Haben wir Materialismus nötig?

Wenn Opa, studierter Philosoph (marxistisch-leninistische Philosophie), diese Frage stellt, sollte klar sein, dass es ihm um den philosophischen Begriff „Materialismus“ geht. Um den sozusagen plump-volkstümlichen Begriff der „materiellen Gier“ geht es ihm hier nicht; das Fressen, das Saufen, das Huren.

Die Marxisten-Leninisten bemühten sich ihren Materialismus in Einheit mit der Dialektik zu entwickeln, der anderen heute verfemten Wissenschaft. Während aber die bürgerlichen GeistesarbeiterInnen bereit sind, der Dialektik eine Art herausfordernde Akrobatik zuzubilligen – darüber zu kommunizieren demonstriert intellektuelles Profil – ist der Materialismus im „Diskurs“ ja sowas von erledigt. Wer ihn vertritt, logiert für jedermann sichtbar im geistigen Armenhaus. Spätestens seit dort alle diejenigen eingewiesen werden, die die offiziellen  9/11-Erklärungen für Nonsens halten („Verschwörungstheoretiker“), fühlt sich Opa dort in guter Gesellschaft.

Materialismus weckt jedem „Gebildeten“ Verdacht, weil er so schrecklich einfach ist. Danach gibt es doch wirklich eine objektive Realität außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstein (welch ein Kinderglaube!). Und  – noch roher: Unser Bewusstsein widerpiegelt mehr oder weniger adäquat diese Realität (und schafft sie auch, wie der listige Dialektiker Lenin hinzusetzte).

Zwar verhält sich jeder Mensch, noch bevor er einen Schritt aus seinem Haus tut, nach diesen Prämissen. Aber genau das geht eben gar nicht – eine Philosophie, die der höchst bewährten spontanen Denke des Bauern, des Arbeiters, des Ingenieurs, des Mutterwitzes überhaupt, recht gibt und sie auch noch auf eine wissenschaftliche Stufe hebt. Zum Beispiel, indem dieser objektiven Realität Unendlichkeit und Widersprüchlichkeit nachgesagt wird. (Aber darüber darf doch nur der Pabst befinden oder?)

Also ist Geringschätzung, Verschweigen, Maskierung, Verachtung der Realität angesagt. Bloß nicht genau hingucken! (Machen doch bloß arm Irre! Ein Mensch von heute prüft doch nicht seine Rechnung.) Statt Arbeit an objektiver Erkenntnis, „Ring frei!“ für tausenderlei SchwurbelMaster zum Talk in den Wolken.

Das die Tuis so verfahren (hier sind keine Traumurlauber gemeint), darf nicht überraschen. Die radikalen Kritiker des Systems hingegen sollten durch die Gründlichkeit und Genauigkeit ihrer Analysen der Realität hervorragen; sowohl der objektiven Realität selbst, als auch ihres gesamten komplexen Widerspiegelungsprozesses im gesellschaftlichen Bewußtsein.

Aber die Kritiker des Systems….

Der Tag hat sich geneigt.

Eigentlich Zeit für eine Denkpause.

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7 Antworten zu Haben wir Materialismus nötig?

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Herzlichen Dank für den „Traumurlaub“ mit den Tui!

    Zitat: Für Marx gilt, „daß die Gegensätze in der materiellen Produktion eine Superstruktur ideologischer Stände nötig machen …“ („Theorien über den Mehrwert“, MEW 26.1, S. 259).
    … zeigen Marx und Engels, daß sich in der herrschenden Klasse eine spezifische Arbeitsteilung herstellt „als Teilung der geistigen und materiellen Arbeit, so daß innerhalb dieser Klasse der eine Teil als die Denker dieser Klasse auftritt (die aktiven konzeptiven Ideologen derselben, welche die Ausbildung der Illusion dieser Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweig
    machen), während die andern sich zu diesen Gedanken und Illusionen mehr passiv und rezeptiv verhalten, weil sie in Wirklichkeit die aktiven Mitglieder dieser Klasse sind und weniger
    Zeit dazu haben, sich Illusionen und Gedanken über sich zu machen.“ (MEW 3, S. 46 f.)
    Es kann sogar zur feindseligen Entgegensetzung dieser beiden Klassenteile kommen. Beim Angriff auf ihre gemeinsame materielle Grundlage finden sie sich allerdings in der Regel wieder zusammen.“

