Hilflose Kommunisten oder „Was tun?“

Ich treffe sie bei Vorträgen und Diskussionsrunden zu aktuellen politischen Themen. Sie sind um die 80 Jahre alt. Sie gehören zu den Anspruchsvolleren ihrer Partei (die auch meine ist), d. h. sie vermeiden zwei der leichteren Wege.

Sie trösten sich nicht mit den „Theorien des Tages“, etwa denen von der Transformation, dem Empire, dem digitalen Zeitalter, der von den 99% und dem 1% und dergleichen mehr. Auch bedeutet es  ihnen nichts, wenn ihnen neuerdings „das System“ irgendwie ein wenig  Anerkennung zuteil werden lässt.

Andererseits verklären sie nicht ihren durchlebten Realsozialismus. Sie glauben nicht, dass es an dieser oder jener Besonderheit lag (Heute kennt man die Lösung!), und alles wäre gut gewesen. Sie spüren, dass der Realsozialismus notwendig untergegangen ist.

Sie nehmen die tiefen gesellschaftlichen Widersprüche der Gegenwart wahr und müssen mit ansehen, wie sie sich verschärfen. Aus der Vergangenheit ist ihnen das Gefühl vertraut, eine Gesellschaft bewusst zu gestalten (zumindest: „den Faschismus mit der Wurzel auszurotten“). Gequält bemerken sie heute ihre Ratlosigkeit und erzwungene Tatenlosigkeit. Manchmal flackert der Gedanke auf, jetzt müsse man es „reißen“, doch dann erinnern sie sich, zu allem Ungemach, auch noch ihres Alters.

„Was kann ich tun?“

Ich kenne die Frage, und ich habe mir Antworten zurechtgelegt, die mir helfen, im täglichen Erschrecken ein wenig Zuversicht zu bewahren. Drei Antworten, drei Handlungsmaximen, die in ihrer Einheit vielleicht einen Ausweg eröffnen:

  1. Aufklärung
  2. Bewusste gesellschaftliche Bindung
  3. Unabhängig leben. Aussteigen.

Was verstehe ich unter Aufklärung?

Darunter verstehe ich in bester Tradition:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Es gilt also: Aufklärung und Autoritätsabhängigkeit sind wie Feuer und Wasser. Absolut unvereinbar. Aufklärung ist aller Anfang. Und ihr Gegenstand ist die menschliche Befreiung. Aufklärung heute muss beantworten, warum der politische Kampf um die menschliche Befreiung tot ist. Versteht sich, dass Aufklärung auch die Aufklärung betrifft.

Auf Punkte gebracht:

  1. Aufklärung bedeutet (endlich wieder!) die entschiedene, offensive Vertretung des Historischen Materialismus. Nichts geht ohne die Kernelemente der Lehren von Marx, Engels, Lenin – Geschichte ist Klassenkampf. Materielle Interessen treiben die Gesellschaft. Grundgesetze des Kapitalismus sind erkannt. Imperialismus ist das höchste Stadium des Kapitalismus. Der Kapitalismus kann nur revolutionär überwunden werden. Revolution bedeutet einen qualitativen Entwicklungsschritt der Menschen (Bewußtheit). Die Gesellschaft jenseits des Kapitalismus verlangt einen weiteren qualitativen Schritt der Bewußtheit.

Das ist passables Werkzeug im Kasten aber die Werkstatt muss mehr bieten.

  1. Materialistische Gesellschaftsauffassung ist nicht Erkenntniskorsett. Die These von der „historischen Mission des Proletariats“ ist ein quasireligiöser Zopf. Die Lehre von der Leninschen Avantgardepartei führte zeitbedingt zu großen Erfolgen doch schließlich in eine Sackgasse. Analysieren! Die Lehren vom Klassenkampf waren hilflos im Realsozialismus, also in einer Gesellschaft ohne kapitalistisches Privateigentum. Der Realsozialismus brauchte dringend eine philosophische Theorie vom Menschen, gerade auch vom menschlichen Individuum, konnte sie aber nicht hervorbringen. Warum? (In den Jahren 1985/87, gleichsam in letzter Minute, ging ein hoffnungsvolles Schifflein auf Reise. Ein Forschungsprojekt richtete sich auf die „Biopsychosoziale Einheit Mensch“. Heute liegt es als „Humanontogenetik“ im bürgerlichen Hafen vor Anker.)
  2. Der Historische Materialismus muss beantworten, wie es zu „Macht ohne Herrschaft“ kommen und wie diese funktionieren kann.
  3. Aufklärung, um den Realkapitalismus heute zu begreifen, muß beantworten:

Welche Chancen haben die Versuche zahlenmäßig extrem kleiner (aber verbundener) Gruppierungen von Superreichen die Geschicke der gesamten Menschheit zu steuern? Ist der Faschismus ein gesetzmäßiger Bestandteil (und/oder innnere Entwicklungstendenz) des modernen Imperialismus? Produziert der moderne Imperialismus einen neuen Feudalismus? (Muss nicht überhaupt das Verhältnis von Kapitalismus und Feudalismus tiefer erforscht werden? Gibt es Verwandtschaften zwischen Faschismus und Feudalismus?) Kritik der „Konzepts der Zivilgesellschaft“ als imperialistisches Herrschaftskonstrukt der besonderen Art. Realimperialismus und digitale Spiegelwelt.

Liebe ratlose 80-jährige GenossInnen,

die Welt ist voller Fragen, zu denen Ihr vielleicht, wenn Ihr die Schätze Eurer Erfahrung und Eures Grübelns aufschließt, Bedenkenswertes sagen könnt. So wie es der 85-jährige Georg Knepler gemacht hat.

Und Aufklärung im Sinne von Lebensweisheit ist nicht an eine akademische Bildung gebunden.

Was verstehe ich unter bewusster gesellschaftlicher Bindung?

Was verstehe ich unter unabhängig leben, aussteigen?

Beide Fragen sind nicht vergessen. Was ich als Antwort anzubieten habe, wird bald folgen.

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6 Antworten zu Hilflose Kommunisten oder „Was tun?“

  1. nils schreibt:

    Dreimal JA! Aufklärung! Bewusste gesellschaftliche Bindung! Autonomie!!!
    Aber bitte … Aussteigen ? Was soll dieser individualistische Quatsch? Dagegen bleibt die historische Mission der AK bestehen, eben weil sie die Materialisierung der allgemeinen Gattungsinteressen (wie Arbeit, Kooperation, Entwicklung) bedeutet. Partei? JA!!! Im Sinne der Partei leninschen Typs, weil genau diese, den Raum der Autonomie, der einen gedanklichen Bruch mit den herrschenden Verhältnissen erst möglich macht, schaffen kann. Auch im Sinne der Erlangung der kulturellen Hegemonie im Sinne von Gramsci.

    • Lutz Lippke schreibt:

      Ich stehe trotz Stabü-Schulung vor längerer Zeit nicht so gut im theoretischen Stoff. Weiß auch nicht, ob ich damit den gefilterten Muckefuck oder aber den gefilterten Kaffeesatz auf den Weg mitbekam 😉
      „Aussteigen? Was soll dieser individualistische Quatsch?“

      Unbestritten: Wer die Produktionsmittel beherrscht, übt Macht aus.
      Aber kann heute die AK (welche?) die Produktionsmittel (welche?) beherrschen und damit Macht zum Wohle Aller ausüben? Bestimmen denn nur juristische Eigentumsverhältnissen (Volkseigentum vs. Privatkapital) über Wohl und Wehe?

      Aus meiner Sicht sind wesentliche Teile des Problems die Arbeitsteilung an sich (u.a. auch Globalisierung), die Finanzwirtschaft (Leistung gegen Schuldschein-Kaskaden) und absolut entscheidend die Hierarchie (u.a. auch Staatsverständnis). Sie sind Grundlage und Wegbereiter für Unrecht und Unterdrückung. Damit meine ich nicht, dass das Alles vollständig abzuschaffen wäre. Aber es muss eine sinnvolle und wirksame Regulierung,geben, die nicht vom (ehrlichen) Wollen und Können der jeweiligen Führungskräfte/Mächtigen abhängt. Wenn man das als wissenschaftlich begründete Theorie oder sogar ein praktisch umsetzbares System bewerben will, dann reicht es eben nicht allgemeine Begriffe, ein Glaubensbekenntnis aus kollektivierten Wünschen oder Absichten Einzelner und den Bruch mit den juristischen Eigentumsverhältnissen zu erklären. Anregungen finde ich z.B. bei Privatisierung/Verstaatlichung vs. Gemeingüter
      z.B. http://www.bpb.de/publikationen/H975ZJ,0,Gemeing%FCter.html
      Ich sehe noch viele Fragen unbeantwortet und bin auf Opas Angebote gespannt.

