Erinnerungen an meinen letzten Krieg – Oktober 1944, Abschied von Thorn

Opa erzählt:

An einem frühen Morgen im Oktober 44 war es soweit. Unsere Fahrt zurück nach Deutschland konnte nicht länger aufgeschoben werden. Die Front war nur noch 180 km entfernt. Mutter musste mit uns drei Kindern alleine fahren. Vater blieb natürlich dienstverpflichtet in Thorn. Wann würden wir ihn wieder sehen?
Später haben uns die Eltern erzählt, dass sie sich auf den Termin unserer Abfahrt nach Deutschland lange nicht einigen konnten. Unser Vater hörte Radio London und sah den Zusammenbruch voraus. Unsere Mutter glaubte dem Volksempfänger und wollte nicht feige weglaufen.

Wir saßen im Zug, der über die Weichselbrücke rumpelte, und ich sah im Morgendämmer einen Lastkahn auf der Weichsel. Ich fragte Mutti, ob wir bald zurückkämen. An ihre wörtliche Antwort kann ich mich nicht erinnern aber ich wurde traurig, weil es wohl für sehr lange Zeit fortging. Auf der anderen Seite freuten wir uns aber auch auf die Reise, denn es ging zur Großmutter nach Coburg. Datei:Brücke Thorn 1940.jpgQuelle 

In Leipzig mussten wir umsteigen, es war schon dunkel. Wir Kinder waren müde und erschöpft. Massen von Menschen drängelten, es war kalt und zugig, und es gab nur wenig Licht. Es schien mir kalt und grell, so mitten in der Dunkelheit ringsum. Ich kam mir verlassen vor. Wir standen auf dem Bahnsteig praktisch im Freien. Die Hallendächer waren alle zerstört. Und statt Mauern und Gebäuden sah ich überall nur unheimliche Ruinen.

Zwischen den Menschen und Gepäckstücken flitzten schnell und wendig lautlose Elektrokarren umher. Meine Mutter sagte, man nenne sie Eidechsen. Ich fürchtete mich vor ihnen, denn ich wusste nie, welche Richtung sie im nächsten Moment einschlagen würden.

Mitten in einer Trümmerwand entdeckte meine Mutter endlich eine kleine Tür. Wir gingen hinein. Es war eine Art Mutter-Kind-Station. Dort war es warm und hell, und es gab etwas Warmes zu trinken. Mehr weiß ich nicht mehr. Spät kamen wir in Coburg an.

Dort wohnten wir alle mehrere Monate in der kleinen Mietwohnung von Großmutter im Rummental 12.  Durch uns vier zusätzliche Personen war es jetzt für alle sehr eng. Ich sehnte mich nach der sonnigen Wohnung in Thorn. Meine Mutter war in dieser Zeit sehr still. Großmutter führte ein strenges Regiment. Das bedrückte mich manchmal. Und meist war mir langweilig. Meine Spielkameraden waren weit weg. 

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Siehe auch: „Die verdammten Erinnerungen…,“

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2 Antworten zu Erinnerungen an meinen letzten Krieg – Oktober 1944, Abschied von Thorn

  1. youth gone wild schreibt:

    Danke für diese persönliche Schilderung. Beeidruckend wie zu Lebzeiten eines Menschen das Pendel gesellschaftlicher Wahrnehmung einmal voll hin und her schwingen kann.
    Man beginnt, zu ahnen, was in naher Zukunft bevorsteht und verbleibt in trotteligem Schafsgeblök. So wie es immer war. Die Zeit zwischen Ihrer Flucht und dem was jetzt kommt, gilt es, in Erinnerung zu bewahren, möglichst auch dokumentarisch zu belegen. Sonst glaubt keiner unserer Nachfahren, daß so eine Zeit je möglich war.

  2. eschff schreibt:

    Mit Grausen erinnere ich mich an meine frühe Kindheit!
    Und mit noch größerem Grausen fürchte ich mich vor der Zukunft!
    Unfassbar, dass die Regierungen immer und immer wieder die
    gleiche Sch…. bauen!

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