    Der letzte Satz erscheint mir zu optimistisch. Denn die „ideologische Superstruktur“ hat die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und sozialistischen Experimente nicht nur verkraftet, sondern gewinnbringend aufgesogen, sich den unweigerlichen Notwendigkeiten angepasst und die eigenen Strategien verfeinert. Die Abstraktion vom Individuellen führt mich zu der Annahme, dass die Arbeitsteilung selbst der wesentliche Ursprung der Klassengegensätze ist. Ein logischer Ausweg wäre radikale Selbstversorgung und Verzicht auf jede strukturierte Arbeitsteilung. Die Besitzstände der jetzt Habenden wären in solcher Umgebung weitgehend wertlos und (über-)leben überwiegend durch „Von der Hand in den Mund“- Strategien geprägt. In ressourcenreicher Umgebung mit wenigen Nutzern könnte dies zu einem ehrlichen, selbstbestimmten Leben führen, regional und ökologisch absolut verträglich. In ressourcenarmer Umgebung mit vielen Nutzern braucht es jedoch effiziente Strukturen zur Ressourcenteilung und -schonung. Das Begrenzen auf das „Eigene“ und „Selbstgeschaffene“ führt bei affektiver Interpretation zu ego-libertärem Denken und Handeln, dass die „freiheitliche Vermehrung und Vermarktung des Eigentums“ ideologisch absichert. Gegebenenfalls mit der Flinte unterm Arm und Argusaugen auf vermeintliche Eindringlinge und Diebe. Solches Denken unterscheidet sich vom aristokratischen Gesellschaftsverständnis nur insofern, dass es den „Neuzugang“ zu höheren Schichten bzw. allgemein den Klassenwechsel nicht von vornherein ausschließt, sondern von einem dogmatisch definierten Leistungsanspruch abhängig macht. Ob dieser nun durch Mega-Arbeiten, Mega-Ideen oder Mega-Glück beim Lotto oder bei einem Abstieg auch durch Gegenteiliges erfüllt wird, sei dahingestellt. „Jeder ist des eigenen Glückes Schmied“ wäre so ein Leitspruch dieser Ideologie. Ein Spruch der auch viel unverschuldetes Leid ignoriert und nicht selten selbst aktiv erzeugt. Die Betonung des sozialen Ausgleichs wiederum führt zu Teilungs- und Verteilungsstrukturen, die die eingangs erkannten Risiken der Arbeitsteilung in sich tragen. Es ist aber auch nicht ungewöhnlich, dass Systeme zwischen gegensätzlichen Zuständen hin- und herpendeln und unter bestimmten Voraussetzungen auch irreversible Extremzustände annehmen können. Die Naturwissenschaft bietet bereits effiziente Modelle und Methoden, um auch komplexe Systeme strukturell, funktionell und prospektiv zu beschreiben. Natürlich bleiben auch das immer idealisierte Modelle und Simulationen, die die Realität abbilden und sie nicht bis ins Detail selbst bilden. Aber das, was gemeinhin in Politik, Wirtschaft und Geisteswissenschaften auf gesellschaftliche Systeme bezogen gedacht und noch allgemeinverständlich ausgetauscht wird, scheint mir rudimentär / eindimensional und übergeht vor allem die praktischen Fähigkeiten der Naturwissenschaften. Ich finde das bemerkenswert und frage mich, welche Ursachen das haben könnte. Der grundphilosophische Streit zwischen Materialismus und Idealismus eignet sich nach meiner Auffassung nicht als tatsächliche Ursache dafür. Denn seriöse Naturwissenschaft behauptet nicht, selbst die vollständige Realität zu sein, sondern eben „nur“, diese in einem klar definierten Rahmen mit nachprüfbaren Methoden so gut wir möglich zu beschreiben. Ein Phänomen, dass (noch) nicht naturwissenschaftlich beschrieben werden kann, sollte Anregung für die Überprüfung der bisherigen Modelle und Methoden sein und ist somit als noch unerforscht existent. Naturwissenschaft stellt dem Prinzip nach die ehrliche Offenbarung des derzeitigen Standes von strukturellem Wissen dar. Wer solche Transparenz fürchtet, aus welchen Gründen auch immer, wird den Ausweg in Dogmatik und ideologischen bzw. religiösen Normen suchen.

