Meine Geschichten von Krieg und Frieden – März, April, Juni 1945, dem Krieg nicht entkommen

Mrs. Tapir erzählt:
Eine entfernte Verwandte hat zu Beginn des Krieges meinem Großvater einmal großzügig angeboten, mit seiner Familie zu ihr in den Harz zu kommen, sollte Gelsenkirchen angegriffen und ihr Haus zerstört werden. Dieses Angebot hatte mein Großvater spontan angenommen, als er im November 1944 plötzlich ohne Hab und Gut und ohne Dach über dem Kopf dagestanden hatte. In den nächsten Wochen stießen noch zwei weitere Töchter und eine Schwiegertochter dazu, zwei davon hatten kleine Kinder. Es war eng in den drei Räumchen. Alle waren voller Sorgen und hatten Angst, dass der Krieg sie auch hier in Bad Lauterbach erreichen könnte. Die kleinen Kinder schrien viel und alle waren genervt und am Rande ihrer Kräfte.
Nun schickte auch mein Vater seine Frau in den Harz, die zudem im Juli ein Kind erwartete. Niemand dort war wirklich begeistert. Die Aussicht, in dieser Enge noch ein Neugeborenes beherbergen zu müssen, war für die anderen Mütter kaum vorstellbar. Aber man nahm sie natürlich auf, wies ihr ein Bett zu, und der Kriegsalltag ging weiter, so gut es ging.
Als Schwangere erhielt meine Mutter Extralebensmittelkarten, und wenn sie dann die erstandenen Extrarationen aß, lehnte das älteste der drei Kinder an ihrem Stuhl und fragte: „Tante Margot, musst du das alles alleine essen?“
Die drei Söhne waren noch im Krieg: mein Vater an der Front in der Tschechoslowakei, sein ältester Bruder in französischer Gefangenschaft, der jüngste in russischer Gefangenschaft. Briefe waren selten. Großvater litt vor allem unter der für ihn fremden Landschaft. Er schimpfte immer wieder, er stieße sich den Kopf an den Bergen ringsum. Er vermisste seine Heimat Gelsenkirchen, das Münsterland mit den weiten Horizonten. Man konnte es ihm nicht verübeln. Alle hier waren aus ihrem Nest gefallen und krank vor Heimweh nach zu Hause und nach ihrem Leben vor dem Tag X.
So sehr hatten sie alle gehofft, dass der Krieg sie hier mitten im Harz nicht finden würde.
In den letzten Kriegstagen flogen die Bomber auch über Bad Lauterberg.
Bei Fliegeralarm lief die ganze Familie in den nahen Wald und versteckte sich im Unterholz. Auf einen Platz in einem Luftschutzkeller hatten sie keinen Anspruch.
Wenn das Geräusch der herannahenden Bomber deutlich zu hören war, warfen sie sich auf den Boden, um ja nicht von oben entdeckt zu werden. Es war noch kalt im März, der Boden feucht. Die Bomber flogen im Tiefflug über den Wald. Man konnte über den Baumwipfeln ihre dunklen, bedrohlichen Flugzeugbäuche genau erkennen.
Meine Mutter, immerhin im siebten Monat schwanger, lag zwischen den anderen und spürte, wie das Kind in ihrem Bauch herumstrampelte. Wenn es plötzlich still wurde in ihrem Bauch, den sie an den Waldboden presste, sie Angst um ihr Kind. So manchen Abend nach einer solchen Fliegeralarmphase fürchtete sie, eine Fehlgeburt zu bekommen. Sie sprach das nicht aus.
Mehrfach mussten sie über Nacht im Wald ausharren. Wie sie das überhaupt ausgehalten habe, sagte später meine Mutter zu mir, das wisse sie nicht. Manchmal hat der Mensch übermenschliche Fähigkeiten, meinte sie. Sie hatte leben wollen und sie kämpfte dafür, dass ihr Kind auf diese Welt kommen dürfte.
Diese Welt allerdings war wenig hoffnungsvoll. Nach Dresden zurück würde sie nicht können. Aber wie sollte es sonst weitergehen. Wenn sie nicht gerade Angst und Todesangst hatte, dann zermürbten sie die Gedanken an die unsichere Zukunft.
Von meinem Vater hatte sie von einem heimgekehrten Soldaten die Nachricht, dass er in amerikanischer Gefangenschaft im Regensburg sei. Was das genau bedeuten würde, wusste man nicht. Aber man glaubte, dass die Amerikaner ihre Kriegsgefangenen eher freilassen würden als die Russen.

