am Rande

Wenn einer vom Leuten der Sturmglocken müde geworden ist aber auch wenn er nicht müde geworden ist, sondern „nur“ zu ertauben droht, dann lässt er wohl einmal das Zugseil los und wendet sich nach draußen. Dort ist die Luft besser, vielleicht scheint die Sonne und überhaupt lockt die bunter Vielfalt des Lebens. An kleinen Dingen können sich die Sinne erfrischen; z. B. an Kaffeeduft und knusprigen Frühstücksbrötchen.

Tatsache ist freilich, dass auch in den Kleinigkeiten des Lebens oft ein Stachel versteckt ist, wie Opa am Rande bemerkt.

Angola am Rande

Zu schönster Morgenstunde berichtete mein Radio, dass angolanische InvestorInnen (besser: „InvestorInnen“) sich in Portugal einkaufen. Den Vornamen der milliardenschwersten Tante habe ich mir nicht gemerkt. Ihr Familienname ist „dos Santos“. Ja, sie ist die Tochter des langjährigen Diktators und früheren MPLA-Führers („marxistischen Befreiungskämpfers“) Eduardo dos Santos.

Es ist dies ein etwas krasseres Beispiel von der Regel (die Ausnahmen kennt), dass die Systemkritiker, einstigen Revolutionäre oder Befreiungsführer oder Hoffnungsträger, zur Macht gekommen, die alten Verhältnisse reproduzieren. (Von einen Tag auf den anderen, wie Tsipras oder gestreckt über 70 Jahre, wie Stalin und seine Nachfolger.)

Eine sensible Freundin tröstete mich (und sich) mit den Worten: „Wir haben Thomas Sankara…“, und wir beide ergänzten, nicht ohne Ironie: „… und Patrice Lumumba.“

Ob nicht die bedrückende Erfahrung ein Goldkörnchen in sich birgt? – nämlich die Erkenntnis, dass wir Systemverbesserer bereits heute organisatorisch-menschliche Beziehungen schaffen müssen (und also Werte und Verfahren einüben können und müssen), aus denen NIEMALS  ein neuer Herrscher/eine neue Herrscherin hervorgehen kann.

Propaganda am Rande

Nichtsahnend fahre ich S-Bahn, da drängen sich mir riesige Propagandatafeln ins Auge. Die müssen ein Vermögen kosten. Tafeln dieser Art meine ich (es gibt mehrere Varianten aber alle nach demselben Schema):P1190565

Wer bezahlt das? Ein US-amerikanisches Unternehmen (Philip Morris, ca. 30 Mrd US-$ Umsatz,  DER Tabak-Weltplayer) und die BRD-Regierung – beide freilich, ohne Summen auszuweisen. Doch bei aller Verschwiegenheit, wenn es darum geht, „wer die Musik bezahlt“, ist die Website des FVS („Forum Vernetzte Sicherheit“) durchaus aufschlussreich. Die „Netzknoten“ CDU/CSU, Bundeswehr und Brookings Institution fallen sogleich ins Auge, und man äußert sich (und beschweigt sich) mit ausreichender Deutlichkeit. Rührige Köche sind da am Werk, damit die US-deutschen Kriege ordentlich gar werden.

Doch zurück zu den Propagandatafeln, die für sich sprechen und zwar mit enormer, wenn auch unterschwelliger, Bösartigkeit. Zunächst und offenkundig wird auf zwei stabil verankerte Topoi der Propaganda zurückgegriffen: Einerseits die Anti-Raucher-Hysterie (das sage ich als lebenslanger Nichtraucher) und andererseits die Terroristen-Hysterie (Vergl. aktuell dazu Davidsson). Und diese beiden werden (verbal verbindlich) an die Bilder „normaler Menschen“, eher Angehörige des soliden Mittelstands, gekoppelt. Darin liegt die Provokation und zugleich eine Setzung, die besonders niederträchtig ist, weil sie im Unbewußten verbleibt:

  • Du bist Terrorunterstützer.
  • Du bist Terrorist.
  • Du gehörst überwacht.
  • Du gehörst weggesperrt.

Das ist nichts weniger als ein Moment der Faschisierung unseres gesellschaftlichen Lebens.

 

Volksleben am Rande

Opa trödelt, von einem wieder schönen Auftritt seines geliebten Shantychores kommend, Richtung Heimat durch die Berliner Nacht – Osthafen, Oberbaumbrücke, Warschauer Brücke, Warschauer Strasse, S-Bahnhof Warschauer Strasse, Ostkreuz und weiter mit der Bahn gen Norden.  Ich bin angeschickert und um mich herum rockt der Bär. Jede Menge junge Leute aber auch etliche ältere Paare, die von irgendwelchen Gesellschaften nach Hause streben. Musik aus dieser Ecke, Musikanten in jener unerwarteten Ecke, Publikumstraube davor. Viele Imbisse, viel Duft, dazwischen Gestank. Getöse, Gegacker, Geschnatter, Typen mit ihren ausgefallenen Schmuckvarianten, schwules Gehabe, Runenverzierungen, keine Aggressivität. Da und dort Einzelne, die sich janz abgewandt, totenstill auf eine Bank drücken. Von den Gesichtern will ich erst gar nicht anfangen zu erzählen. Bart hat einige gezeichnet.

