Zeitumstellung. 3 Personen.

Eine freundliche kleine Phantasie hab‘ ich gehabt:

Ich bin müde geworden, gehe zu Bett. Nachtgedanken kommen. Ich liege ruhelos. Schließlich gleite ich in Schlaf und wirre Träume.

Dann ist hell und frisch der Morgen da. Es ist früher als gedacht. Alle Uhren gehen anders. Sie schenken mir mehr Freiheit. Ich habe Lust auf den neuen Tag.

Natürlich hängt meine Phantasie mit der heutigen Uhrzeitumstellung zusammen. Aber sie wäre mir nicht gekommen, wäre ich nicht tiefer als je zuvor in Nachtgedanken eingetaucht. Dafür gab es mehrere Auslöser. Einer ist mit dem Namen Gert Ewen-Ungar verbunden und seinem Artikel: „Das große Bild hinter den täglichen Nachrichten“.

Dort schreibt er:

„Es geht, wenn man die Teile zusammenfügt, um etwas ganz einfaches. Es geht ganz schlicht um den Erhalt von Macht. Es geht um die völlige Durchökonomisierung der Welt. Alles, was sich dem auch nur in Ansätzen entgegenstellt, wird diffamiert, angefeindet und bekriegt. Hinter der vermeintlichen, inszenierten Komplexität der Welt ist es ganz schlicht, so schlicht wie eh und je.

Das, was hier im Westen gerade vonstatten geht, ist wohl der größte Putsch der Weltgeschichte. Die völlige Enteignung und Entrechtung der Mehrheit der Bevölkerung, vollzogen von einer korrupten Elite in Politik, Wirtschaft und Medien, die sich offensichtlich Vernunft und Verantwortung nicht verpflichtet fühlt.“

Es ist die Wendung „wenn man die Teile zusammenfügt“, die mich elektrisiert. (Lenin hatte gesagt (sinngemäß – das exakte Zitat suche ich noch heraus ): „Aufklärung heißt, das Fazit aus ALLEM ziehen.“) In letzter Zeit habe ich immer wieder Signale bemerkt, dass Menschen sich bemühen „die Teile zusammenzufügen“, dass sie „den Problemen auf den Grund, an die Wurzel“ gehen wollen. Das ist das Umfeld des Begriffes „Radikalität“, hier im Blog mehrfach erwähnt. Und auch mein Posting zum philosophischen Materialismus sehe ich in dem Zusammenhang, zu den geistigen „Grundbausteinen“ zurückzufinden.

Es tut gut zu sehen, wie Ewen-Ungar das Puzzle zusammensetzt und dadurch solch große einfache Wahrheiten wieder sichtbar macht: „Es geht ganz schlicht um den Erhalt von Macht. Es geht um die völlige Durchökonomisierung der Welt.“

Wenn ich versuche, „die Durchökonomisierung der Welt“ mit unbedingter Konsequenz (weiter) zu denken, komme ich auf diese Begriffkette:

  • Superreichtum (GGG – das Ganz Große Geld). Durch Krysmanski habe ich eine Ahnung davon bekommen, was das ist. (Für den schnellen Einstieg empfehle ich das zweiteilige Interview, das Ken Jebsen mit ihm führte.)
  • Macht. Geld ist nicht mehr das Ziel des Superreichtums, sondern Macht. Und GGG führt zu:
  • Allmacht = Gottgleichheit. Gott.
  • Gott aber ist der Herr über Leben und Tod.

Diese, hier fett gedruckten Begriffe, sollten heute nicht mehr als mehr oder weniger literarische oder spekulative Umschreibungen gelten, sondern müssen nach meiner Überzeugung in den Rang exakter historisch-materialistischer bzw. soziologischer Kategorien erhoben werden, Kategorien, die unmittelbare politische und geostrategische Konsequenzen haben.

Superreichtum, das GGG, als Ergebnis des kapitalistischen Profitstrebens dürfte seit Marx ausreichend als polit-ökonomischer und in Nachfolge dessen auch soziologischer Begriff begründet sein.

Inwiefern Machtstreben (wann wird es imperialistisches Machtstreben?) dem Profitstreben entspringt, es ergänzt, mit ihm in Wechselwirkung steht und es überformt und ab einer bestimmten Entwicklungsstufe (GGG) gegenüber dem Profitstreben primär wird – viele Aspekte dieser Prozesse sind wissenschaftlich untersucht und beschrieben worden. Ob mit aller Stringenz, kann ich nicht beurteilen. Mir scheint der hier eröffnete Blickwinkel dafür zu sprechen, das der Übergang zum Faschismus keine historische Zufälligkeit ist, sondern eine gesetzmäßige Entwicklungsstufe des Imperialismus.

