auf unser Städtchen und auf das von nebenan, wie gerüchtet wurde. Den Beschuß hatten wir nicht vernommen. Wir schliefen mal wieder. Angerichtet hat er nichts. Wohin die wohl geschossen haben? Am Tag dann kamen sie die Straße entlang und fuhren und marschierten diese bergab Richtung Rangierbahnhof : 4 – 5 Panzer langsam vorweg, die Lukendeckel geschlossen, die Geschützrohre auf die Häuser gerichtet, worin wir in unseren Wohnungen hinter Gardinen versteckt das Treiben auf der Straße unten beobachteten. Hinter den Panzern fuhren LKW mit montiertem Maschinengewehr, einige mit angehängten Luftabwehrgeschützen, offener Plane und aufgesessener Infanterie, Maschinengewehre und Gewehre gleichfalls auf die Häuser gerichtet, und hinter den LKW gingen auf beiden Seiten der Straße und in Reihe mit ca 10m Abstand Infanteristen, ihre Gewehre im Anschlag natürlich auf die Häuser. Dort blieb es jedoch ruhig. Ihre Bewohner hätten auch jeden davongejagt, der unter ihnen jetzt noch Held spielen wollte. Sieh mal, sagte mein Bruder, der hinter mir stand, Neger. Bei den Amis sind auch Neger. Und gar nicht mal wenige. Über allem kreisten 2 Jagdbomber.

Nach einiger Zeit kamen die Panzer, die LKW und die Infanterie zurück. Die Panzer mit nunmehr offenen Luken, die Rohre in Fahrtrichtung gestellt, mit halben Oberkörper aus dem Panzer heraus der Kommandant. Noch beobachteten sie. Die Jäger waren aber schon verschwunden. Die Infanteristen unterhielten sich untereinander und lachten zuweilen, die Gewehre quer vor dem Bauch umgehängt. Zu unser aller Glück hatte keiner der Reichsverteidiger unseres Städtchens einen Finger zur Verteidigung krumm gemacht. Das wäre schlimm geworden. In der Nähe der Bretterstapel schlugen die Amis Zelte auf und stellten ihre LKW, Jeeps, Panzer und Geschütze wohlgeordnet ab. Das war die Stunde der Gang.

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Siehe auch: “Die verdammten Erinnerungen…,”

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Eine Antwort zu Damals, 1944 / 45 – Hier: Die Amis kommen ( 1 )

  1. Christa May schreibt:

    Chapeau nachträglich für Ihre Mutter !!
    …und ein schönes Weihnachtsfest allen hier aus Berlin

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