Ist das „erhöhtes Leben“? Mein (bei aller Beschwingtheit) Intellektuellen- und Philosophenkopf sagt: „Nee!“ Hier brummt es und summt es, wie in einem Bienenstock (ein schönes Bild) oder auf einem Misthaufen (das anders schöne Bild). Hier aber wird nix verhandelt. Unsereins propagiert wochenlang eine Demo gegen Waffenexporte, eine Mahnwache gegen Zwangspsychiatrie, eine Gedenkkundgebung für die Opfer von Odessa – und 50 Leute kommen. Hier tummeln sich Tausende und Abertausende und bezahlen noch dafür.

Wir 50 Leute agitieren uns 50 Leute. Wir versorgen uns reihum mit (den gleichen) Informationen. Ich bin nicht der Meinung, dass das, was wir 50 machen ein Fliegenschiss ist, gegenüber den 50.000 dort. Es ist nur völlig belanglos. Wir verstehen diese 50.000 nicht. Ich befürchte, manche von uns denken: „Pech gehabt, Ihr 50.000.“

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Eine Antwort zu am Rande

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Ich fühle mich mit „am Rande“ ziemlich angesprochen und bestätigt. Oft irritiert mich der Drang meiner Umgebung zum scheinbar Belanglosen, Dekadentem und auf Nettigkeiten/Konsum fixierten Dingen. Selbst unmittelbar treffendes massives Unrecht oder Unglück wird zwar bedauert, aber im Kern notwendige Unterstützung versagt. Entscheidender Grund ist meist Ratlosigkeit und Überforderung, sowie der Wunsch nach ein klein bisschen heile, beherrschbare und funktionierende Welt. Instinktiv führt das in der Wahrnehmung soweit, dass dem Betroffenen sogar die Schuld am eigenen Dilemma zugewiesen wird. Irgendwann oder sogar noch immer muss der/die Betroffene doch falsch agiert oder reagiert haben. Relativ gesehen, trifft das natürlich immer zu. So wie auch der Ausbruch und Verlauf einer schweren Krankheit nicht von selbst daher kommt. Eine weitere Front baut sich für den Betroffenen also auf, wenn er/sie in der Bedrängnis nicht mehr zu größter Toleranz und Milde in der Lage ist. Ein unglaublicher Spagat, wenn man nicht vereinsamen und schicksalhaft fixiert werden will.
    Das führt mich aber auch zur anderen Seite der Medaille. Gerade erlebt. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen schlug ein, Hoffnungen zerschellt. Nah Vertraute suchen schnelle Deutungen und Lösungen, stoßen mit Ratlosigkeit und Unwissen auf meine Überforderung und Abwehr. Missverständnisse, Verärgerung, Schweigen. Man will sich nichts vorwerfen, sich nicht schaden und tut es doch. Abstand, Abstand, Abstand. Und dann, los lass uns an den See fahren, es wird Dir gut tun und abends gehen wir mit Freunden los. Heute musst Du raus. Der Steg am See lag einsam in der Sonne, klares erfrischendes Wasser, umringt nur von Wald und einer kleinen Fährstelle an der verträumten Insel gegenüber. Nackte, prickelnde Freiheit, der zusammengezogene Schutzpanzer wird kräftig durchblutet, lässt wieder Glücksgefühle und Träume zu. Abends dann in einer kleinen Galerie trinken wir Wein aus dem Becher, denken uns Gangsterromantik aus und lachen über unser Unvermögen. Die 3-Mann Band spielt in der Ladenwohnung für ein Dutzend Leute und die Hoffnung auf ein paar Taler im Hut zum Überleben, kann sich aber mit den eigenen Texten, Spielfreude und gelassener Selbstironie motivieren. Der Funke springt über. Am Ende tanzen und singen wir zu einer Adaption von Griechischer Wein alle zusammen, fallen später glücklich und sinnlos trunken ins Bett. Ich lege heute die CD ein, freue mich an den lockeren Lieder über das Leben in Berlin und gehe gelöster an meine ungeliebte Arbeit. Recherchen, Analysen, Schreiben, immer wieder Entsetzen über das Unglaubliche, aber auch neue Gedanken und Hoffnungen für dringend notwendige Lösungen.
    Ich möchte es nicht missen, das Leben außerhalb des großen Plans. Ist das freie, fröhliche Leben nicht auch ein Stinkefinger gegenüber den Herrschenden? Ich möchte jedenfalls darauf vertrauen, dass es trotz anstrengendem Kampf gegen Unrecht dieses quirlige, unsortierte Leben weiter geben wird und sich nicht etwa wegen falschem Verantwortungsgefühl oder Scham selbst aufgibt. Visionen mit Schaum und bloß nicht nach Haus. Boxi Barré https://www.youtube.com/watch?v=IhmZ-2NmgLo

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