Am anderen Ende des Pendels

Das Geschichtspendel greift einmal ganz weit nach links aus. Dann haben wir Revolution. Dann saust es zurück, passiert den Nullpunkt und schießt endlos weit nach rechts. Den Zustand haben wir jetzt. Wir sind so weit von einer Revolution entfernt, dass Jeder/Jede, der/die einen Gedanken an Revolution verschwendet, als wahnsinnig gilt; mehr noch: Gefahr läuft, sich selbst als wahnhaft zu empfinden.

Dabei ist völlig klar, dass wir es uns auf der abschüssigen Bahn zur Katastrophe gemütlich gemacht haben und nur eine revolutionäre Umwälzung uns retten könnte.

Die Links- und Friedenskräfte, die seit vielen Jahrzehnten für die lichte Zukunft zuständig waren oder wenigstens für Utopien, sind zerstört. Das Leben hatte bewiesen, dass für ihren verwegenen Griff nach der Zukunft viel Lehrgeld fällig war. Das zu zahlen waren und sind sie nicht bereit. Lieber erlauben sie sich seit drei Jahrzehnten völlige Orientierungslosigkeit.

Es geht um eine so einfache Sache wie den Klassenkampf.

Ist gestrichen! Aus, vorbei! Die Patentlösung mit dem Proletariat war keine, also weg mit all dem Gerede von Klassen. Besonders: Weg mit dem Ausbeuterklassentinnef!

Seit drei Jahrzehnten spreizt sich der Imperialismus. Selbst Lenins bemoostes Werk sagt heute noch Gültiges. Nur die Links- und Friedenskräfte meiden „Imperialismus“ wie den Leibhaftigen.

Danach spult sich alles Weitere ab: Wer den Imperialismus nicht kennt, erkennt nicht den Faschismus seiner spektakulärsten Unternehmung. Von 9/11 ist die Rede. (Lieber dummquatschen vom „Krieg gegen den Terror“.)

Wer den Faschismus in Aktion nicht kennt, versteht nicht, was in der Ukraine vorgeht, was in Syrien vorgeht, was in der Türkei vorgeht. „Faschismus in Aktion“ – das ist heute das Pikante – ist nicht mehr (oder noch nicht) der Faschismus als die ganze Gesellschaft total umfassendes System, sondern als rechtsstaatlich eingehegtes oder herausgeputztes Kampfinstrument/Speerspitze.

Aus linker Kapitulation in Grundfragen, folgt natürlich Kapitulation in den (wichtigen) Einzelfragen. Z. B. fällt in diesen Tagen bei aller linken und friedensbewegten Kriegswarnungs- und BRD-Anprangerungsgeschwätzigkeit nicht EINMAL die schlichte Tatsachenfeststellung, dass Russland am 24.11.2015 von einem NATO-Mitglied direkt angegriffen wurde, dass die NATO sich mit dieser Aktion und dem Akteur solidarisiert hat und dass, wie der Saker schreibt, „die NATO nun zu einer Allianz der Straflosigkeit geworden ist“.

Wirklich, als ehemals Linker oder Friedensbewegter sitzt du heute garantiert in der ersten Zuschauerreihe (mit unbestrittenem Recht zu herzhaften Buh!-Rufen!).

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, bloggen, Demokratie, Faschismus alt neu, Krieg, Krise, Machtmedien, Realkapitalismus, Revolution, Widerstand abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Am anderen Ende des Pendels

  1. Ein Ostdeutscher schreibt:

    Ich lese Ihren Blog schon seit letztem Jahr. Danke für Ihre Gedanken, die mir öfter geholfen haben. Gedanken, die mir zeigten, dass ich mit meiner zunächst längeren „Erstauntheit“ und dann immer größeren Enttäuschung über die Zerspaltung der Friedensbewegung und die dabei öffentlich wahrnehmbaren Teile der Linken nicht allein bin. Ist man damit dann ein ehemaliger Linker oder ist nicht eher die vermeintlich Linke nicht mehr links? Ich habe darauf derzeit keine befriedigende Antwort. Da ich in keiner Partei oder Organisation Mitglied bin, erlaube ich mir einfach, erstmal weiter links zu denken, so wie ich mir links vorstelle.

