Trauernde Hinterbliebene?

Zum „Tag der deutschen Einheit“ (Welche Einheit? Fragt mal Ralph Boes, wie ihn die deutsche Einheit nährt.) hören wir im Autoradio die Stimme eines Festredners; klingt, wie die eines satten Katers. Es ist nicht Gauck, sondern Bouffier aus Hessen. Ich stelle mir vor, der 7. Oktober wäre Republikgeburtstag geblieben. Sofort ist mir Erichs Fistelstimme im Ohr, seine Redeweise mit den verschluckten Silben. Verschiedene Arten Ohrenpein.

Einen Tag der Trauer mag ich nicht ausrufen, wenn die Sieger die Deutsche Einheit feiern. Zwar verdränge ich meine Trauer nicht beim Gedanken an die untergegangene Gesellschaft DDR, aber auch nicht meine Scham und meine DDR-typische hilflose Empörung.

Wenn der Tag unbedingt einen Namen haben soll, dann sei es der

„Tag der Ent-Täuschung“.

Die DDR, die Sowjetunion, war mehr als ein bloßer Versuch. Sie waren eine Version, eine Ausprägung des Sozialismus, die über Jahrzehnte existierte und vielen Millionen Menschen ein lebenswertes Leben bot. Von Generationen erstrebte humanistische Werte wurden Wirklichkeit. Was wir verloren haben ist bitter und der Trauer wert.

Doch der Realsozialismus war zugleich eine Sackgasse. Er lähmte bedeutende produktive Kräfte, er erkannte Zukunftswege nicht oder verfolgte sie nur halbherzig. Er misstraute der grenzenlosen Selbstermächtigung der befreiten Menschen, der ökonomischen, wie politischen, wie geistigen und verkam schließlich in seiner fortgesetzten Privatisierung der Macht.

Dieser Sozialismus verspielte die Zukunft und musste untergehen. Das war nicht vom Schicksal vorherbestimmt. Doch zu sagen: „Wir hätten uns wehren müssen!“ ist zu einfach. Warum haben wir uns nicht gewehrt? Konnten wir uns überhaupt wehren? Wie und wann hätten wir uns wehren müssen? Wo lag der Hund begraben?

Ich erlebe mit großem Unbehagen, wie gutwillige treue GenossInnen (auch bei den Freidenkern) vom positiven Vermächtnis des großen Stalin sprechen (Losurdo lieferte ihnen eine qualifizierte Vorlage.) und für alle Niederlagen und den Untergang des Sozialismus „die Revisionisten“ verantwortlich machen. Es gibt aber nur einen überragenden Führer der Sozialistischen Revolution in Russland (und darüber hinaus) – Lenin. In der Zerstörung des Leninschen Sozialismuskonzepts (eingeschlossen die Leninsche Partei) und seiner Ersetzung durch die Stalinsche autoritäre und nur mittels antibolschewistischem Terror durchsetzbare Politik liegt der Schlüssel für den Untergang des Realsozialismus. Und erst das Begreifen des fundamentalen Bruchs Stalins gegenüber Lenin wird uns tragfähige Ansatzpunkte für einen neuen Kampf um einen neuen Sozialismus liefern. Dabei müssen wir uns auch vor einer Überhöhung und Entzeitlichung Lenins hüten. Sein siegreiches historisches Wirken liegt 100 Jahre zurück. Doch wir Linke legen keine Ehre ein, wenn wir marxistische und leninistische Grundlagen in der Theorie und elementare „Leninsche Normen“ in der Praxis missachten. Der historische Materialismus ist gemeint, die konsequente Basisdemokratie ist gemeint (die uneingeschränkte Entscheidungsmacht der Wählenden, die Rechenschaftspflicht der Gewählten, einschließlich ihrer Absetzbarkeit), die absolute Transparenz der Organisation, die Beschlusstreue, sowohl im Maximalprogramm, wie im täglichen politischen Kampf.

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10 Antworten zu Trauernde Hinterbliebene?

  1. eschff schreibt:

    Nachgearbeitet gehört das Zusammenführen der DDR mit der BRD!
    So wie es 1990 gemacht wurde und immer noch läuft, ist das nicht gut!
    Es wird allerhöchste Zeit Hausaufgaben nachzuarbeiten!