 

Siehe auch: “Die verdammten Erinnerungen….”

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2 Antworten zu Meine Geschichten von Krieg und Frieden – März, April, Juni 1945, dem Krieg nicht entkommen

  1. Vernon schreibt:

    Mein Onkel Rudolf Walther ist am 30. Oktober 2015 92 Jahre alt geworden. Er ist der letzte lebende Bruder meines im April 1944 im Lazarett verstorbenen Vaters, und wahrscheinlich einer der letzten Zeitzeugen des russischen Kampfes um Berlin. Der Krieg war für ihn zunächst nicht sehr aufregend, er war bei einem Transport- und Nachschub-Battalion. In Kiew traf er seinem großen Bruder Karl das letzte mal. Karl erzählte, dass er sich freiwillig zu einem Stroßtrupp-Unternehmen durch die Front gemeldet hätte. Davon ist er nicht zurück gekommen.
    Anfangs April 1945 wurde Rudi neu aufgestellt bei der Armee Wenck, die sollte Berlin von der russischen Belagerung befreien. Einzelne Spähtrupps meldeten, dass die Streitmacht der Russen mindestens 500 000 Soldaten betragen würde, Wenck hatte gerade mal 60 000 Mann. Auch die russischen Panzer waren weit in der Übermacht. Bei einem Angriff auf die Russen wäre die Armee Wenck total aufgerieben worden, ohne dass sich ein militärischer Nutzen ergeben hätte. Wenck entschloss sich, das Leben seiner Soldaten zu retten, er hatte das Offiziers-Ehrenwort eines amerikanischen Generals, dass seine Soldaten in amerikanische Gefangenschaft gehen könnten. Beim Abmarsch zur Elbe, in amerikanisches Gebiet, wurden die Soldaten von russischen Panzern verfolgt, eine Panzergranate flog dicht über seinen Kopf und detonierte weit vorn.
    Leider hielten die Amerikaner nicht Wort. Alle Gefangenen wurden ausgeliefert. Da auch etwa 200 000 polnische Soldaten mit den Russen vor Berlin waren, wurde Rudi an Polen ausgeliefert. Er kam ein paar Tage in ein ehemaliges deutsches KZ, dann wurde er nach Oberschlesien transportiert und musste dort im Bergwerk Zwangsarbeit leisten. Er sagt heute, dass dies die schlimmste Zeit seines Lebens war.
    Im Sommer 1946 wurde er bei einem Grubenunfall verletzt. Im Lager war ein deutscher Arzt, ebenfalls als Gefangener. Der hatte keinerlei Verbandsmaterial, schrieb die Verletzten aber arbeitsunfähig. Diese wurden in einem Eisenbahnwagon gesperrt und bei Frankfurt an der Oder auf (russisch besetztes) deutsches Gebiet abgeschoben. Eine deutsche Ärztin leistete Ersthilfe. Er wollte dann Richtung Heimat weiterreisen, allerdings wurde er bald aufgegriffen und als entsprungener Kriegsgefangener erneut eingesperrt. Die Polen hatten ihn keinerlei Entlassungspapiere gegeben.
    Erst Tage später wurde aus Polen bestätigt, dass er entlassen war.
    Als er dann endlich die amerikanischen Besatzungszone erreichte, wurde er wieder festgesetzt und verhört. Er wurde verdächtigt, ein gesuchter Kriegsverbrecher zu sein. Nachdem ihn Leute aus seiner Heimatstadt identifiziert hatten, durfte er nach Hause. Dort musste er erst eine Typhus-Erkrankung auskurieren.

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