    Was mir auch sehr gut gefällt, ist die Niederschrift Ihrer ganz persönlichen Erlebnisse. Weiter so!
    Danke & Gruß aus der Nachbarschaft

  2. Wolfgang schreibt:

    Sehr geehrter Herr Kurch!

    Ihre Allegorie vom „schwingenden Pendel“ ließ mich an meine eigene Vorstellung bezüglich des Geschichtsprozesses denken. Und weil ich mir vorstelle, dass Sie Ihren Blog auch als Kommunikationsplattform verstehen, und die Zeiten wahrlich finster sind, will ich das hier mal vorstellen.
    Ich selbst bin momentan emotional sehr aufgewühlt. Ja, da gibt es zur Zeit eine Bande von Raubmördern und Schwerstverbrechern, die sich scheinbar jede Untat herausnehmen können mit dem Wissen, dabei straflos davon zu kommen. Nein, präziser muss man sagen, dass es eine Menge dieser wenig erfreulichen Gestalten gibt, die sich in vielen Räuberbanden organisieren, die in beständig wechselnden Koalitionen ihren Vorteil betreiben und dabei darauf achten, den anderen möglichst viel Schaden zuzufügen.
    In ihrer Arroganz und Skrupellosigkeit und Borniertheit bemerken sie noch nicht mal, dass sie dabei sind, den ganz grossen Knall zünden.

