Meine Geschichten von Krieg und Frieden – Bomben auf Gelsenkirchen

Mrs. Tapir erzählt:

Die Eltern meines Vaters wurden im November 1944 in Gelsenkirchen ausgebombt. Das Elternhaus meines Vaters stand in Gelsenkirchen. Dort hatte er – zusammen mit 5 Geschwistern – seine Kindheit und Jugend verbracht. Oft hat er mir von dem geliebten Garten erzählt, in dem man sogar Fahrrad fahren konnte.

Im November 1944 waren bis auf die Jüngste der Geschwister, die 16-jährige Erika, alle Kinder aus dem Haus: die Jungen an der Front oder in Gefangenschaft, die Mädchen arbeiteten als Lazaretthelferinnen, die älteste hatte schon ein Kind.
Das große mehrstöckige Eckhaus, in dem die Familie wohnte, besaß keinen Luftschutzkeller. Bei Alarm ging die Familie in den Luftschutzkeller im gegenüberliegenden Haus.

Als am 6. November die Sirenen den bevorstehenden Luftangriff ankündigten, hasteten Mutter und Tochter  aus dem Haus, um auf der anderen Straßenseite im dortigen Keller Schutz zu suchen. Gelsenkirchen hatte zu diesem Zeitpunkte schon viele Luftangriffe erlebt und man wusste, was einem drohte. Der Vater konnte sich lange nicht entschließen, mitzukommen. Er lief rastlos im Haus herum und suchte die wichtigsten Papiere zusammen. Die beiden Frauen saßen derweil zwischen den verängstigten Hausbewohnern des anderen Hauses und zitterten, weil der Vater immer noch nicht da war. Man hörte bereits Bombeneinschläge in der Stadt, als er endlich atemlos hereinstürzte. Dann warteten alle, lauschten den bedrohlichen Geräuschen und versuchten, ihre Angst niederzudrücken. Durch ein Kellerfenster konnte man auf die gegenüberliegende Seite der Straße sehen. Als der Einschlag das Eckhaus traf, war die Luft erfüllt von Lärm und Sirenengeheul. Die Tochter hielt sich die Ohren zu und starrte gebannt durch das Kellerfenster. Dann sah sie, wie die beiden oberen Etagen des Elternhauses in sich zusammenfielen. Nur das Erdgeschoss blieb stehen. Erst konnte sie es nicht begreifen. Dann dachte sie kurz, wie wunderbar es sei, dass sie alle drei hier sicher im Keller Unterschlupf gefunden hatten. Aber dann brach das ganze Entsetzen über sie herein: Das Haus steht nicht mehr? Wo sollen wir denn jetzt hin? Unsere ganzen Sachen sind kaputt! Es ist alles vernichtet! Fassungslos stand die Mutter mit der weinenden Tochter da und konnte nicht glauben, was sich draußen abspielte. Dann hielt es den Vater nicht mehr, und zum Entsetzen der beiden anderen rannte er aus dem Keller, über die Straße und betrat das Haus bzw. die noch stehengebliebene untere Etage.

bomben auf gelsenkirchen

 

Die Treppe war eingefallen. Es war nicht daran zu denken, in die oberen Räume vorzudringen bzw. in das, was noch stehen geblieben war. Ob meinem Großvater klar war, dass er sich in Lebensgefahr befand, denn das Haus konnte jeden Moment weiter einstürzen? Ich weiß es nicht. Es wurde nicht überliefert. Jedenfalls holte er aus seinem Büro noch Unterlagen und einige Möbelstücke, die danach auf dem Bürgersteig standen. Die Familie war von einer Sekunde auf die andere ausgebombt, obdachlos, arm, schutzlos.

Aber sie waren nicht alleine. Überall liefen verzweifelte Menschen durch die rauchenden und brennenden Straßen der Altstadt. Ganze Häuserzeilen waren eingestürzt. Leichen lagen auf der Straße. Sie waren von Trümmerteilen oder durch die Bomben direkt getroffen worden. Menschen liefen schreiend in diesem Wirrwarr herum.
Die Tochter musste  ihre Mutter trösten, die gar nicht mehr richtig zu sich kommen wollte.