    • kranich05 schreibt:

      Hallihalo! 😉
      Ich bin ganz heiβ darauf, die beiden nächsten Teile meines Textes zu schreiben.
      Wann komme ich bloβ dazu?

  2. Danke.
    Stärkt einem den Rücken.
    Besonders der Passus über den „Historischen Materialismus“ als Weltanschauung.

  3. nils schreibt:

    Das ist das Elend. Sobald es kategorial wird, ist heute der StaBü. Kunde Vorwurf nicht weit. Leider war es wohl eher zuwenig StaBü Kunde, als zuviel. Gerade deshalb ist der Opa so wichtig, weil er dem gravierenden Schwachsinn unsere Zeit mit dialektisch geschultem Verstand entgegentritt.
    In der Linken ist es ja schon seit langem oberstes Gebot jedwede Verhältnisse sehr ‚differenziert‘ zu betrachten, mit Analyse derselben hat dies jedoch meist weniger zu tun. In den guten alten Zeiten sagte man‘ ‚ausgewogen – weg gelogen‘. Leider zeichnet sich die Linke heute, bis hinein in die DKP, durch eine erbärmliche Geschichtsvergessenheit aus. Dabei haben wir doch Chronisten! Väterchen Franz zum Beispiel oder Erasmus Schöffer, Engelmann und soviel andere. Mir scheint, nach 30 Jahren Erfahrung in der westdeutschen Linken, die Verhältnisse sind meist schlichter als mein eigenes schlichtes Denken es für möglich hält. Es ist zum erschrecken einfach.
    Den es bleibt dabei……

    Das Lied vom Klassenfeind

    Text: Bertolt Brecht
    Bekannte Interpretation: Ernst Busch

    Als ich klein war, ging ich zur Schule
    und ich lernte, was mein und was dein.
    Und als da alles gelernt war,
    schien es mir nicht alles zu sein.
    Und ich hatte kein Frühstück zu essen,
    und andre, die hatten eins:
    Und so lernte ich doch noch alles
    vom Wesen des Klassenfeinds.
    Und ich lernte, wieso und weswegen
    da ein Riss ist durch die Welt?
    Und der bleibt zwischen uns, weil der Regen
    von oben nach unten fällt.

    Und sie sagten mir: Wenn ich brav bin,
    dann werd ich dasselbe wie sie.
    Doch ich dachte: Wenn ich ihr Schaf bin,
    dann werd ich ein Metzger nie.
    Und manchen von uns sah ich,
    der ging ihnen auf den Strich.
    Und geschah ihm, was dir und was mir geschah,
    dann wunderte er sich.
    Mich aber, mich nahm es nicht wunder,
    ich kam ihnen frühzeitig drauf:
    Der Regen fließt eben herunter
    und fließt eben nicht hinauf.

    Da hört ich die Trommel rühren,
    und alle sprachen davon:
    Wir müssten jetzt Kriege führen
    um ein Plätzlein an der Sonn.
    Und heisere Stimmen versprachen uns
    das Blaue vom Himmel herab.
    Und herausgefressene Bonzen
    schrien: Macht jetzt nicht schlapp!
    Und wir glaubten: Jetzt sind’s nur mehr Stunden,
    dann haben wir dies und das.
    Doch der Regen floss wieder nach unten,
    und wir fraßen vier Jahre lang Gras.

    Und einmal, da hieß es auf einmal:
    Jetzt machen wir Republik!
    Und der eine Mensch ist da dem ändern gleich,
    ob er mager ist oder dick.
    Und was vom Hungern matt war,
    war so voll Hoffnung nie.
    Doch was vom Essen satt war,
    war hoffnungsvoll wie sie.
    Und ich sagte: Da kann was nicht stimmen
    und war trüber Zweifel voll:
    Das stimmt doch nicht, wenn der Regen
    nach aufwärts fließen soll.