Unsere Gegenwart liefert täglich die Beweise, dass die atlantische Machtelite für ALLE Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ihren weltweiten Machtanspruch erhebt und über weite Strecken mit Erfolg durchsetzt (Leitwährung Dollar, Geostrategie, NATO, Ausprägung einer internationalen Privat-Rechtssprechung, Hollywood, WWW (Google, Facebook, Wikipedia usw), NSA (stellvertretend für den gesamten Geheimkomplex), TTIP). Das ist Allmachtsanspruch und seine schrittweise Realisierung.

Das Machtbewußtsein zumindest bestimmter Vertreter dieser Superelite kippt ins Allmachtbewußtsein. Davon zeugen nicht nur Aussagen, man würde „in Gottes Auftrag“ handeln (Ich neigte spontan dazu, solche Äußerungen als Skurrilität abzutun oder als psychische Abnormität. Inzwischen glaube ich eher, dass man sie bitterernst nehmen sollte.) oder die bezeugten milliardenschweren Forschungsprogramme, Unsterblichkeit (zunächst für superwertvolle Individuen) praktisch zu entwickeln.

Mehr als an allem Anderen kommt der Übergang zum Allmachtsbewußtsein darin zum Ausdruck, dass sich die Machtinhaber als Herren über Leben und Tod von Menschenmassen, tendenziell der gesamten Menschheit, begreifen und praktisch dementsprechend handeln.

Massentötungen mit unterschiedlichen wahnhaften, meist religiösen Begründungen hat es  in der Geschichte immer wieder gegeben. Industrieller Massenmord nach den Kriterien kapitalistischer Rationalität, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen, wurde erstmals vom deutschen Faschismus verübt. Den ersten Massenmord des beginnenden wissenschaftlich-technischen Zeitalters des Imperialismus (gleichsam den Testfall) stellen die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki dar. In der Gegenwart ist die Vernichtung von Milliarden Menschen kalkuliert und militärisch-technisch abgesichert – Kernwaffenrüstung. Die erforderlichen technischen Mittel  werden laufend entsprechend der aktuellen Erfordernisse der „Verteidigung von Freiheit und Demokratie“ aufwändig modernisiert. All das ist Jedem/Jeder bekannt und „Alltagskultur“.

Erwägungen der Elite, die von der Dezimierung der Weltbevölkerung handeln, sind belegt (z. B. hier). Diesbezügliche Quellen gelten als wenig solide. Ich halte es für wahrscheinlich, dass es Gehirne gibt, die in der „Eliminierung“ von 80% der Menschheit den Königsweg sehen, um die kommende Ressourcenkrise zu beseitigen. Bereits heute beweist die Praxis von dollarislamistischen Terrorverbänden (derzeit ISIL), die Fähigkeit und praktische Effizienz des Imperialismus bei der Tötung von Menschenmassen.

Die Tötung von Menschenmassen (ohne Bestandteil direkter Kriegshandlungen zu sein) ist heute Alltagserscheinung, nicht weit entfernt von Normalität. Es ist historisch zufällig, dass die Opferzahlen derzeit selten die Millionengrenze überschreiten. Wenige Knopfdrücke weniger Finger genügen, um Opferzahlen von hunderten Millionen zu generieren. Anders gesagt und nur wenig pathetisch: Unsere Zivilisation gerät in die Todeszone; auch wenn es Gegenkräfte gibt.

Diejenigen, die das Wesen der Gesellschaft heute, „das Bild hinter den Nachrichten“ zu beschreiben versuchen, gebrauchen dazu verschiedene Begriffe. „Postdemokratisch“ wird bevorzugt (von Ewen-Ungar aber auch hier). Ich meine, dass der terroristische Extremismus der atlantischen imperialistischen Politik und ihre eindeutige Verwurzelung im Interesse exklusiver Kapitalkonzentrationen es berechtigen, von Faschismus zu sprechen, genauer von einem modernen Faschismus des 21. Jahrhunderts. Dieser Faschismus weist neben prinzipiellen Übereinstimmungen mit dem Faschismus des 20. Jahrhunderts, namentlich dem deutschen, markante Unterschiede zu diesem auf. Raum für viel Forschungsarbeit. Der Siegeszug des Faschismus des 21. Jahrhunderts ist in Teilen der Welt (die BRD gehört dazu) weit fortgeschritten. Die Frage seines weltweiten Sieges ist offen.

All das sind Nachtgedanken, die sich gesundes Denken eigentlich verbietet. Jedenfalls drücken sie mehr nieder als die eingangs erwähnten „wirren Träume“. Ich spüre aber, dass  es eine befreiende Wirkung hat, sie zu zu lassen. Wer beim letzten Schrecken angekommen ist, kann nichts mehr verlieren. „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?