    • kranich05 schreibt:

      Hallo Lutz Lippke,
      Sie streifen recht viele Probleme auf einmal. Nur ganz wenige Randbemerkungen:
      Unter den Gegensätzen in der materiellen Produktion sind nach Marx die durch das Privateigentum gesetzten die Allesbestimmenden.
      Arbeitsteilung innerhalb der herrschenden Klasse passiert auf ein- und derselben Eigentumsseite.
      Über Arbeitsteilung allgemein ist nur sehr bedingt ohne Eigentumsbegriff zu reden.
      „Radikale Selbstversorgung“ und Verzicht auf jede Arbeitsteilung halte ich für so praxisfern und irrelevant, dass für mich daraus nur unergiebige Gedankenspiele folgen.
      Gesellschaftswissenschaft muss, anders als Naturwissenschaft damit fertig werden, dass ALLE – sowohl ihr Gegenstand, als auch sie selbst – Bedürfnisse befriedigen und Interessen durchsetzen wollen, sowie dass ebenfalls ALLE Willensfreiheit haben.
      Das setzt gravierende Unterschiede zwischen beiden Wisenschaftsreichen.
      Die Spezifik von Gewi und Nawi unterscheiden zu wollen, hat mit der phil. Unterscheidung von Materialismus/Idealismus tatsächlich wenig zu tun, insofern sowohl in den Gesellschaftswisenschaften, als auch in den Naturwissenschaften jeweils materialistische und idealistische Positionen vorhanden sind.

      • Lutz Lippke schreibt:

        „Gesellschaftswissenschaft muss, anders als Naturwissenschaft damit fertig werden, dass ALLE – sowohl ihr Gegenstand, als auch sie selbst – Bedürfnisse befriedigen und Interessen durchsetzen wollen, sowie dass ebenfalls ALLE Willensfreiheit haben.“

        Genau da setzen meine Zweifel an. Ich halte die unhinterfragte Gegensätzlichkeit der „Wissensreiche“ mit der Folge des pauschalen Verwerfens von nützlichen Methoden im jeweils anderen „Reich“ für grundsätzlich falsch. Die Nähe von Mathematik und Philosophie ist historisch erwiesen. Deswegen hatte ich die Frage aufgeworfen, ob diese trennende Argumentation spätestens seit der Epoche der Aufklärung nicht die grundlegende Methode der jeweils Herrschenden zum eigenen Machterhalt ist.

        Naturwissenschaft ist nicht frei von Bedürfnissen, Interessen und Motiven. In theoretischen Bereichen werden diese i.d.R. in Form von Axiomen (nicht zu beweisende Annahmen, Fakten und Grundregeln) festgelegt. Alle weiteren Erkenntnisse müssen sich bei strenger Theorie aus diesen Axiomen ableiten lassen. So entsteht ein in sich schlüssiges theoretisches Modell.

        Das ist Transparenz pur! Setzt man die Axiome als Gegeben voraus, kann jede mögliche Erkenntnis und ihre logische Korrektheit erkannt und überprüft werden. Die transparenten Voraussetzungen sind also interessen- und willensabhängig, die logischen Ableitungen dagegen willensunabhängig bzw. nur mittelbar interessengeleitet.

        Gesellschaftswissenschaften sind nicht grundsätzlich frei von diesen Fakten und logischen Zwängen. Diese werden als Dogmen postuliert und die Ableitungen daraus üblicherweise als sequenzielle Denklogik vermittelt. Wäre ich ein guter Theoretiker könnte ich diese Prinzipien hier in einem kurzen Grundschema schnell definieren. Der Unterschied liegt also eher in der angewandten Methodik und Transparenz als im grundlegenden Prinzip. Das gilt auch für die praxisorientierten Zweige, die oft sogar eine „Zwitterstellung“ einnehmen. So basiert Stochastik, wie Statistik und Meinungsforschung auf dem Axiom/Dogma des „Zufalls“ und seinen Verteilungsregeln. So wie Ingenieurswissenschaften, Informatik und Psychologie mit der Willensfreiheit arbeiten, so ist dieses Axiom/Dogma auch in Politik und Recht grundlegend. Oft handelt es sich um die Defintion und den Umgang mit Strukturen und Systemen fern jeder Individualität. Die neuzeitliche Trennung dieser „Wissenschaftsreiche“ betrifft also insbesondere die angewandten Methoden und nicht das Prinzip oder die Anwendung. Das erklärt sich für mich daher nicht aus einer grundlegenden Gegensätzlichkeit der Voraussetzungen und Anwendungsmöglichkeiten.