Der Vater ging noch an diesem Abend zum Postamt, das immerhin noch stand und gab an seine Söhne Telegramme auf: „Haus zerbombt. Eure Mutter verzweifelt. Kommt nach Hause und helft.“

Mein Vater sagte daraufhin seine für den nächsten Tag geplante Hochzeit ab. Er war gerade auf Heimaturlaub bei seiner Verlobten. Er fuhr nach Hause und mit zusammen mit seinem älteren Bruder versuchte er durch riskante Klettertouren, Wertgegenstände in den Trümmern zu finden oder noch brauchbare Möbel oder Kleidung zu retten. Und sie bemühten sich,  den Eltern in der schrecklichen Situation beizustehen. Denen blieb nichts anderes übrig, als das Angebot einer entfernten Verwandten anzunehmen, bei ihr in ihrer Wohnung im Harz Zuflucht zu nehmen.

Später wurde das Haus ganz abgerissen. Es war nicht mehr zu retten. Ich kenne nur noch Fotos davon und den leeren Platz auf der Straße, vor dem mein Vater immer stehen blieb und ganz traurig wurde.

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Siehe auch: „Die verdammten Erinnerungen…,“

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4 Antworten zu Meine Geschichten von Krieg und Frieden – Bomben auf Gelsenkirchen

  1. schon wieder da schreibt:

    Hier ist die aktuelle Liste der Bundesagentur für Arbeit, die Positivliste.
    „Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat festgestellt, dass für folgende Berufe die Besetzung offener Stellen mit ausländischen Bewerberinnen oder Bewerbern arbeitsmarkt- und integrationspolitisch unter folgenden Voraussetzungen verantwortbar ist:“

    https://www.arbeitsagentur.de/web/wcm/idc/groups/public/documents/webdatei/mdaw/mta4/~edisp/l6019022dstbai447048.pdf

    Fällt bei der Zusammenstellung der Berufe jemandem etwas auf?

