Kriegslogik II (mit Ergänzung am 18.10.)

Den direkten Eingriff Russlands mit seiner Luftwaffe in den Krieg in Syrien, habe ich sofort als Ereignis von strategischer Bedeutung  gespürt, gezählt und gewichtet aber keineswegs begriffen in des Wortes voller Bedeutung. Das Ereignis veranlasste mich zu einer Sofortreaktion im Blog, keineswegs zu einer tiefgründig-analytischen, eher zu einer hilflosen. Und damit verbunden gleichzeitig zu dem Appell an ALLE  und speziell an die sogenannte Friedensbewegung, den objektiven Zusammenhängen und Entwicklungen größte Aufmerksamkeit zu schenken, ihnen auf den Grund zu gehen, um gegen das rasant wachsende Unheil aktiv zu werden. Zudem wies ich in diesem Posting eine vermutlich „aus der Hüfte geschossene“, völlig unangemessene Kritik von Albrecht Müller, Macher der NachDenkSeiten, an der russischen Entscheidung zurück.

Mein kleines Posting hatte keine besonders große aber dennoch überraschende Resonanz:

  • eine Vielzahl inadäquater, bruchstückhafter Wortmeldungen einer Kommentatorin „am Thema vorbei“. Das mag ein Zufall gewesen sein.
  • Zurückweisen meiner kritischen Bemerkung zu Müller als eines unerlaubten Angriffs auf eine Art unbezweifelbare Autorität. Es scheint, dass die gut sozialdemokratischen NachDenkSeiten von nicht wenigen als Gipfel gesellschaftlicher Aufklärung betrachtet werden.
  • null Reaktion aus der sogenannten Friedensbewegung.

Heute, nur zwei Wochen später, kann ich, kann jeder andere Laie, auf einige nachdenkliche und, wie mir scheint, recht tiefgründige Betrachtungen zurückgreifen. Beispiele sind der Saker (eher nicht die Kommentare dort) am 11.10., Wladimir Kosin am 13.10., Analitik am 13.10. und das ausführliche Interview Putins vom 12.10., eventuell auch Voltairenet. Selbst das von den meisten Systemmedien unterschlagene Interview Obamas (DWN vom 13.10.) ist in diesem Kontext aufschlussreich. Der Offene Brief des amerikanischen Friedensrates an die Friedensbewegung ist von hervorragender Bedeutung. Großen Erkenntnisgewinn, glaube ich, haben mir ein längeres Interview des russischen Wissenschaftlers Andrej Fursow gebracht, das bereits 2012 erschienen ist, sowie seine Ausführungen zur sozialen Natur der gegenwärtigen Weltkrise, die er ebenfalls 2012 bei einer Tagung des Schiller-Instituts machte. (Zum Schiller-Institut Wikipedia außergewöhnlich knapp und unpräzise, des weiteren La Rouche usw.)

Ich höre wohlfeile Entgegnungen gegen „schräge Thesen“ des letztgenannten Wissenschaftlers. Welches Gewicht aber können die „bewährten linken Argumente“ beanspruchen, wenn sie allesamt auf Tolerierung und unendliche Fortschreibung des unerträglichen gesellschaftlichen Istzustands hinauslaufen? Die sogenannte (bzw. ehemalige) deutsche Friedensbewegung „gedeiht“ seit Langem in politischer Bedeutungslosigkeit, wird aktiv in dieser gehalten und widersetzt sich gnadenlos jeder ernsthaften Selbstkritik. Die Kriegslogik, deren unaufhaltsames Fortschreiten ich ohnmächtig hinnehmen muss, entfaltet ihre Gewalt nicht nur aus der Übermacht der Kriegskräfte, sondern ebenso aus der Apathie bis hin zur Komplizenschaft derer, die so oder so Kriegsopfer sind.