  2. Wolfagng schreibt:

    Lese gerade Erwin Strittmatters Tagebücher von 1954 bis 1973. Das beantwortet einiges, nicht alles.

  3. Pingback: Ranghöchste Feiern | Eine Welt Netz

  4. Cindy schreibt:

    Ich kann zu den einzelnen Vorgängen in der DDR nichts sagen, da es mich einfach nicht betraf. Was mir aber zum „Feiertag der deutschen Einheit“ immer wieder aufstößt, ist die Bezeichnung des Tages an sich. Denn meiner Meinung nach war das ganze keine „Vereinigung“. Natürlich sollte darüber geredet werden, wie und in welcher Form man miteinander umgeht und lebt – schließlich waren Familien u.a. Menschen lange Zeit gewaltsam getrennt. Für mich ist das ganze aber eben keine deutsche „Einheit“ sondern ein Einverleiben der DDR in die BRD. Alles wurde von wenigen Politikern besprochen, beschlossen und durchgesetzt. Und das Volk wurde eben nicht gefragt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch bei den DDR-Bürgern, die aktiv an den Protesten beteiligt waren, Menschen gab, die nicht einfach ihr Land quasi aufgelöst sehen wollten, sondern die einfach nach Veränderungen im bestehenden System suchten. Um eine wirkliche Vereinigung (Einheit) zu vollziehen, hätten nicht nur einige wenige bestimmen dürfen, wie es weitergeht, sondern das Volk hätte befragt werden müssen.
    Heute machen unsere Politiker einen riesigen Aufstand wegen der Krim. Aber diese Menschen durften darüber abstimmen, wie sie sich ihre Zukunft weiter vorstellen. Und da ein Großteil der Bevölkerung der Krim russische Wurzeln hat, kann ich mir entgegen den Angaben unserer Medien doch vorstellen, dass die Mehrheit zu Russland wollte. So eine Befragung/Abstimmung hätte damals auch in Deutschland stattfinden müssen, dann hätte man anschließend bei entsprechendem Ergebnis von einer Vereinigung sprechen können. Aber so ist die DDR quasi komplett aufgelöst worden (und anschließend zum Ausverkauf freigegeben – wie jetzt aucch in Griechenland) und den Menschen wurde einfach das Westdeutsche System aufgezwungen – ohne zu wissen, ob sie das so überhaupt wollen.
    Wenn unsere Politiker heute bezüglich der Krim von unerlaubter Landnahme durch Russland sprechen, so müssten sie konsequenter Weise auch von einer unerlaubten Landnahme durch Deutschland bei der DDR sprechen.
    Das regt mich einfach nur auf – vor allem, wenn ich sehe, wie sehr Putin wegen der Krim angegriffen wird und um wieviel schlimmer doch eigentlich das war, was die BRD mit der DDR gemacht hat.

    • Lutz Lippke schreibt:

      „Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch bei den DDR-Bürgern, die aktiv an den Protesten beteiligt waren, Menschen gab, die nicht einfach ihr Land quasi aufgelöst sehen wollten, sondern die einfach nach Veränderungen im bestehenden System suchten.“
      Das war nach meinem Erleben die übergreifende Übereinkunft unter den Aktiven bis 1989. Es ging nicht ums Abschaffen sozialer Errungenschaften, nicht um das Vertreilen von Bananen oder Gimmicks, sondern um das Aufbrechen verkrusteter Strukturen, Beenden des Herrschafts- und Führungsanspruchs des SED-Politbüros, echte Demokratisierung statt einer Blockwahlshow mit Vasallen der Nationalen Front und natürlich ging es um Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte, u.a. freiem Kontakt zu Familienangehörigen auf der anderen Seite und willkürfreien Reisemöglichkeiten.
      Die mit diesem Anspruch auf die Strasse gingen, wurden aber von Herrschenden und DDR-Medien als Asoziale, Konterrevolutionäre und Spinner diffamiert. Die progressiveren Kräfte der SED ließen sich von den Hardlinern zunächst als Alibi-Demokratisierer einspannen und versäumten das rechtzeitige und beherzte Zugehen auf die Opposition. Die Beharrungskräfte der glücklos Herrschenden zerstörten damit die Reste der Reputation des sozialistischen Versuchs. Der von vielen Aktiven angestrebten eigenständigen Lösung wurde damit jede Chance genommen. Auf der Spitze des politischen Zerfallsprozesses aktivierten sich auch in der DDR mehr und mehr konservativ-bürgerliche Kräfte, die unter professioneller Anleitung die westdeutsche Übernahme vorbereiteten. Es wurden tatsächlich die blühenden Landschaften, sicheren Arbeitsplätze und Renten versprochen, wenn die soziale Markwirtschaft des Westens einzieht. Die Arbeiter in den sozialistische Großbetrieben waren skeptisch, aber dem Ansturm der Werbebotschaften und offiziellen Versicherungen letztlich nicht gewachsen. Es fehlte auch die reale Alternative. Der Rausch der plötzlichen Bewegungsfreiheit und des Konsums taten ihr Übriges. Richtig ist, dass die Bedingungen der Übernahme von Wenigen im Hinterzimmer bestimmt wurden. Die Übernahme an sich war aber nach dem Erfolg der AfD (Allianz für Deutschland – Ost-CDU und DSU) bei den letzten Wahlen 1990 nicht mehr aufzuhalten. Ob es also 1990 eine reale Chance für einen demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz in der ehemaligen DDR gegeben hätte, wäre nur in der Umbruchzeit vor 1989 zu klären gewesen. Ein Umbruch schien 1988/89 aus meiner Sicht zwingend und unaufhaltsam, der Zusammenbruch war aber vielleicht nicht zwingend, sondern aus gegensätzlichen Motiven durch die Beharrungskräfte und Übernahmeinteressenten herbeigeführt. So habe ich es wahrgenommen. Parallelen zur Metamorphose der bunten Revolutionen in aller Welt sind wohl nicht von der Hand zu weisen.

  5. Antigone schreibt:

    Lieber Opa,
    bei deiner Einschätzung des DDR-Sozialismus muss dir entgangen sein, dass es einen XX. Parteitag der KPdSU gab, der klarstellte, dass der Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion unter Stalin ein Verbrechen am Imperialismus war. Das hat Chruschtschow zwar nicht verraten, aber wenn du dir eine Minute Zeit nimmst, kannst du von allein dahinter kommen. Ich frage dich, mit welcher Weltfremdheit hast du eigentlich einen „perfekten Sozialismus“ erwartet, der sowieso nur in den Köpfen verwirrter Theoretiker existierte? Mich erstaunt bei deiner Vollmundigkeit, mit der du dich hier als Linker gerierst, dass es dir keine Schwierigkeiten macht, dich gleichzeitig auch als Antikommunist zu outen. Dich bekümmert also die Feststellung der Freidenker, dass der Revisionismus der Todesstoß für den Sozialismus war? Das verstehe ich gut, wenn ich deine Replik auf die DDR lese, die, wie du schreibst, eine Sackgasse war.