Im Titel dieses Postings spiele ich auf die banale halbjährliche Uhrzeitumstellung an. Wenn aber die Rede davon ist, dass unsere Zivilisation in die Todeszone gerät, so ist nicht weniger als eine Zeitenwende gemeint, vielleicht DIE WENDE ALLER ZEITEN.

In Zeitenwenden geschieht es, dass Menschen sich dem Tod frei entgegenstellen. In all ihrer Sterblichkeit, die ihnen völlig bewusst ist, müssen sie den Tod herausfordern, und sie fassen in sich den freien Willen es zu tun, und so triumphieren sie über den Tod.

Es gibt viele solcher Menschen. Die meisten sind namenlos. Von dreien spreche ich jetzt mit Namen, weil ihr humanitärer Heroismus in ihrem Sprechen und Tun ganz besonders klar zum Ausdruck kommt.

Ich spreche von

Jesus von Nazaret, Janusz Korczak (Henryk Goldszmit) und Ralph Boes.

Jesus von Nazaret, alle Fragen zu seiner Existenz/Biografie beiseite gelassen, verkörpert den menschlichen/humanistischen Ausweg aus der Krise der Sklaverei. Er begriff und postulierte, dass der Untergang des Sklaven nicht der Untergang des Menschen ist. Im Gegenteil: „Mensch, schau Dich im Mitmenschen an!“ Er behelligte mit dieser Erkenntnis die akademischen Zirkel seiner Zeit nur selten, gleichsam nur versuchsweise. Statt dessen konzentrierte er sich ganz darauf, dem Mann auf der Strasse (der Frau ebenso) das Verständnis für die Umkehr zu vermitteln. Die Strasse lehren, heißt praktisch werden. Darauf stand die Todesstrafe. Jesus wusste es. Er stellte sich dem Tod entgegen. Dass er glaubte, Gott in der Hinterhand zu haben, schmälert seine persönliche Entscheidung nicht.

Janusz Korczak hat sich dem sicheren Tod entgegengestellt. Ich denke, dass er aus seiner Leidenschaft der Liebe zu den Menschen, besonders den Kindern, handelte. Ich kenne ihn zu wenig, um beurteilen zu können, ob er sich als Denker und Handelnder einer gegenwärtigen Zeitenwende begriff. Mir genügt die Gewissheit, dass er sich dem absoluten Nihilismus der kapitalistischen Gesellschaft in ihrer damaligen Erscheinung des deutschen Faschismus verweigerte. Nach allem, was ich weiss, behauptete er bis zur letzten Minute seines Lebens Menschlichkeit. Im Herzen der Finsternis gefangen, bewies er, dass der Mensch, solange Leben in ihm ist, dem Zwang zur Totenleere und Totenstarre widerstehen kann.

Ralph Boes lebt unter uns. Er hungert seit so langer Zeit, dass sein Tod droht. Könnte er nicht essen? Er bekommt doch Anrechtsscheine, die er gegen Kartoffeln, Brot oder Milch eintauschen könnte. Ralph kann es nicht.

Jesus von Nazaret wurde ans Kreuz genagelt; trotzdem konnte er nicht zustimmen, dass der Mensch ein Sklave sein müsse. Der Mensch muss es tatsächlich nicht. Jesus wusste es aus der kommenden Zeit. Ralph Boes werden sie gern Hungers krepieren lassen; trotzdem kann er nicht zustimmen, dass der Mensch arbeitendes Konsummonster sei. Denn der Mensch ist das wirklich nicht. Ralph Boes weiss es aus der kommenden Zeit.

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5 Antworten zu Zeitumstellung. 3 Personen.

  1. Steffen schreibt:

    LW33, S. 58 Abs. 1 „Die NÖP und die Aufgaben der Ausschüsse für pol.-kult. Aufklärung“ 🙂

    • kranich05 schreibt:

      Sehr schön. Danke. Bin begeistert. 🙂

      • Steffen schreibt:

        Muß mich auch bedanken für den wertvollen Hinweis auf Krysmanski. Besonders der Zyklus über das GGG hat mir viele Antworten auf drängende Fragen gegeben. Auch der Post über den Menschen als biologisch-psychosoziale Einheit und zum sozialistischen Menschenbild war SEHR interessant. Leider finde ich da nur sehr wenig Literatur im Netz. Zu ähnlichen Erkenntnissen kam ich unabhängig davon auch schon. Nur nicht so differenziert ausformuliert wie bei dir, lieber „Opa“. 🙂

  2. Steffen schreibt:

    „Sehr gut, daß ihr das Volk im Lesen, im Schreiben, in der Durchführung einer ökonomischen Kampagne unterweist, das ist alles gut und schön, aber das ist nicht politische Aufklärung, denn politische Aufklärung bedeutet, das Fazit aus allem zu ziehen.“

  3. Pingback: Denkfutter am Morgen | opablog

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