        Die Zeit der Aufklärung hat sowohl zu Axiomen/Dogmen als auch den Methoden strukturierte, transparente Erkenntniswege initiiert, die die gesellschaftliche Entwicklung und Machtverhältnisse erheblich verändert und geprägt haben. Excellente Naturwissenschaftler der Aufklärung hatten oft auch revolutionäre Thesen zur Gesellschaftspolitik und Philosophie. Die Entwicklungsmöglichkeiten und Erfolge waren enorm. Waren Herrschende zuvor per Definition und wegen ihrer erhabenen Geburt im Besitz der Wissensmacht, konnten nun die niederen Stände diese Wissensmacht in Frage stellen, erfolgreich agieren und drohten die Vormacht der Herrschenden sogar zu stürzen. Das war eine friedliche Revolution der Transparenz, die von den Mächtigen zunächst erbittert bekämpft und nach Scheitern dieses Vorgehens zunehmend vereinnahmt wurde. Ohne historische Belege hier offenbaren zu können, wurde mit dieser Vereinnahmung nach meiner Ansicht die künstliche Trennung von „Herrschaftswissenschaften“ und „Gebrauchswissenschaften“ eingeführt. Die „Gebrauchswissenschaften“ durften sich wegen ihrer Nützlichkeit in einem künstlich begrenzten Rahmen fortentwickeln, die „Herrschaftswissenschaften“ wurden bewusst von überprüfbarer Logik und Transparenz abgekoppelt. Die zunehmende Arbeitsteilung und Komplexität der Erkenntnisse waren den Herrschenden für dieses Manöver sicherlich hilfreich. Wer als Naturwissenschaftler in komplizierten Detailfragen forschen und Transparenz schaffen wollte und dafür die notwendigen Mittel benötigte, bekam diese nur von den herrschenden Gönnern und hatte weder Zeit noch Motivation diese Herrschaft in Frage zu stellen.

        Gesellschaftswissenschaften wurden und werden seit Langem überwiegend in Form von Denkschulen und Kaderschmieden geführt. Da ich mich zu wenig auskenne, will ich das nicht zu kategorisch beurteilen. Es handelt sich daher für mich nur um einen Eindruck, eine für mich offene Frage. Die als üblich oder sogar verbindlich geltenden Ableitungsmethoden in den Gesellschaftswissenschaften verblüffen mich mit ihrer strukturellen Eindimensionalität und gleichzeitig komplexen Erscheinungsform. Es stellt sich für mich meist um eine unstrukturierte Vermischung von unklarer Defintion von Dogmen, einfachster Wenn-Dann-Logik ohne methodische Schlüssigkeitsprüfung, verwirkt mittels aufwändigen rhetorischen Sprachkünsten. Marx ist für mich schwer zu lesen, aber ich vermute in seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen gerade den Versuch, diese künstliche Trennung und Verschleierung aufzuheben. Während Naturwissenschaft die Einfachheit sucht, um Komplexes transparent zu beschreiben, verstrickt Gesellschaftswissenschaft oft einfachste Dinge in scheinbar komplexe Zusammenhänge, um letztlich vorgefasste Meinungen und Interessen als alleinige Grundlage der Erkenntnis und Ergebnisse ausgeben zu können.

        Ich wünschte, ich hätte die (natur-)wissenschaftliche Brillianz des klaren Ausdrucks, um diese Hypothese in der geeigneten und transparenten Form zu beschreiben oder alternativ das Wissen um die vermutlich schon vorhandenen Quellen. Warum halte ich das für wichtig? Globalisierte Verhältnisse, hybride Kriege, intrigante Machtspiele und die variierende System-Mischung aus Marktwirtschaft und Sozialstaat sind deutlich komplexer als aristokratische Herrschaftsverhältnisse oder die strikte Klassenteilung in Ausbeuter und Ausgebeutete. Bei der Suche nach Erkenntnis, Übereinkunft und Veränderung dieser komplexen Verhältnisse auf einen wesentlichen Teil der möglichen Methoden von vornherein zu verzichten, halte ich für gefährlich.

