Meine Geschichten von Krieg und Frieden – Als ich ein Kind war

Mrs. Tapir erzählt:

Als ich ein Kind war, sprachen alle, die ich kannte, mit Schrecken und Abscheu über den Krieg. Oder sie schwiegen ihn tot. Er steckte ihnen noch in den Knochen. Meine bewussten Erinnerungen gehen in das Jahr 1953 zurück, als ich 5 Jahre alt war.
Unsere Umwelt zeigte noch überall deutliche Spuren des Krieges: Wir spielten in Trümmergrundstücken, in denen im Sommer überall Blumen wucherten, mitten in der Stadt gab es leere Flächen, wo Trümmer abgetragen wurden, unser Lieblingsspielplatz, der Bulmker Garten in Gelsenkirchen, war ganz neu gestaltet worden: „nach dem Krieg“, so sagte man uns. Für uns war er ein wunderbares Abenteuerland. Wir nahmen unsere Umwelt so, wie sie halt war.Als ich ein Kind war
Freilich gab es viele Männer auf Krücken und ich kannte Kinder, deren Väter nicht aus dem Krieg zurückgekommen waren.
Erwachsene sprachen nicht oft über ihre Kriegserlebnisse, wenn sie zusammen waren, schon gar nicht vor uns Kindern. Selbst unsere Lehrerin hat kaum etwas darüber berichtet. Trotzdem wussten ich und meine Schwester über die Grauen des Krieges gut Bescheid, denn unsere Eltern erzählten viel davon und immer wieder. Ihre Geschichten sind mir noch heute gegenwärtig. Ich werde sie erzählen, denn sie haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben.
Dennoch hatten wir keine Angst vor einem neuen Krieg. All das war für uns lange her und in einer anderen, schrecklichen Zeit passiert. Wir hatten den Krieg nicht mehr erlebt. Als wir geboren wurden, war er vorbei, wenn auch nicht vergessen. Aber jetzt war heute, alles lebte und bewegte sich, entwickelte sich. Der Krieg war vorbei. Keiner wollte ihn wiederhaben – jedenfalls sagte es keiner laut.
Nur manchmal gab es auch in meiner Kindheit Ereignisse oder Erfahrungen, die mit diesem Krieg in Verbindung standen, dem Krieg, über den meine Eltern erzählt hatten. Trotzdem wähnte ich mich lange im tiefsten Frieden.
Bis dann ganz allmählich und in kleinen, versteckten Schritten, der Gedanke wieder auftauchte, es könne doch noch einmal Krieg geben. Heute sind diese Schritte weder klein noch versteckt. Wir stecken mittendrin und wir werden jeden Tag mehr daran gewöhnt.

Leute, die nur wenig jünger sind als ich, haben oft überhaupt keine Vorstellung davon, was Krieg eigentlich bedeutete. Ganz zu schweigen von den jungen Leuten.
Deshalb habe ich angefangen, das über den alten Krieg aufzuschreiben, was ich noch erinnern kann, damit es nicht dem schlechten Gedächtnis der Gesellschaft zum Opfer fällt und damit die Jüngeren erfahren, was das bedeutete: Krieg und danach.
Manches kenne ich nur aus Erzählungen und werde es so aufschreiben, wie ich es im Gedächtnis habe. Meine eigenen Erinnerungen betreffen die Nachkriegsjahre in Gelsenkirchen.
Und sie betreffen die späteren Erfahrungen, wie sich langsam der Gedanke an Soldaten, Kriege, Bomben, Maschinengewehre wieder im normalen Alltag der Menschen ansiedelte. Auch die möchte ich aufschreiben, um herausfinden, wie das geschehen konnte. Und damit die Menschen sehen, was mit ihnen geschehen ist.

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Siehe auch: „Die verdammten Erinnerungen…,“

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2 Antworten zu Meine Geschichten von Krieg und Frieden – Als ich ein Kind war