    Sie gaben uns Zettel zum Wählen,
    wir gaben die Waffen her.
    Sie gaben uns ein Versprechen,
    und wir gaben unser Gewehr.
    Und wir hörten: Die es verstehen,
    die würden uns helfen nun.
    Wir sollten an die Arbeit gehen,
    sie würden das übrige tun.
    Da ließ ich mich wieder bewegen
    und hielt, wie’s verlangt wurde, still
    und dachte: Das ist schön von dem Regen,
    dass er aufwärts fließen will.

    Und bald darauf hörte ich sagen,
    jetzt sei alles schon eingerenkt.
    Wenn wir das kleinere übel tragen,
    dann würd‘ uns das größere geschenkt.
    Und wir schluckten den Pfaffen Brüning,
    damit’s nicht der Papen sei.
    Und wir schluckten den Junker Papen,
    denn sonst war am Schleicher die Reih.
    Und der Pfaffe gab es dem Junker,
    und der Junker gab’s dem General.
    Und der Regen floss nach unten,
    und er floss ganz kolossal.

    Während wir mit Stimmzetteln liefen,
    sperrten sie die Fabriken zu.
    Wenn wir vor Stempelstellen schliefen,
    hatten sie vor uns Ruh.
    Wir hörten Sprüche wie diese:
    Immer ruhig! Wartet doch nur!
    Nach einer größeren Krise
    kommt eine größere Konjunktur!
    Und ich sagte meinen Kollegen:
    So spricht der Klassenfeind!

    Wenn der von guter Zeit spricht,
    ist seine Zeit gemeint.
    Der Regen kann nicht nach aufwärts,
    weil er’s plötzlich gut mit uns meint.
    Was er kann, das ist: er kann aufhör’n,
    nämlich dann, wenn die Sonne scheint.

    Eines Tags sah ich sie marschieren
    hinter neuen Fahnen her.
    Und viele der Unsrigen sagten:
    Es gibt keinen Klassenfeind mehr.
    Da sah ich an ihrer Spitze
    Fressen, die kannte ich schon,
    und ich hörte Stimmen brüllen
    in dem alten Feldwebelton.
    Und still durch die Fahnen und Feste
    floss der Regen Nacht und Tag.
    Und jeder konnte ihn spüren,
    der auf der Straße lag.

    Sie übten sich fleißig im Schießen
    und sprachen laut vom Feind
    und zeigten wild über die Grenze.
    Und uns haben sie gemeint.
    Denn wir und sie, wir sind Feinde
    in einem Krieg, den nur einer gewinnt.
    Denn sie leben von uns und verrecken,
    wenn wir nicht mehr die Kulis sind.
    Und das ist es auch, weswegen
    ihr euch nicht wundern dürft,
    wenn sie sich werfen auf uns, wie der Regen
    sich auf den Boden wirft.

    Und wer von uns verhungert ist,
    der fiel in einer Schlacht.
    Und wer von uns gestorben ist,
    der wurde umgebracht.
    Den sie holten mit ihren Soldaten,
    dem hat Hungern nicht behagt.
    Dem sie den Kiefer eintraten,
    der hatte nach Brot gefragt.
    Dem sie das Brot versprochen,
    auf den machen sie jetzt Jagd.
    Und den sie im Zinksarg bringen,
    der hat die Wahrheit gesagt.
    Und wer ihnen da geglaubt hat,
    dass sie seine Freunde sind,
    der hat eben dann erwartet,
    dass der Regen nach oben rinnt.

    Denn wir sind Klassenfeinde,
    was man uns auch immer sagt:
    Wer von uns nicht zu kämpfen wagte,
    der hat zu verhungern gewagt.
    Wir sind Klassenfeinde, Trommler!
    Das deckt dein Getrommel nicht zu!
    Fabrikant, General und Junker
    unser Feind, das bist du!
    Davon wird nichts verschoben,
    da wird nichts eingerenkt!
    Der Regen fließt nicht nach oben,
    und das sei ihm auch geschenkt!

    Da mag dein Anstreicher streichen,
    den Riss streicht er uns nicht zu!
    Einer bleibt und einer muss weichen,
    entweder ich oder du.
    Und was immer ich auch noch lerne,
    das bleibt das Einmaleins:
    Nichts habe ich jemals gemeinsam
    mit der Sache des Klassenfeinds.
    Das Wort wird nicht gefunden,
    das uns beide jemals vereint!
    Der Regen fließt von oben nach unten,
    und Klassenfeind bleibt Klassenfeind.

  4. Pingback: In eigener Sache und in Sachen Welt | opablog

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