Zu Begreifen, was die Menschen so fesselt – in Apathie die Masssen, in Fäulnis die Systemkritiker – verlangt vermutlich neben Bewahrenswertem auch völlig neue Denkansätze. Fursow liefert einige davon, und das Mindeste wäre doch eine kämpferische Diskussion aller, die sich als links verstehen . Nichts, was diesen Namen verdiente!

Die Zeit ist nicht bleiern. Die Zeit ist voller Masken und Salti und Totentänze. In Blei gebettet scheint aber, was mal linkes oder freies Denken war.

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Ergänzend, konkretisierend: Was meine ich mit Kriegslogik?

  1. Wieder einmal ist ein Kampf um die Weltherrschaft entbrannt. Um die bekannte Welt ist in der Geschichte schon oft gekämpft worden. In unserer Zeit ist erstmals die gesamte Welt unmittelbar in diesen Kampf einbezogen.
  2. Zur Weltherrschaft sehen sich die USA berufen bzw. im engeren Sinne eine anglo-amerikanisch- und wohl auch zionistische Elite von Superreichen. Sie alle glauben von Gott beauftragt zu sein bzw. erklären dies. Sie verkünden ihren Anspruch laut und unablässig und stützen ihn auf ihre jedes Maß überschreitende materielle und ideelle Macht.
  3. Im Kampf um die NeueWeltOrdnung (NWO) erfahren die genannten Kräfte Widerstand. Sie regieren darauf nicht völlig einheitlich, sind aber alle absolut entschlossen, jeden Widerstand mit allen Mitteln zu brechen. Damit ist die Kriegslogik in Gang gesetzt. Die mächtige Kriegsfraktion, nach ihrer „modernen“ Strategie auch „Chaosfraktion“ genannt, ist zum Einsatz aller verfügbaren und denkbaren (und undenkbaren) Waffen  bereit.
  4. Der Widerstand gegen die genannten kriegstreibenden Kräfte wird von Kräften desselben Klassencharakters geleistet – von Kapitalisten; an erster Stelle von den ebenfalls kapitalistischen Großmächten Russland und China. Beide befinden sich in einem Entwicklungsstadium/historischen Zeitabschnitt, in dem sie keine eigenen kriegerisch-expansiven Interessen verfolgen, sondern im Gegenteil an gegenseitig vorteilhafter Kooperation mit dem Westen interessiert sind. Sie sind aber mächtig genug und entschlossen zu ihrer Selbstbehauptung, auch mittels Krieg.
  5. Die unter 1. bis 4. formulierten Feststellungen und Behauptungen (sowie weitere Faktoren, etwa die fortschreitende Ressourcenkrise der Menschheit) zwingen dazu, von der realen Gefahr eines „großen Krieges“ zu sprechen. Das ist weder Alarmismus, noch handelt es sich um das Beschwören eines Mythos. Es ist nüchterner und illusionsfeindlicher Realismus.
  6. Es findet ein Kampf darum statt, die unter 3. benannte Kriegslogik aus der Welt zu eliminieren. Dieser Kampf wird mit allen Mitteln (ökonomischen, politischen, diplomatischen, propagandistischen) geführt, einschließlich begrenzter militärischer. Der direkte militärische Intervention Russlands im Syrienkrieg (die mit überschaubaren Kräften erfolgt) signalisiert, dass der imperialistischen Kriegslogik zunehmend militärisch entgegen getreten werden muß. Die Kriegslogik „frißt“ sich voran.
  7. Es ist nicht die Stunde formelhafter Bewertungen. Die Analyse muß den über lange Zeiträume und mit zahlreichen Variablen entwickelten und weiter ausgestalteten Angriff gegen die eurasischen Hauptmächte gebührend erfassen. Dollarislamistische Kampfformationen spielen schon heute dabei eine außerordentliche Rolle. Von solchen „kriegslogischen“ Hintergründen ist Ruslands (und Chinas) vorgehen in Syrien (und andernorts) nicht zu trennen und seine Rationalität einzuschätzen. Wie gesagt, kein Terrain für kurzatmige Statements von wem auch immer.
  8. Notwendig ist jedoch auch der wache Blick auf die Grenzen der russisch-chinesischen großkapitalistischen Interessenlage. Viele Jahre Jelzinpolitik, fragwürdige Entscheidungen des Präsidenten Medwedjew, Kapriolen von Oligarchenherrschaft sollten Warnung vor friedenspolitischem Wunschdenken sein.
  9. Dem manchmal Wüten, manchmal Säuseln der Kriegsfördernden in unserer Zeit (Letzteres ist ein beliebtes Einsatzfeld der Dame Merkel), steht keine radikal emanzipatorische Friedensbewegung gegenüber (wie ja überhaupt radikale Emanzipation ein „no go“ des Zeitgeistes zu sein scheint). Der Friedenswunsch ist keine politische Macht. Manche äußern den bösen Verdacht, dass sich viele Menschenkinder (darunter nicht wenige junge Väter und Mütter) die Mühen und Risiken eines radikalen Friedensengagements lieber ersparen, auch um den Preis der Selbstabschaffung.
  10. Erstaunliche Zeiten.
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3 Antworten zu Kriegslogik II (mit Ergänzung am 18.10.)