    Ich selbst sehe den Kampf für eine menschenwürdige, zivilisierte Welt eher als eine unglaublich lange Abfolge von Kämpfen von Menschen, die die Tyrranei, unter der sie litten, nicht mehr ertragen haben, dagegen revoltierten, und in der Regel in diesem Kampf auf die eine oder andere Art untergingen. Ich denke da z. B. an den Spartakusaufstand, den Bauernkrieg, die Französische Revolution oder die Pariser Kommune. Auf eine bestimmte Weise wurden die Empörer über die schlimmen Zustönde besiegt, aber ihre Ideen waren in der Welt. Und kein Mittel konnte sie wieder daraus entfernen. Man denke nur daran, wie oft und gründlich Marx Theorie über die Wirkungsweise der kapitalistischen Gesellschaft widerlegt wurde. Die Widerleger sind im wesentlichen vergessen, die Theorie virulent wie schon lange nicht mehr.
    Opa, ich möchte deinem Beispiel vom Pendel etwas entgegen halten. Ich glaube, dass immer dann, wenn die Herrschenden und ihre Lemuren dachten, jetzt haben sie alles erreicht, die Welt ist genau so wie in ihrer Vorstellung, Widerständiges hat keinen Raum mehr, dann geschah das Unmögliche.
    Was sagte Marie Antoinette am Vorabend der Französischen Revolution? „Sie haben kein Brot? Dann sollen sie Kuchen essen!“ Wenige Jahre später war sie kopflos. Und die heutigen Herrschenden scheinen mir die Reinkarnationen dieser damaligen Oberschichtler zu sein, so wie die heutigen Verhältnisse so bleiern und schwer auf allen Menschen lastet.
    Was will ich sagen? Mir selbst fallen zu den heutigen Zuständen Parallelen zu mehreren Geschichtsepochen auf. Einmal die Zeit vor dem 1. WK, wo die entsprechenden Entscheider einen Kanister Benzin nach dem anderen in die Flammen gossen, bis das ganz große Feuerwerk da war. Die ökonomische Situation damals ist mit der heutigen auch vergleichbar, das Kapital als solches steckt in einer verheerenden Akkumulationskrise, das „reinigende Gewitter“ lässt schon zu lange auf sich warten, es muss überflüssiges Kapital vernichtet werden.
    Ähnlich wie damals haben sich konkurrierende Staatenblöcke gebildet. Und ähnlich wie damals schauen sie nach der Chance, sich des „Totfeindes“ zu entledigen. Ich glaube, wenn die heutige Vernichtungskraft beider Blöcke nicht so überdimensional groß wäre, der große Waffengang wäre schon längst im Gange. Dabei sehe ich die USA in einer vergleichbaren Situation mit dem deutschen Kaiserreich von vor 1914 – im einen Fall die Hegemonialmacht, die sich in ihrer Suprematie bedroht fühlt und sich ausrechnen kann, wann die Verfolger Russland und China zu ihr aufgeschlossen haben, ähnlich wie Dland, das größte Kontinentalmacht war, aber durch ihre beiden Kontrahenten (Frankreich und Russland) in die Zange genommen sah, mit der Drohung, im Rüstungswettlauf zu unterliegen). Und Dland wagte damals den großen Schritt in die Barbarei und Katastrophe. Es war kein Reinstolpern von Traumtänzern, sowas fällt nur professionellen Historikern ein, aber das sind ja auch Ideologiearbeiter.
    Und ähnlich diplomatisch tollpatschig und dumm wie damals das Kaiserreich agiert heute die USA. Auch ihnen gelingt es, alles das, was ihrer Macht schädlich ist, nicht nur klar zu bennen, ihnen gelingt es, genau diese Bedingungen herzustellen. Leo Perutz Roman: Der Marques de Bolibar behandelt dieses Phänomen in hervorragender Weise. Man sehe, Russland und China sollten getrennt gehalten werden, sie sollten sich gegenseitig neutralisieren. Die US – Aussenpolitik hat da hervorragendes geleistet, ähnlich wie die Wilhelminische Aussenpolitik das Erbe der Bismarck’chen Bündnispolitik verwaltete. Oder Obamas Ausspruch von der einzigen unverzichtbaren Nation. Das mit dem Wissen, dass es rund 200 weitere Staatenlenker mit den genau gleichen Gedanken auf unserer heutigen Welt gibt. Das macht denen bestimmt ungeheuer Eindruck! Die Herrschenden arbeiten selbst massiv und mit Hochdruck an ihrem Untergang.
    Die USA versuchen schon ab den 1980er Jahren den großen Krieg wieder führbar zu machen, trotz der atomaren Drohung. Man denke nur an A. Haig und seinen Ausspruch damals, dass es Wichtigeres als das Leben gebe. Und an die Stationierung der Pershing Raketen in Europa, und Reagens SDI.

    Was die Bevölkerungen, die Menschen betrifft, auch damals waren die Zustände für die meisten unaushaltbar, ob als Sklave zur Zeit von Spartakus, als unfreier Bauer im ausgehenden Feudalismus, oder als Bewohner des absolutistischen Frankreich vor der Revolution. Und die Herrschenden waren sich damals ihrer Macht genau so sicher wie heute. Wer sollte es wagen, gegen sie zu revoltieren? Sie sind immer die Herren der Welt. Aber wie schon Hegel in seinem Herr – Knecht Kapitel der Phänomenologie schrieb: „…der Herr regrediert.“ Und man sehe sich die heutigen Herrschenden und ihre Sachwalter an. Man höre ihre Reden und betrachte ihre Taten. Und man weiß, Hegel hat Recht.