  1. Vernon schreibt:

    Ich wurde 1941 geboren, mitten im Krieg. 1943 wurde mein Vater verwundet, er kam dann ins Lazarett nach Schwäbisch Gmünd. Meine Mutter erhielt alle 6 Wochen eine Fahrkarte von der Wehrmacht, so dass sie meinen Vater im Lazarett besuchen konnte. Die Fahrt dauerte meist 3 Tage, in Nürnberg musste sie das 2. Mal umsteigen, das 3 Mal in Stuttgart. Der Zug hielt immer weit vor der Stadt, man musste zu Fuß durch die ganze Stadt laufen, dort stand dann irgendwann wieder ein anderer Zug, weit außerhalb, die Bahnhöfe waren meist zerbomt. Meine Mutter hatte immer schwere Einmachgläser im Gepäck, als Zusatzversorgung für Vater, die musste sie weit tragen. In Nürnberg angekommen, war das die erste Tagesreise, eine Etappe von ca. 120 km. Sie konnte dann im Hotel übernachten, auf Wehrmachtskosten. Sie blieb meist drei Wochen in Schwäbisch Gmünd, wohnte dort bei Familie Ehrle, und ging jeden Tag zum Krankenbesuch. Auch dort gab es immer Fliegeralarm, Familie Ehrle ging zu ihren Weinberg, dort war ein Keller.
    Im April 1944 meinte man, dass Vater bald völlig gesund wäre, plötzlich bekam er hohes Fieber und verstarb am 9. April an einer Sepsis. Ein kleiner Granatsplitter in der Beckenschaufel hatte sich entzündet.
    Am 8. Mai 1945 war dann der Krieg zu Ende. Eine Woche später kamen die Amerikaner in unser kleines Dorf im Fichtelgebirge. Als die ersten Fahrzeuge auftauchten, musste schnell ein weißes Bettuch gehisst werden. Der Convoi fuhr vor unserem Haus vorbei, ich spitzte aus dem Fenster. Etwa drei von vier Amerikanern waren schwarz im Gesicht, so was hatte ich noch nie gesehen. Nach etwa 2-3 Stunden kamen sie vom Bürgermeisteramt zurück, der Ort war übergeben worden. Die Fahrzeuge fuhren wieder am Haus vorbei, den Berg hinauf, durch ein dichtes Waldgebiet. Bald hörten wir furchtbaren Lärm, Explosionen und MG-Feuer. Wir wussten, dass sich noch versprengte deutsche Soldaten im Wald herumtrieben, die hatten einen Hinterhalt gelegt. Die Amerikaner zogen sich zunächst zurück, es hatte drei Tote und viele Verwundete gegeben. Die Schwester meiner Mutter war in Wülfersreuth verheiratet, ihr Mann war im Krieg. Am nächsten Tag verließ sie das Haus, die kleine Tochter im Kinderwagen, und musste das Kampfgebiet durchfahren. Auf der Straße lagen ausgebrannte Fahrzeuge, und dann blockierte das Rad des Kinderwagens plötzlich. Ein menschlicher Unterkiefer hatte sich im Rad verfangen.
    Sie war kaum angekommen, als die erste Granate vor unserem Haus einschlug. Die Amerikaner hatten auf dem ca. 5 km entfernten „Grün-Hügel“ Feldartillerie aufgestellt und beschossen die Gegend. Ein kleines Aufklärungsflugzeug am Himmel leitete das Feuer. Die Bewohner des Ortes Wülfersreuth verließen ihre Häuser, auf Viehwagen mit vorgespannten Kühen brachten Sie Vewundete und Tote mit. Frau Kiesewetter wurde von zwei alten Männern hereingeführt, sie sah fürchterlich aus. Ein Granatsplitter hatte ihr den Unterkiefer abgerissen, das Kind, das sie auf dem Arm gehalten hatte, war tot. Meine Tante war (dienstunfähige) Krankenschwester, sie musste die schlimmsten Blutungen stillen, dann wurde die Frau ins Krankenhaus nach Bad Berneck gefahren. Dass sich damals traumtisiert wurde, merkte ich erst 60 Jahre später! Unser Haus lag dicht vor einer hohen Felswand, im Schatten des Artilleriefeuers. In der Felswand war eine Höhle, der Bierkeller, dort suchten wir alle Zuflucht, wenn der Beschuss einsetzte. Erst Mitte Juni hörte der Beschuss auf.
    Mein Großvater hatte viele „Schwarten-Bretter“ gelagert, das waren die nutzlosen, halbrunden Seitenbretter aus dem Sägewerk. Aus diesen wurden Särge gezimmert, und die Toten hineingelegt. Als dann der Zug mit den Karoffelwagen und vorgespannten Kühen, mit den Särgen darauf, zum Friedhof fuhr, stellten die Amis den Beschuss kurzzeitig ein.
    Von Frau Kiesewetter habe ich noch gehört, dass man lange vergeblich versucht hat, ihr zu helfen, 20 Jahre später hat sie dann Selbstmord begannen.
    Die drei toten Amerikaner waren nahe der Kampfstelle beerdigt worden, die Bauern aus der Gegend hatten Blumen auf die Gräber gepflanzt und Grabkreuze errichtet. Mitte der 50iger Jahre kam ein Kommando der Amerikaner, die Toten wurden exhumiert und auf einen Ehrenfriedhof in Amerika wieder bestattet.

  2. eschff schreibt:

    1940 wurde ich geboren.
    1945 verhungerte meine kleine Schwester Edeltraut.
    Schwerkrank Rachitis/Unternährung hatte ich bis ich
    mich ernähren konnte. Das war 1959.
    Heimatvertriebenen Ausweis A besitze ich.
    Aber eingebracht hat er mir bisher gar nichts.
    Spannendes kann ich berichten!
    Wer daran Interesse hat, kann in meiner Chronik
    im Internet einiges erfahren.

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