Defizite

Inzwischen kursieren diverse Aufrufe und Appelle linker und friedensbewegter AktivistInnen gegen die wachsende Kriegsgefahr. Aus naheliegenden verständlichen Gründen geht es dabei oft vorrangig gegen die Beteiligung der BRD am Krieg in Syrien.

Ich habe etliche dieser Manifestationen unterschrieben (auch mit wenigen tausend Menschen an einer Kundgebung teilgenommen), einige auch in meinem Blog verlinkt. So könnte es fleißig weitergehen: Unterschriften leisten – Klick, Klick, Klick. Doch, im Vertrauen gesagt, mein Gefühl, damit etwas Wichtiges zu tun, schwindet. Ich finde mich immer wieder auf derselben (mal mehr mal weniger vollständig ausgefüllten) Liste von, sage, zehntausend BRD-AktivistInnen; also bei den unverdrossenen 0,02%. Dabei laufe ich vor lauter moralischer Verpflichtung nur ja jede Friedensposition mitzuvertreten Gefahr, zu tolerieren, dass einige böse Fragen unter den Tisch fallen.

Aber nein, es sind keine bösen, sondern es sind ganz normale Fragen. Und etliche davon fallen nicht einfach unter den Tisch, sondern sie werden mit aller Gewalt drunten gehalten. Solche „linke“ und „friedensbewegte“ Diskussionskultur bildet exakt das nach, was mir von den übleren Erscheinungsformen der SED-Propaganda noch in Erinnerung ist und wovon ich restlos genug habe.

Eine allgemeine ganz normale Frage ist, warum die Friedensbewegung nicht ernsthaft analysiert, warum sie nur wenige Menschen mobilisiert. Eine andere normale Frage ist, warum es in Stein gemeißelt zu sein scheint, mit dem Friedensaktivisten Ken Jebsen nicht zusammen zu arbeiten.

Eine konkretere politische Frage ist z. B., warum in keiner mir bekannten Syrienerklärung von links oder friedensbewegt, der Abschuss des russischen Bombers durch einen NATO-Staat und die nachfolgende Solidarisierung der NATO mit der Türkei klar ausgesprochen und scharf verurteilt wird sowie zumindest die russische Forderung nach Entschuldigung durch die Türkei unterstützt wird. Selbst die Freidenker, die zur NATO eine prinzipielle Position vertreten (die von 60 Organisationen und 859 Personen  unterstützt wird) haben es zu keiner Positionierung aus diesem Anlass gebracht. Von einem Dank an Putin für sein verantwortungsbewusstes Reagieren ganz zu schweigen.

Die Linke und die traditionelle Friedensbewegung vermeidet es nach der geopolitischen Einordnung der westlichen Kriege zu fragen, und insbesondere wird die fundamentale Rolle des imperialistischen Kriegsinteresses der USA und ihrer Vasallen konsequent ausgeblendet. Daraus resultieren gleich drei schwerwiegende Defizite der Linken und der traditionellen Friedensbewegung, die immer wieder in ihren Erklärungen anzutreffen sind:

  • Behauptung von Gleichwertigkeit („Äquidistanz“) bei der Abwägung der Interessen des Imperiums und der (derzeit) nichtimperialistischen Großmächte Russland und China.
  • Abstrakte Betrachtung von Krieg als das Immerböse und daher in jeder denkbaren historischen Konstellation als „das Allerschlimmste“.
  • Verkennen des faschistischen Charakters der militärischen Stoßtruppen des Imperiums, ob sie nun „Daesh“, „Rechter Sektor“ oder beliebig anders heißen.

Es lassen sich mühelos weitere bedeutende Defizite der Linken und der traditionellen Friedensbewegung aufzeigen. All das ist seit vielen Monaten bekannt und wird laut ausgesprochen. Mit dem Ergebnis: Null. Letzteres könnte Anlass sein, von „zäh verteidigten Defiziten“ zu sprechen. Der böse Opa, wie bekannt, geht noch einen Schritt weiter und fragt, ob nicht manche brave Führungsfiguren unserer stolzen NRO-Friedensorganisationen in Wirklichkeit eine Art Beamte von RHO – RegierungsHilfsOrganisationen sind. Das kann aber kein Sterblicher wissen (der Staat weiß es natürlich genau), denn woher die Friedensorganisationen ihr Geld kriegen ist (von seltenen Ausnahmen abgesehen) vertraulich, vertraulicher, geheim.

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