    Und der Sturm erhob sich immer gegen die unaushaltbare Unterdrückung, und zwar oft genau dann, wenn keiner mehr damit rechnete. Und ja, ich geb’s zu, für mich waren es alles auf eine Art Niederlagen für die Kämpfer für eine bessere Welt. Trotzdem veränderten sie das destruktiv-zerstörerische System. Der einmal gelegte Keim entfaltete seine Wirkung und ließ sich nicht mehr eindämmen. Und erzeugte somit für die Nachkommenden bessere Lebensverhältnisse. Bis die sich das wieder nehmen liessen. So bestand der Wohlstand in den westlichen Metropolen nur deshalb, weil die Masse der Nichtbesitzer von Produktionsmitteln sich nicht mehr einfach abspeisen ließ und die Eliten mit ihnen einen Kompromiss eingehen mussten, um nicht ihre Macht zu verlieren. Und weil es nach zwei fürchterlichen Kriegen den „Osten“ gab mit einem alternativen Gesellschaftsmodell. Und sobald der zerfallen war, konnte der gesamte „Sozialklimbim“ wieder eingespart werden. Man schaue, wie sich die Verhältnisse in Westeuropa seit 1989 entwickelt haben. Wie leicht lassen sich die Menschen zu ihrem eigenen Schaden verführen und wie vergesslich sind sie!
    Die unterlegenen Kämpfer für ein besseres, freies Leben gingen nicht leer aus. Sie erlangten ihr Menschsein wie die Herren zu Unmenschen mutierten. Beispielhaft möchte ich hier an Rosa Luxemburg und ihre Mörder erinnern. Selbst der letzte CDU – Hinterbänkler muss mindestens einmal pro Jahr den Spruch von der „Freiheit als der Freiheit des Andersdenkenden…“ von ihr bringen. Dass in diesen Zusammenhängen, wenn solche Leute auf dieses Zitat zurückgreifen, alles falsch ist, angefangen von diesem Zitat, über den Sinnzusammenhang bis hin zu der Person, die mit diesem Zitat eine Wirkung erzielen will, die selbst ebenfalls besser unterbliebe, will ich hier nicht ausführen. Wichtig ist mir nur, Rosa Luxemburg wirkt über ihren Tod hinaus weiter, ihr Mörder geht eben nur als ihr Mörder in die Geschichte ein.
    Ein weiterer positiver Aspekt, die Herren und ihre Sachwalter haben Angst vor den Menschen. Warum sonst diese unglaubliche Überwachung von allem und jedem? Diese immensen Sicherheitsapparate, Bannmeilen und Bodyguards. Es ist ihre Angst vor den Konsequenzen ihres Treibens. Tief in ihrem Inneren wissen sie um die Schändlichkeit ihres Tuns. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Talkrunde im – ich glaube – österreichischen Fernsehen, als D. Ganser die unfriedliche, zerstörerische US – Politik kritisierte. Der Anwalt der US – Elite -Position war ein einziger Ausbund an Wut und Geschrei, um den Vorwurf nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Und sein Argument, um den Vorwurf zu entkräften, um sich selbst vor sich und der Welt zu rechtfertigen, bestand darin, auf die Opfer hinzuweisen, die ihr Handeln erspart hat. Da hat ja selbst Lukullus in Brechts Theaterstücken (Verhör und Verurteilung des Lukullus) mehr vorzuweisen. Da sie selbst nur als Anhängsel der Maschine „Kapitalismus“ ausführen, was die zerstörerische Systemlogik von ihnen verlangt, haben sie ihre Freiheit als Menschen aufgegeben, sie haben ihr Wesen nicht erfüllt, sie sind zu Unmenschen geworden.
    Jede andere, als ihre Untat, würde sie selbst in den Abgrund reissen, ihre Karriere sofort beenden, denn dann bliebe der Profit aus.

    Opa, ich weiß nicht, wo die Reise hin geht, ich weiß nicht, ob es den Menschen gelingt, diese schwere Krise zu meistern, ob die Zivilisation befördert werden kann. Oder der Rückfall in die Barbarei vorerst unwiderruflich ist.
    Ich glaube nicht, dass das Ziel das alles Entscheidende ist, dass und wie wir uns als Menschen positionieren, das ist entscheidend.
    In diesem Zusammenhang möchte ich auf den „Witz des Weltgeistes“ und einen anderen „alten Mann“ zu sprechen kommen. In meinen Augen ist der seinem katholischen Glauben und seinen zutiefst menschlichen Überzeugungen treu gebliebene Eugen Drewermann der eigentliche Verwalter des Erbes der „Kritischen Theorie“ und nicht der gelehrte Professor, der dem Natokrieg gegen Jugoslawien einen positiven Sinn abgewinnen konnte.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wolfgang

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s