        • kranich05 schreibt:

          Ich vertrete keineswegs die Meinung, dass es keine Erkenntnisse/Methoden der Naturwissenschaft oder der Mathematik gäbe, die auf die Erforschung der Gesellschaft angewendet werden könnten. Es gibt solche Erkenntnisse und ihre Übertragung kann, wenn sie die Spezifik der Gesellschaftwisenschaft nicht verletzt, hilfreich sein.
          Wesentliche Momente der Spezifik der GW. habe ich zu benennen versucht. („dass ALLE – sowohl ihr Gegenstand, als auch sie selbst – Bedürfnisse befriedigen und Interessen durchsetzen wollen, sowie dass ebenfalls ALLE Willensfreiheit haben.”)
          Sie setzen dagegen: „Naturwissenschaft ist nicht frei von Bedürfnissen, Interessen und Motiven.“ Ihren Satz verstehe ich nicht.
          Den Interessen-, Bedürfnis- und Freiheitscharakter in der Gesellschaft habe ich doch ausdrücklich dem Untersuchungsgegenstand zugeschrieben (den Untersuchenden natürlich sowieso). Ihren Satz kann ich nur so verstehen, dass sie den Naturwissenschaftler meinen. Oder meinen Sie mit ihrer Aussage tatsächlich den Gegenstand der naturwissenschaftlichen und mathematischen) Forschung?

          • Lutz Lippke schreibt:

            Dann habe ich zur Spezifik den Teil „als auch sie selbst … Interessen durchsetzen wollen“ nicht ausreichend gewürdigt. Vielleicht liegen wir dichter beisammen, als es zunächst scheint. Passend zum Thema Putscharmut versuche ich im Ansatz (m)eine Gegenüberstellung der Wissenschaftskulturen, wie ich sie wahrnehme, zum Thema: Putsch und Revolution:

            Naturwissenschaft: Putsch und Revolution sind so grundlegend und dabei ausdifferenziert wie möglich zu definieren. Redundanzen sollen möglichst eliminiert sein. Hier trotz dieser Erfordernis nur eine schnelle Skizze, die nur der Illustration dienen soll (an Wikipedia angelehnt).
            Putsch – überraschende Machtübernahme (Herrschaft) durch einen Teil des bisher herrschenden Machtapparates. Bsp für Formalisierung: P = üH x Mp | Mp ist Teilmenge von Mh
            (politische) Revolution – grundlegender und nachhaltiger Wandel eines Herrschaftssystems, der abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt.
            R = gW x Mr | Mr ist nicht Teilmenge von Mh. (dient der Abstraktion und dem Rechnen)
            Der wesentliche Unterschied zwischen Putsch und Revolution liegt demnach also vor allem darin, dass der Putsch einen Machtwechsel innerhalb der herrschenden Klasse verfolgt, während die Revolution das Herrschende grundsätzlich und nachhaltig ablösen will. Nach ausreichender Vertiefung käme man zu Rechen- oder Systemmodellen.
            In der Naturwissenschaft würde man also versuchen, die Gesamtheit per Definition und Regeln soweit klarzustellen und zu formalisieren, dass damit gerechnet, logisch geprüft und ein sukzessive ein theoretisch funktionierendes Gesamtmodell geschaffen werden kann. Oft muss so etwas in übertragbaren Modellen ausgearbeitet und visualisiert werden, damit trotz der Komplexität die notwendigen Schlüssigkeitsprüfungen überhaupt möglich sind. Die anfänglichen Feststellungen zur Definition und den grundlegenden Regeln sind subjektive Behauptungen und Übereinkünfte. Sie können daher auch grundsätzlich abgelehnt und das ganze Modell damit für falsch gehalten werden. Falsche oder schlechte Definitionen erzeugen oft auch schnell Widersprüche in der Theorie oder dem Modell. Gibt es zu den Grundannahmen aber Übereinkunft und keine Kritik mit Substanz, dann gelten die regelgerechten Ableitungen aus diesen Grundannahmen. Theoretisch führt das zu unstrittigen Ergebnissen innerhalb der Schranken des jeweiligen Modells. Umso klarer die Grundannahmen und überzeugender das Ergebnis im Vergleich, umso „gültiger“ und anwendbarer ist das Modell für die Wirklichkeit. Wegen solcher Klarheit streiten wir auch nicht darüber, ob 2 x 100 € = 200 € sind, sondern höchstens darüber, ob das Geld geliehen, geschenkt oder gefälscht war. Natürlich bleiben (natur)wissenschaftliche Modelle auch immer verallgemeinernd, denn Wissenschaft ohne Abstraktion ist nur Erzählung, Learning by doing bzw. trial and error. Tatsächlich kann es auch trotz der inneren Schlüssigkeit keinen absoluten Gültigkeitsanspruch geben, da Grundannahmen und Verallgemeinerung immer potenziell angreifbar bleiben. Die Schlüssigkeit und Regelhaftigkeit führt aber zu strukturellen Erkenntnissen, die evaluierbar, mit anderen Modellen vergleichbar und auf andere Sachverhalte übertragbar sind. Deswegen wissen wir auch das jeweils 20 x 1000 $ = 20.000 $ sind. Entsprechend den entwickelten bzw. erkannten Gesetzmäßigkeiten ist auch unstrittig, dass 200 € = 100 € x 2 oder 200 € / 2 = 100 € oder 200 € / 100 € = 2 ist. Darüber muss tatsächlich niemand streiten.

