Erinnerungen an meinen letzten Krieg – April, Juni 1945, die beiden Farben der Kapitulation

Opa erzählt:

Es hieß tagelang: „Die Amis kommen.“ Man wartete nervös darauf. Eines Tages, es muss um den 12. April herum gewesen sein, sollte es soweit sein. Ich konnte vom Wohnzimmerfenster aus noch einen Blick die ganze lange Dorfstrasse rauf und runter tun, bevor wir allesamt, Kinder und Frauen, in den Bergkeller mussten. Die Strasse war menschenleer aber aus allen Fenstern hingen weiße Bettlaken. Mir wurde erklärt, dass sei das Zeichen, dass man nicht kämpfen wolle.

Wenige Wochen später (nach meiner Erinnerung zwei bis drei, in Wirklichkeit wohl mindestens zehn) hieß es: „Die Russen kommen!“ Es war wieder große Nervosität. Ich guckte wieder die Dorfstrasse entlang. (In den Bergkeller mussten wir diesmal nicht.) Zu meiner Überraschung (und Begeisterung) hingen jetzt überall nicht die weißen Bettlaken, sondern die roten Inletts aus den Fenstern. In manchen Fenstern lagen einfach dicke rote Federbetten. Ich war verwundert, und mir wurde erklärt, dass es bei den Russen rot sein müsse.

Ich kann mich undeutlich an ein Gefühl von Freude erinnern, wohl darüber, dass es so leicht war, Zeichen zu geben und dass das mit den Betten so unglaublich praktisch ging. Ich hätte mich gefreut, wenn noch weitere Farben drangekommen wären. Aber dafür gab es wohl keinen Grund, und mit Betten wäre es sowieso nicht gegangen.

Siehe auch: “Die verdammten Erinnerungen….”

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Eine Antwort zu Erinnerungen an meinen letzten Krieg – April, Juni 1945, die beiden Farben der Kapitulation

  1. Erika schreibt:

    Bis etwa 2005 hatte mein Vater als Führerschein ein grünes Dokument, ausgestellt von den Amerikanern. Er sagte uns Kindern, dass Deutschland den Krieg verloren habe und die Amerikaner, welche als Befreier für das Volk gekommen wären, hätten die Nazis entmachtet und dem Volk wieder Freiheit geschenkt. Das deutsche Volk habe in der Mehrheit Hitler erst umjubelt und gewollt, dann sei es unfähig gewesen, ihn wieder loszuwerden. Viele hätten Angst vor der GeStaPo gehabt, deshalb sei es schwierig gewesen, sich zusammen zu schließen, Pläne zu entwerfen, wie es eine andere Regierung geben könnte. Deshalb hätten die Amerikaner das Volk befreit, damit das Terrorregime beendet werde. Wir sollten froh sein, dass wir in einem freien Land aufwachsen, dass wir die Grundrechte haben.
    Nur, als junge Erwachsene habe ich bemerkt, die Amis haben zwar angeblich das Volk befreit (oder war es doch ein anderes Ziel?), aber statt sich dann zurück zu ziehen, wie es für die deutschen Truppen in Afghanistan oder anderen Ländern immer wieder angekündigt wird, sind sie geblieben. Sie sind noch immer da, wenn auch weniger sichtbar als zu meiner Kindheit. Angeblich achten sie darauf, dass das Grundgesetz eingehalten wird. Die Föderalismus-Reform soll angeblich von den Amis angestossen worden sein. Das besetzte Land war unfähig zur Demokratie, der Bund hatte wieder zu viel Macht an sich gezogen, anders als sich die Sieger es vorgestellt hatten. Würden die Deutschen sich auch um andere Länder kümmern und Truppen entsenden, wenn die Amis wieder nach Hause gegangen wären?

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