  2. Lutz Lippke schreibt:

    Bitte Ganse Ente (vor dem Krieg)!
    Es ist noch Sonntag. Meine Frau war heute ungewöhnlicher Weise vor mir auf.
    Sie hatte Albträume und dann weckte sie der Kater, in dem er an wirklich giftigen Gerichtspapieren knabberte. Ihre Unruhe kam eigentlich daher, dass sie einer jungen libysche Ärztin versprochen hatte, bei der Jobsuche zu helfen. Diese hatte sie bei einem Kurs kennengelernt und mit ihr geweint. Denn wenn die junge Ärztin bis zum Januar keinen Job vorweisen kann, dann muss sie wohl Deutschland verlassen. Nun hatte meine Frau ihre Bewerbungsunterlagen verlegt und gerade wollte ein Bekannter seinen Kontakt zu einem Krankenhauschef einbringen. Wir suchten beide nach den Unterlagen.
    Zwischendurch las meine Frau von ihrem Handy ein Posting, die Bundeswehr sucht verstärkt Soldaten. Bestimmt wegen des Krieges in Syrien. „Die Franzosen wollen, das die Deutschen mit in den Krieg ziehen und meine Bekannte muss dahin zurück“ sagt meine Frau.
    Ja die Franzosen und die Deutschen? Sind wir das?
    Ich reagiere unsicher: „Libyen und Syrien sind nicht das Gleiche. Von Libyen hört man gerade wenig, aber in Syrien treten sich derzeit die großen Kriegsmächte gegenseitig auf die Füsse. Entweder geht es um eine brandgefährliche Machtprobe mit Russland oder doch eher um die Rechtfertigung von massiven Einschnitten ins Sozialsystem und demokratische Errungenschaften, weil man sich weltweit verspekuliert hat und nun dafür die Ursachen generieren muss.
    Es könnte also wegen Dummheit, Intriganz und Gier zu einem katastrophalen Krieg kommen.“
    Wir finden die Unterlagen der Ärztin und scannen sie sogleich. Ich überfliege die Seiten und sage: „Erstaunlich was deine Bekannte alles schon geschafft hat.“
    Ich gehe ins Internet und suche nach passenden Stellen. Es muss keine Arztstelle sein, Hauptsache Bleiben. Ich finde ein paar Stellen. Hoffentlich können wir helfen. Hoffentlich für wen? Im Radio die Meldung: Pegida-Organisator wird bedroht. Wohl auch von der jungen Libyerin?Dann bereite ich etwas Frühstück vor und bin in Gedanken bei den angefressenen Gerichtspapieren. Auch ein Krieg! Dummheit, Intriganz und Gier seit Jahren. Mir kommen wesentliche Gedanken zur Logik der Verfehlungen in einem halben Dutzend Gerichtsverfahren. Ich muss es irgendwie zwischenspeichern. Nur ein paar Zeilen.
    Aber nicht jetzt wieder an den hässlichen Rechner! Das kommt gerade nicht gut an. Es gibt jetzt Frühstück. Im Radio geht es weiter banal zu. Ich hänge derweil meinen Gedanken nach und versuche sie gegen das Radio und meine Frau im Kopf zu behalten und ihnen weiter Klarheit zu geben. Hätte ich diese Klarheit vor 5 Jahren schon so gehabt, es hätte vielleicht keinen Krieg gegeben. Jedenfalls nicht diesen. Aber wie sollte ich bei diesem permanenten Druck und ohne Erfahrung das alles sehen. Dafür braucht man nun mal Erfahrung und auch Anwälte. Die sollen Einen doch verteidigen, zur Not auch wie Soldaten im richtigen Krieg. Aber von wegen, es geht nur ums Ausweiden und Krisengewinne. Der sogenannten Juristische Staat (JS).
    Ein bisschen wie in Syrien, nur offensichtlich unblutiger, schleichender und verdruckster. Auch ungefährlicher? In jedem Fall ist die Justiz weitgehend vorbereitet und empfänglich für die totale Diktatur, soviel kann ich aus Erfahrung sagen. In meiner Gedankenspirale erreicht mich die Frage: Gans oder Ente? Ich brauche für die Reaktion deutlich zu lange. Weihnachten? Auch das noch! Aber wir schaffen die Gans und auch noch die Ente, selbst wenn keiner kommt.
    Sage ich und versuche meine Struktur im Kopf zu retten. Meine Frau ist bedient. Wir kommen über die Motive von Veganern in einen kleinen Streit. Ich kämpfe weiter um meine Struktur im Kopf und bin eigentlich auch bedient. Würde gerne meine Gedanken auf dem Tisch zerlegen, wie einen toten Vogel. Aber das kann ich mir nicht leisten. Hänge ja eh schon die meiste Zeit mit diesem intriganten Dreckzeugs rum. Wir stehen zusammen. Auch wenn es manchmal schwer fällt. Also doch Gans!

  3. eschff schreibt:

    Ausgebomte und Heimatvertriebene waren ganz etwas anderes als die, welche heutzutage Kriegsflüchtlinge genannt werden von den Schönrednern!
    Als Beleidigung empfinde ich es, dass Senatoren und Abgeordnete uns auf eine Stufe stellen!
    Wir hatten wegen unser Deutschen Staatszugehörigkeit unser Eigentum und Heimatland entzogen bekommen! Wir waren nicht die den Krieg wollten aber uns nahm der Krieg alles!

  4. Meine Geschichte sollte überhaupt nichts mit den heutigen Flüchtlingen zu tun haben. Sie sollte uns daran erinnern, was Kriege Menschen antun.
    Aber wenn sie schon so verstanden wurde:
    War es nicht ganz anders? Hat nicht die deutsche Nation den Krieg damals vom Zaun gebrochen?
    Ich distanziere mich in aller Form von den Aussagen dieses Kommentars. Ich betrachte sie als Beleidigung für die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen.

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