Unterschrifteninflation? Unterschriftenschizophrenie?

Weder, noch.

Es hat sich so ergeben, dass ich in den letzten Wochen nicht weniger als vier verschiedene Dokumente der Friedensbewegung unterschrieben habe. Es fing an mit dem Grundsatzpapier „Friedensbewegung 2015“ (Stephan Steins), dem ich noch als Erstunterzeichner beitrat. Inzwischen finde ich mich zwar nicht mehr in der dortigen Unterzeichnerliste, wie man hier sieht (nach unten scrollen), obwohl ich meine Unterschrift nie zurückgezogen habe. Dann habe ich selbst einen Vorschlag einer Grundsatzerklärung der neuen deutschen Friedensbewegung geschrieben und also auch unterschrieben. Es folgte meine Zustimmung zum Aufruf der Freidenker und von Arbeiterfotografie, viertens schließlich meine Unterschrift unter den Aufruf „Stopp Ramstein“ der sog. Ramstein-Kampagne. Wenn ich noch meine Unterschrift unter den „Ransteiner Appell“ hinzurechne sowie meine Unterstützung der NATO-Austrittsforderung der „Gruppe Orwell“, komme ich gar auf sechs Unterstützungs-Festlegungen.

Ich hatte das nicht geplant und habe es nicht „Papier auf Papier“ systematisch abgearbeitet. Die Unterschriften ergaben logisch aus den politischen Auseinandersetzungen, und so lehrte mich meine aktive Teilnahme etwas, was ich vorher nicht gedacht hatte. Es ist eine Ironie, ja ein Vergnügen, dass ich mich gleichzeitig zu sechserlei Standpunkten bekenne, deren Protagonisten einander zum Teil spinnefeind sind. (Ich selbst habe ja heftige Polemiken etwa mit Stephans Steins und Reiner Braun geführt, wie im Blog dokumentiert ist, und auch innerhalb meiner Freidenkergruppe sehe ich durchaus Meinungsverschiedenheiten.) Hinzu kommt, dass ich keines der Papiere für besonders gelungen halte (meines eingeschlossen), keines markiert eine Sternstunde der politischen Aktivierung. In gewissem Grade gilt wohl: Viele Papiere – wenig Klarheit und Geschlossenheit. Aber es ist, wie es ist; und höchst brauchbar, um den nächsten Schritt zu tun, ist das Papier etwa der Freidenker/Arbeiterfotografie allemal.

Etwas verwundert habe ich meine Vierfach- bis Sechsfachunterschreiberei betrachtet, bis mir klar wurde, dass sich darin etwas Gravierendes ausdrückt – nämlich die enorme Breite der Friedensbewegung. Zumindest für mich persönlich habe ich die Breite der Friedensbewegung von „rechtsoffen“ (Steins/Geppert) über die Freidenkerlinken, denen ich mich selbst zurechne, bis zu Akteuren der staatsnahen Friedensbewegung (Braun) definiert. Das impliziert eine entschiedene Absage an die Position: „Die Friedensbewegung kann nur links sein“ (IMI-Pflüger), wogegen ich bereits an anderer Stelle polemisiert habe. Diese Position (ebenso Schädel: „Nach rechts bleibt die Tür zu.“) passt zu Beamten der „Hauptverwaltung für ewige Wahrheiten“, wie Robert Havemann sagte, oder kurz: Sektierern.

Wenn die Einschätzung zutrifft, dass unser Frieden elementar bedroht ist, wenn diese nicht als Marotte von Alarmisten abgetan werden kann, dann stehen uns gut die Schlussfolgerungen an, die Kurt Tucholsky aus dem historischen Versagen der Arbeiter- und Demokratiebewegung zog (Briefe aus dem Schweigen 1932-1935). Dann sollten wir die bündnispolitische Konsequenz aus dem 20. Juli 1944 ziehen, als der Widerstand von Staatstragenden (nicht wenige praktizierende Faschisten unter ihnen) bis zu Sozialdemokraten und Kommunisten reichte.

Das Jahr 2015 ist nicht mit 1933 oder 1944 gleichzusetzen. Die Wahheit ist konkret. Gerade deshalb ist es eine üble Manier, die Steins, Gepperts oder Oertels mit dem „Schwur von Buchenwald“ (dessen Geist manche heutige „Korrektsprecher“ anscheinend gepachtet haben) zu erschlagen.

Natürlich bringt das Bündnis Probleme mit sich, je breiter, umso mehr. Ich sehe mindestens drei Erfordernisse/Wege/Werkzeuge, ihnen zu begegnen:

  1. Die Klarheit und die tiefe Substanz der eigenen Position und ihre jederzeit offene und offensive Vertretung.
  2. Die freie Debatte (deren Kultur sich nur im Machen allmählich entwickeln kann).
  3. Das wechselseitige politische Vertrauen- Auch dieses ist ein Entwicklungsprozess. Fast möchte ich lieber sagen: Vertrauen ist wie Atmen – weil ich nämlich seine Luft benennen möchte. Sie heißt: Transparenz.

Zu diesen Punkten 1 bis 3 sind wohl noch einige Überlegungen angebracht.

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5 Antworten zu Unterschrifteninflation? Unterschriftenschizophrenie?

  1. 5jahrehartz4 schreibt:

    Diese inflationären Unterschriftsaktionen beobachten wir schon länger mit Misstrauen – einmal hat neimand mehr was davon gehört was daraus wurde (maximal eine Übergabe) doch vor allem ist das für uns die Entledigung selbst auch aktiv zu werden. Mit einem Mausklick wird das eigene Gewissen beruhigt, obwohl man weiß, dass das sinnlos ist und schon lange andere und EIGENE Aktivitäten notwendig sind.

  2. Steffen schreibt:

    Da hast du meine volle Zustimmung, lieber Krannich05, auch wenn mir der Herr Steins ob seines Artikels über Imperium und Migration große Zahnschmerzen verursacht. Zu den anderen Protagonisten kann ich relativ wenig sagen. Da ist mir Ken noch am ehesten vertraut. Wie auch immer, die Uhr tickt.

  3. kranich05 schreibt:

    „Ist es den Beteiligten denn wirklich nicht möglich – ANGESICHTS DER WIRKLICH KATASTROPHALEN WELTLAGE – ihre persönlichen Eitelkeiten mal hintenan zu stellen????“ –
    Hallo SH,
    Ihre 4 Fragezeichen sollen wohl auf die Intensität hindeuten, mit der Sie diese Frage stellen.
    Wo Menschen zugange sind, gibt es immer Eitelkeiten und anderes Allzumenschliches. Geschenkt.
    Die (kaum gelöste) Aufgabe besteht aber darin, unsere Krisenzeit, d. h. die Krise unseres modern-kapitalistisch-verfassten gesellschaftlichen Zusammenlebens, politisch denkend zu durchdringen und somit vielleicht Ansätze zum Umsteuern zu fixieren.

  4. kranich05 schreibt:

    Hallo SH, DD,
    wenn ich ehrlich sein darf: Ja, sagen Sie mir, „WIE VIELE Petitionen“… und „WIE VIELE Organisationen“. Es interessiert mich brennend. Vielleicht versuche ich danach Ihre am Ende gestellten Fragen zu beantworten.
    MfG
    kranich05

  5. kranich05 schreibt:

    Danke für die Links, Frau Haufe,
    ich muss Ihnen aber gestehen, dass ich mich kaum auf der „Menschenverwirrungsplattform“ FB bewege.
    Freundliche Grüße
    kranich05

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