Erinnerungen an meinen letzten Krieg – Januar/Februar 1945, Flucht meines Vaters aus Thorn

Opa erzählt:

Natürlich habe ich die Flucht meines Vaters nicht selbst erlebt. Die Gespräche der Erwachsenen darüber gehörten aber zu den prägenden Eindrücken meiner frühen Kindheit. In diesem Sinne zähle ich sie zu meinen Erinnerungen an den Krieg.

Mein Vater, Bau-Ingenieur, arbeitete als dienstverpflichteter Zivilist auf dem Truppenübungsplatz Thorn. Dass mein Vater (immer Hitlergegner, nicht Parteimitglied) nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde, verdankte er seinen extrem schlechten Augen (Sehkraft des einen Auges 7%, des anderen 10% des Normalen), die auch durch Brillen nur mangelhaft korrigiert werden konnte, sowie einer Portion Simulation.

„Truppenübungsplatz“ war in unserer Familien- und Kindersprache ein wertfreier Begriff. Informationen über Kriegsverbrechen im Stalag Thorn habe ich erst viel, viel später ergoogelt. Mir sind rückblickend einige wenige dunkle Andeutungen meines Vaters in Erinnerung von Verbrechen, von denen er Kenntnis hatte.

Mein Vater war entschlossen, sich keinesfalls im „Endkampf“ verheizen zu lassen. Er wusste (sagte er mir später), dass ihn vor diesem letzten Einsatz auch seine Augen nicht gerettet hätten. Es gelang ihm „in letzter Minute“ von dem Thorner Kommandeur, „einem Österreicher“, (Diese Formulierung klingt mir im Ohr. Heute vermute ich, dass es sich um den Generalleutnant Curt (oder Kurt) von  Oesterreich gehandelt hat. Zu Aussagen Kurt von Österreichs, die im Nürnberger Prozess eine Rolle spielten, hier.) einen (halbwegs vorzeigbaren) Marschbefehl nach Deutschland zu bekommen. Höchstwahrscheinlich zwischen 12. und 18. Januar 1945 („der Geschützdonner der Front war ständig zu hören“-  die sowjetische Weichsel-Oder-Operation), machte sich mein Vater mit einem Fahrrad und unserem Schäferhund „Baldo“ auf den eisigen Weg.  Irgendwann verlor er das Fahrrad oder tauschte es ein. (Dem Fahrrad trauerte er noch jahrelang hinterher, denn es hatte für ihn, den großen, schweren Mann, extra verstärkte Speichen.)

Mein Vater kam mit „Baldo“ in Coburg an (Ende Januer 1945?). An dieses Ereignis kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie er später einmal erzählt hat, bemühte er sich dann, „Zeit zu schinden“. Das Ende musste doch bald kommen. Melden, gemäß Marschbefehl, musste er er sich in Arnstadt/Thüringen, denn sein Herkunftsort war das Dörfchen Wümbach bei Ilmenau.

Irgendwann Ende Februar oder Anfang März übersiedelten wir, unsere komplette Familie mit „Baldo“, von der Großmutter in Coburg zur Oma nach Wümbach. Die Übersiedlung selbst, kein großer Umzug, denn wir hatten ja außer unseren paar Koffern nichts, ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Mein Vater hat sich dann wohl im März noch in Arnstadt gemeldet. Er kriegte irgendwelche Befehle, denen er sich aber, so gut es ging, entzog. Die letzten Tage tauchte er irgendwo in seiner Wümbacher Heimat unter.

Einige Ereignisse in den Monaten März, April und Mai haben sich mir eingeprägt. Den Einmarsch der Amerikaner erlebte ich Anfang April in Wümbach.

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Siehe auch: „Die verdammten Erinnerungen…,“

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2 Antworten zu Erinnerungen an meinen letzten Krieg – Januar/Februar 1945, Flucht meines Vaters aus Thorn

  1. Joachim Bode schreibt:

    Aus den „Erinnerungen an meinen letzten Krieg“ werden demnächst – wenn es dann überhaupt noch möglich ist! – Erinnerungen an die letzten Kriege. Dem unverantwortlichen Gerede Gaucks, von der Leyens und Steinmeiers über „Verantwortung übernehmen“ folgt jetzt die Entsendung von Tornados nach Syrien und zusätzlichen Soldaten nach Mali und Afghanistan.

    Meine Erinnerungen an die Zeit des letzten Weltkriegs – besser: seiner Folgen (wg. Gnade der späten Geburt!) – erschöpfen sich im wesentlichen in drei Punkten:
    Da es für uns Kinder keine alternativen Bilderbücher gab, durften wir ein paar Jahre alte „gerettete“ Druckwerke mit der verherrlichenden Darstellung von Nazi-Kinderbanden bewundern, die im Barrikaden-Kampf über „rassisch minderwertige“ Kinder triumphierten.
    Später pfiffen uns von Soldaten im und nach dem Krieg weggeworfene Patronen um die Ohren, die wir zwecks Reaktivierung im Lagerfeuer erhitzt hatten.
    Und schließlich meine ich heute noch das Gedröhne der US-Panzer zu hören, die im Zusammenhang mit der Ungarn-Krise in schier unendlicher Kolonne durch unser Städtchen in Richtung Süd-Ost rollten.

    Über die Kriegs-Zeit kann ich nichts berichten, weil es verpönt war, darüber zu reden. Das war übrigens weit und breit geübter Standard besonders in der Schule bis zum Abitur. Schließlich mußte es sich doch auszahlen, dass auch die Nazi-Lehrer aktiv bleiben konnten…..

  2. mal wieder da schreibt:

    Ich habe viele Erinnerungen an Erzählungen aus dem Krieg, jede(r) Erwachsene hatte eigentlich den Krieg erlebt, oder zumindest die direkte Nachkriegszeit. Als Kind wurde mir versprochen, ich müsste keinen Krieg erleben. Nach den beiden Weltkriegen werde es jetzt lange dauern, bis die Nationen wieder zu einem Krieg bereit seien. Der Krieg z. B. in Vietnam sei weit weg, aber hier bei uns in Deutschland, in Europa, bald wieder Krieg sei unmöglich. Die Erinnerung sei zu frisch und bei allen da.
    Gehört habe ich auch, dass wir den Krieg verloren haben, deshalb gibt es in Deutschland Kasernen von ausländischen Streitkräften. Die Besatzer sind noch da.
    Später in der Schule habe ich gelernt, dass mit Frankreich nur Waffenstillstand bestehe und kein Friedensvertrag. Kohl hat das wohl Anfang dieses Jahrtausends geändert, jetzt haben wir Frieden mit Frankreich, wenn ich über die Medien richtig informiert wurde. Und Frankreich befindet sich jetzt im Krieg vermeldet der staatliche Rundfunksender.
    Nach wie vor gibt es ausländische Streitkräfte auf deutschem Boden. Ich glaube, der Spruch, dass von deutschem Boden kein Krieg ausgehen werde, bezieht sich nur auf die deutsche Bevölkerung, die darf keinen Krieg anzetteln. Deutscher Boden wird wegen der militärischen Stützpunkte schon lange von mindestens einer Nation zur Kriegsführung genutzt, so zumindest meine Kenntnis.
    Was werden die heutigen Kinder über Krieg in Erinnerung haben? Wird es selbstverständlich sein, dass immer irgendwo Krieg ist? Wird ein Ausnahmezustand Normalzustand?

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