Damals, 1944 / 45 – Hier: High Noon, Mai 44

Kurt erzählt:

Ich stamme aus einer Kleinstadt im Osten Thüringens. Der Krieg hatte uns bisher verschont. Wir sahen ihn nur oben am Himmel. Er sah irgendwie beeindruckend aus. Ordentlich durch Sirenengeheul angekündigt zeigte er sich als Formationen feindlicher Bomber, die am helllichten Tag ohne jede Bedrängung durch Flugzeuge der unbesiegbaren Wehrmacht nach Süden flogen, mit weißen Kondensstreifen, die sich hinter den Maschinen bildeten. Eine Gefahr für uns unten waren die oben nicht. Das war unsere feste Überzeugung. Was gab es denn hier bei uns unten auch zu bombardieren? Fabriken gab es schon, aber irgendwie schienen die da oben auf was anderes aus zu sein. Wenn die Sirenen heulten ging deshalb auch kaum jemand in den Keller oder stieg aus dem Bett, wenn sie nachts kamen und wir nur das Röhren ihrer Motoren hörten. Geholfen hätte ein solcher Rückzug im Ernstfall sowieso nicht, davon waren wir auch überzeugt. Wenn wir in der Schule waren und die Sirenen dröhnten wurde der Unterricht unterbrochen und auf die Stunde nach der Entwarnung vertagt. Zumeist bildeten sich dann Gruppen von Schülern, die mit einem oder einer der Ihrigen mit nach Hause gingen, weil das oft näher war als das eigene Zuhause, und weil das auch mehr Spaß machte. Wir alle waren sehr für solche Unterbrechungen und wünschten zuweilen, dass ihr Rhythmus noch etwas kürzer sein könnte, als er schon war. Die Mehrheit wünschte sich das insbesondere dann, wenn eine unfeine Klassenarbeit anstand. Lieber Gott, sende doch wenigstens einen Bomber über uns, nur einen, das reicht schon – so ungefähr.

Der kam eines Tages. Nicht nach göttlichem Geheiß. Dieses wurde durch die Höhenbomber befolgt. Beiderseitig der Fronten, wenn auch zeitlich versetzt, war uns schon aufgefallen. Dieser Bomber kam von unten. Auf Schleichpfad. Und nicht in der Woche.

Wir saßen also an einem strahlenden Maientag zu Hause in der Wohnküche, deren Fenster weit geöffnet waren, am Mittagstisch. Es war Sonntag. Keine problematische Klassenarbeit. Alles war friedlich und schön. Wir, das waren meine Mutter, mein großer Bruder, 13 Jahre alt, meine jüngere Schwester, 6, ich 10. Papa war im Krieg. Natürlich. Im Osten. Wo genau wussten wir nicht. Die Feldpostbriefe von ihm hatten häufig wechselnde Adressen. Nur schien es, dass sie immer näher ans Reich rückten. Der Volksempfänger bestätigte das. Es wurde nunmehr nach rückwärts gesiegt. Mama sprach mit uns nie darüber. Wir beiden Jungen nur untereinander, und nur leise. Die kleine Schwester war hier außen vor. Wir saßen also am Mittagstisch und blödelten etwas herum. Und plötzlich vernahmen wir ein durchdringendes Pfeifen draußen, das abrupt abbrach, und gleich danach eine enorme Detonation. Das konnte nur eine Bombe gewesen sein. Jedoch: Die Sirenen hatten nicht geheult. Und Flugzeuge waren auch nicht am Himmel. Mein Bruder und ich ließen das Essen stehen und stürmten aus dem Haus. Wir wollten zu dem Einschlag hin, der nicht weit entfernt sein mußte. Das war er auch. Wo einmal ein Haus stand war jetzt eine Grube. Trümmer des Hauses lagen in der Grube. Und Tote. Darunter ein Kind. Hier waren alle tot, die im Haus waren. Vierzehn Tote, hörten wir später, drei Kinder darunter. Ausgelöscht alle. Wir kannten die Toten nur flüchtig. Ein Glück. Der Krieg war plötzlich mitten unter uns. Mein Bruder und ich sahen uns nur an. Wir sprachen kein Wort. Und sagten Muttern, was wir angetroffen hatten. Sie sagte auch kein Wort.

Es war ein angeschossener Bomber, der sich noch zu seinen Linien durchschlagen wollte, indem er die letzte Bombe, die Ballast war, auch noch abwarf, hieß es. Aber weshalb nicht auf ein freies Feld? Die kriegen auch total, sagte mein großer Bruder.

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Siehe auch: „Die verdammten Erinnerungen…,“

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