gut zuhören

Hörstels Rede in Ramstein, 30 Minuten, lässt sich hören. Mahr als 8000 haben bisher das Youtube-Video angeklickt. Frei gesprochen, kenntnisreich, informativ. Er polemisiert und scheut zugespitzte politische Wertungen nicht. Den Zuhörern (dem Volk?) gefällt’s. Es ist fast ein Rundumschlag durch die Weltpolitik, doch wenn er schließlich auf den 9. Mai, Tag des Sieges, in Moskau zu sprechen kommt, findet er berührende Worte der Friedenssehnsucht.

Und dann gibt es Nuancierungen, die es wert sind, bedacht zu werden. Er verschweigt sozusagen das Kleingedruckte nicht. Und in der Freude darüber, dass BRD-Friedensbewegte sich endlich offensiv gegen die NATO und die herrschende USA/EU-Politik stellen, verzichte ich nicht darauf, genau hinzuhören.

Ich finde es erfreulich, dass Hörstel die Zweideutigkeit der Anti-NATO-Position der Gysi-Linken attackiert (ab Minute 21:50). Die rabulistischen Techniken Gysis werden leicht verkannt. Andererseits stellt aber auch er die Anti-NATO-Position des „Grundsatzpapier(s) der Friedensbewegung 2015“ (das er mit keinem Wort erwähnt !) in seinen recht eigenwilligen Zusammenhang. Der Komplett-Austritt der BRD wird ihm verhandelbar. Ob es nicht der Austritt aus den militärischen Strukturen auch tut, zumindest für den Anfang? Ich will nichts falsch interpretieren. Doch eines ist klar: Hörstel spricht als Führer einer Partei „Deutsche Mitte“ (ab Minute 9:50) – wie bedeutend oder marginal die derzeit ist, tut nichts zur Sache – und als solcher hat er detaillierte Vorstellungen zur Stärkung der militärischen Macht Deutschlands in Freiheit von den USA.

Eigentümlich äußert er sich zum Abzug der US-Truppen aus Deutschland (ab Minute 6:30). Es müßten ja gar nicht alle ‚raus. Zehn Prozent etwa könnten bleiben. Und dann könnten auch noch Russen oder Chinesen Stützpunkte in Deutschland bekommen (ab Minute 12:50). Alle sollen sie dafür an Deutschland gut bezahlen. Das Schönste aber sei, dass damit ein Krieg sozusagen strukturell unmöglich würde. Verwundert frage ich mich, was die vielen (freundlich kooperierenden) Truppenkontingente in Deutschland sollen. Den Angriff der Mondbewohner parieren?

Bezeichnend seine Bemerkung (ab Minute 5:15), dass in Zeiten des Kalten Krieges die Präsenz der USA in Europa dafür sorgte, „dass die Sowjetunion keine Vorwärtsgelüste bekam“. Das sei, zumindest halbwegs, okay gewesen. Hörstel stellt den antikommunistischen Grundkonsens vergangener Zeiten nicht in Frage, auch heute nicht. „Sind doch olle Kamellen“, wird mancher denken „müssen wir jetzt nicht mehr ausdiskutieren“. Mag sein. Doch für mich gilt, dass meine antiimperialistische Position gegen die aggressive Politik der USA seit 1945 bedeutet, dass ich auch heute meine Kritik der USA-Politik anders begründe, in anderen Kontext stelle und mit anderer Perspektive betrachte, als etwa ein Sprecher des „Deutschen Mittelstands“. Anders und doch übereinstimmend im Kampf gegen die Kriegsgefahr! (Übrigens, wer sich ausgiebig über den Kalten Krieg informieren will und darüber, „Wie der Mono-Imperialismus in die Welt kam“, sei auf die zwei Bände von Peter Priskil verwiesen.)

Ich verstehe die Interessenvertreter des deutschen Kapitals, die keinesfalls die große eurasische Perspektive verpassen wollen, Stichwort „Neue Seidenstrasse“. Gemeinsam mit dem russischen und chinesischen Staats-/Grosskapital einen schier unendlichen Zukunftsmarkt ausbeuten! Und das ohne einen Schuss Pulver! Das ist ein Traum; ja, vielleicht sogar der geheime Traum von einer neuen Art Weltgeltung Deutschlands. Und trotzdem ist es für mich Antikapitalisten nicht schwer, heute dafür Partei zu nehmen. Denn die Alternative ist der große Krieg, der Nuklearkrieg, den Washington und seine Transatlantiker ansteuern.

Anders, ja in mancher Hinsicht gegensätzlich, und trotzdem auf gemeinsamer Kundgebung – geht denn das? Ich frage zurück: Geht Politik überhaupt anders? Gewiss ist es schön, Kampfgefährten zu haben, politische Freunde, mit denen mensch „durch dick und dünn“ geht. Politik aber ist Interessenvertretung, Und wenn unterschiedliche Interessen in Bereichen übereinstimmen (und sei es nur zu 30%), dann ist in diesem Rahmen gemeinsame Politik möglich. Alles andere ist Romantik oder Schreibtischdenken. Haben wir nicht die Erfahrung der Anti-Hitler-Koalition, das Bündnis der Sowjetunion mit imperialistischen Großmächten? Das war ein historisches Ereignis voller Widersdprüche aber doch unbestritten von überragender Bedeutung für die Vernichtung des deutschen Faschismus und damit die Beendigung des Weltkriegs. Auch heute ist das Bündnis der Friedenskräfte alles andere als ein Klostergelübde. Es ist ein Bündnis gegen die Kräfte, die zum Krieg treiben und für die, die den Frieden zu bewahren suchen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

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Eine Antwort zu gut zuhören

  1. icke schreibt:

    Klar, bei aller Kritik an den Zuständen hält Hörstel den Kapitalismus doch für reformierbar, demokratisch, „mit menschlichem Antlitz“. Ein Kommunist oder Marxist ist er gewiss nicht.

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