  6. Pingback: Urlaub in deutschen Landen (1) | opablog

  7. Lutz Lippke schreibt:

    Was ich bei dem Austausch um wahre, unmündige und falsche linke Kräfte vermisse, ist die kritische Selbstreflektion. Offensichtlich ist sich jeder linke Flügelschläger der Tatsache bewusst, dass es der Klassenfeind und die von ihm manipulierten pseudolinken Schwächlinge im Umfeld sind, die den Durchbruch und Erfolg des sozialistischen oder eben kommunistischen Nestbaus verhindern. Könnte es aber vielleicht auch sein, dass die Rede von Führern, Klassengegensätzen, notwendigem Kampf im antagonistischen Sinne und Abstossen von „Weicheiern und Abweichlern“ immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen führt? Nämlich zu eigentlich unzeitgemäßen Herrschaftsstrukturen und Führerkult ohne tatsächlich anstrebsame Lösung für die Allgemeinheit? Warum sollte die Masse solchen Ideen folgen, wenn Überheblichkeit, Belehrung, Normierung und Trimmen auf Linientreue wesentlicher Teil der Ideologie der selbsternannten „Befreier der Unterdrückten“ zu sein scheint?
    Mir fehlt viel Theoriewissen zu politischen Systemen und Ideen, das gebe ich zu. Das kann und will ich mir nicht in aller notwendigen Tiefe erarbeiten, bevor ich den Mund aufmache. Mit Systemen (z.B. technischen) kenne ich mich aber ganz gut aus. So ist unter Umständen ein grundsätzlich eher ungeeignetes System, das aber pragmatisch ertüchtigt wurde, nicht selten erträglicher als eine scheinbar optimale Technologie, die praktisch nicht beherrscht wird oder nur unter Theoriebedingungen funktioniert. Weiterhin besteht zwischen optimaler Konstruktion und praktischer Anwendbarkeit eines Systems meist auch ein Spannungsverhältnis. Das kann sogar praktisch unlösbar sein. Und nicht zuletzt, hat man die Untauglichkeit eines bestehenden Systems zweifelsfrei erkannt und sogar eine Alternative klar vor Augen, dann lehrt einem die Praxis, dass es mindestens ebenso ausgereifter Migrationsstrategien und Umsetzungspotenz bedarf, um halbwegs schadlos von Alt nach Neu zu kommen und nicht im Nirvana zu landen.
    Mir ist die grundsätzlich berechtigte Kritik am Kapitalismus und seinen teilweise unerträglichen Erscheinungen immer klarer verständlich. Auch kann ich systematischen Vorstellungen zu anderen Gesellschaftsformen und Lebensbedingungen immer besser folgen. Aber eine überzeugende und praxisfähige Struktur des Ganzen, geschweige denn eine erfolgversprechende Migrationsstrategie dorthin ist mir noch nicht zu Ohren gekommen. Die mich bisher am ehesten überzeugende Idee, ist die der offenen, gleichberechtigten Suche nach Wegen und Lösungen mit den Mitteln der Aufklärung, Transparenz und gegenseitigen Toleranz. Demnach wäre der Weg schon das Ziel.

    • kranich05 schreibt:

      Lutz Lippke,
      Ihrer Problembeschreibung kann ich, glaube ich, bestens folgen. Ihren vorletzten, resumierenden Satz unterschreibe ich voll und ganz. Dennoch besteht keine Notwendigkeit bzw. ich fürchte Irrwege, wenn das tradierte gesellschaftsrevolutionäre Wissen abgetan wird. Unter dem Verschütteten gibt es tiefe Einsichten und glänzende, wenn auch nicht ewige Erfolge. Die fast absolute Verdrängung der Leistung (im Sinne sowohl von Ergebnis, als auch Methode, als auch eröffnetem Möglichkeitsfeld) Lenins betrachte ich als den wundesten Punkt. Dort liegt ein unverzichtbarer Schlüssel. Kaum jemand greift danach (auch die nicht, die es eigentlich besser wissen sollten). Für Letzteres habe ich kleine Erklärung.
      Kampf gegen Antagonismus erfordert Macht, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig Verewigung von Herrschaft.

      • Lutz Lippke schreibt:

        Es ist in der Tat ein Dilemma, wenn bereits Erkanntes verschütt geht und immer wieder die gleichen Irrwege beschritten werden. Zu Lenin ist mir aus meiner grundständigen sozialistischen Erziehung „Lernen, lernen und nochmals lernen“ (von den Überlieferern durchaus als Disziplinierung gemeint) und dass er der beste Schlittschuhläufer im Dorf war hängengeblieben. Keine guten Voraussetzungen um die vermissten Einsichten zu heben und vor allem an die junge Generation weiterzugeben. Wir müssen also Brücken bauen und uns dafür auch Zeit nehmen. Diese Brücken sollten ruhig gleichberechtigt in beide Richtungen gangbar sein, so dass uns die junge Generation auch zu neuen Einsichten und kritischer Selbstreflektion verhilft. Letztlich ein Prozess ohne unverrückbare Gewissheiten und großem Bedarf an gegenseitigem Vertrauen und Achtung. Auch darin sind wir uns wohl einig.

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