            In den Geisteswissenschaften stelle ich mir das so vor: Es wird ebenfalls die Absicht erklärt, Putsch und Revolution gültig und unterscheidbar zu definieren. Es werden dafür knappe Definitionen und darauf aufbauend längere Abhandlungen verfasst, in denen grundlegende Ansichten und möglichst überzeugende Aspekte gesammelt und strukturiert werden, die dann sequenziell nachvollziehbar dargestellt sind. Es entsteht damit eine Denkschule, die sich im Nachvollziehen, Verfeinern und Erweitern der Thesen betätigt und sich am Markt durchzusetzen versucht. Es wird zumindest versucht, Alles mit dem jeweiligen Denkschema in Übereinstimmung zu bringen. Aus scheinbar gleichen Grundannahmen kommt es wegen der Semistruktur und den weichen Ableitungsregeln weitgehend ohne methodische Rückkopplungen zu den verschiedensten Denkschulen mit z.T. gegensätzlichen Ergebnissen. So kann dann auch die Wirklichkeit vollkommen gegensätzlich und doch wissenschaftlich begutachtet werden. Geputscht wird demnach immer von den Anderen, Revolutionen sind Putschversuche von Abgehangenen und Gaunern oder aber wer gegen die Revolution ist, ist schlicht ein Konterrevolutionär (Putschist). Stichwort: Gutachteritis.

            Liegt das Vorgehen nun in der Natur der Sache oder folgt die Vorgehensweise einer nicht erklärten Zielstellung?
            Meine Meinung dazu: Es liegt nicht in der Natur der Sache. Die Vorgehensweise ist potenziell unwissenschaftlich und verschleiernd. Das soll nicht heißen, dass dies automatisch zu falschen Ergebnissen führt. Aber die der Methodik implizierte Absicht, in jedem Fall ein genehmes Ergebnis zu erzielen, erfordert die Möglichkeit von Auslegungen und zwischenzeitlichen Manipulationen. Diese zweckorientierte Erfordernis der strukturellen Intransparenz ist m.E. der wesentliche Grund für die so ganz andere Wissenschaftskultur. Intransparenz steht aber der Wissensschöpfung und dem damit erhofften Fortschritt diametral entgegen.

            Mein kritischer Gedanke zu den Methoden ist also fogendermaßen begründet. Wenn man tatsächlich eine gerechte und friedliche Gesellschaft schaffen will, mit der sich bei entsprechenden Verhältnissen Jedermann anfreunden kann, dann bedarf es vor allem Transparenz, Aufklärung, einen Drang zu Übereinkünften und Allgemeinverbindlichkeit. Streit müsste also prospektiv zur Aufklärung und Übereinkunft, sowie gleichzeitig zum erklärten Erfolg führen und nicht stattdessen zu gegensätzlichen Wirklichkeiten und erbitterter Gegnerschaft. Wie soll das aber mit Wissenschaftsmethoden gelingen, die schon ihrer Struktur nach die notwendige Transparenz vermissen lassen?

          • Lutz Lippke schreibt:

            Das ist natürlich ein altes Thema. Eine Ausarbeitung zum Enstehen und der Diskussion um den Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums dokumentiert solche Debatten. Das war noch in meiner Kindheit und für mich nicht existent. Die Lagerkämpfe sprechen eine deutliche Sprache.
            https://www.freidok.uni-freiburg.de/dnb/download/2722

  2. Pingback: Zeitumstellung. 3 Personen. (vorläufige Version) | opablog

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