  1. FdH schreibt:

    „Linke“ Friedensfreunde und Kapitalismusversteher unter sich. Hingehen und Mitdiskutieren!

    Gewalt, Militanz und emanzipatorische Praxis – Machen die Richtigen alles falsch?
    Am 19. Oktober, Conne Island, Leipzig 19 Uhr
    Jutta Ditfurth, Thomas Ebermann und Peter Nowak diskutieren auf dem Podium

    „Welche Formen der effizienten linksradikalen Intervention kann es angesichts einer Radikalisierung des Kapitalismus und der Aufrüstung des Sicherheitsstaates geben? Können Militanz oder Gewalt zur revolutionären Transformation bzw. Negation des Bestehenden beitragen? Welche Unterschiede finden sich global in anderen Kontexten? Wie wirken militante oder gewaltsame Aktionen? Inwieweit kann Militanz sich von Gewalt emanzipieren und zu einer befreiten Gesellschaft hinwirken? Wie kann kollektiv darüber gesprochen werden, ohne sich in Entsolidarisierung einerseits und avantgardistischen Positionen andererseits zu verfangen?“

    Veranstalter: Linxxnet e.v.

    • kranich05 schreibt:

      Hallo FdH,
      Sie können meinem Blog mühelos entnehmen, dass ich Ditfurth für eine der schlimmsten SpalterInnen der Friedensbewegung halte. Ihr mit Hilfe der Systemmedien geführter Kampf gegen die Montagsmahnwachen ist bestens dokumentiert.
      Ich gehöre zu den Leuten, die, nachdem sie den Standort einer Protagonistin klar erkannt haben, dieser Erkenntnis bis auf Weiteres ziemlich strikt folgen. Heißt im Klartext: Ich würde mir nie eine Diskussion mit der Linxxxschwätzerin Ditfurth antun. Und dann auch noch zum Linxxxxschwätzerthema „Militanz und rrrrevolutionäre Gewalt und pipapo“ Das ist wirklich abstoßend im Quadrat.
      Trotzdem bin ich tolerant genug, ihren kleinen Werbekommentar hier stehen zu lassen.

      • Christa May schreibt:

        danke Kranich05 !!

        J. Ditfurth ….oh Gott – sie „spaltet“ nicht nur in der Friedensbewegung!!
        Wir (in der BbG um Ralph Boes – ralph-boes.de – ) haben da auch so unsere Erfahrungen gemacht. Selbst auf Angebote unsererseits zu einer konstruktiven Auseinandersetzung null Reaktion ihrerseits – deshalb J. Ditfurth : NEIN DANKE!!

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