Die Linke und der Scharfrichter

In den letzten Tagen und Wochen habe ich mehr Begegnungen mit politisch aktiven Menschen gehabt als üblich. Ich hatte starke Eindrücke, und es drängt mich irgendwie eine Summe zu ziehen. Es handelte sich um mehrere Veranstaltungen mit Berliner Freidenkern und ihren Gästen, um eine Beratung der Bundestagsfraktion der Linken mit Friedensbewegten, um die Jahresversammlung der Genossenschaft der „jungen Welt“ und um etliche weitere Begegnungen in kleinerem oder größerem Rahmen.

Es ging um viele Themen aber eigentlich ging es immer um Krieg oder Frieden. Zugespitzt möchte ich sagen, dass es (zumindest in unserer Zeit) ohne die lebensbejahende Antwort auf „Krieg oder Frieden“? keine weiteren Fragen gibt.

Wenn es jemals eine Zeit gegeben haben sollte, in der mensch für die Revolution kämpfte und der Frieden außerdem ein hohes Gut war (oder aber der Krieg von manchen sogar als der Revolution förderlich angesehen wurde), so ist diese Zeit unendlich lange her.

Mir scheint es, dass die Kriegsfrage der Scharfrichter für das übliche linke Denken ist. Mindestens seit 1914, damals aber, genau genommen, war es nicht die Kriegsfrage selbst, sondern erst die mehrjährige Erfahrung des verbrecherischen Krieges. Zwei, drei, vier Jahre brauchte es, bis die deutsche Liebknecht-Luxemburg-Linke sich von der Traditionslinken SPD mit aller Konsequenz trennte. (Lenin hatte die vergleichbare Trennung bekanntlich bereits 1902 vollzogen. Das machte eben seine Qualität gegenüber der üblichen Linken aus.)

Heute ist die Kriegsgefahr sehr groß, ungeheuer groß, obwohl wir nicht wissen, wie groß genau. Doch ich glaube, dass genau in unseren Tagen die Frage Krieg oder Frieden erneut ihre Scharfrichterrolle im linken Gemenge zu spielen beginnt. Der voraussichtliche Richterspruch verlangt starke Nerven. Das Zahlenverhältnis von 1:100 während Liebknechts „Nein“ 1914, wird heute, fürchte ich, nicht prinzipiell anders ausfallen. Die radikalen Friedenskräfte sind heute bei der Linken, in der Friedensbewegung, in linken Medien in einer verschwindenden Minderheit.

An der Dreieinigkeit der folgenden Kriterien sind die radikalen Friedenskräfte zu messen:

– Zu ihnen gehören ALLE, die nicht Faschisten sind oder mit Faschisten offen oder verdeckt paktieren.

– Es sind die Kräfte, die als entscheidende Kriegsursache aufdecken… das Interesse der aggressivsten Gruppen des Finanzkapitals/Monopolkapitals, das in der NATO formiert ist.

– Es sind die Kräfte, die ein offenes Bündnis mit allen Kräften bzw. Mächten eingehen, deren Politik auf Friedenserhaltung gerichtet ist – an erster Stelle Russland und China.

Wenn ich die Entscheidung der Traditionslinken (Liebich, Bartsch, Gysi, Wagenknecht), der Traditionsfriedensbewegung (all die Totengräber des Friedenswinters), der etablierten linken Medien (einschl. „junge Welt“) für eine radikale Friedensposition (die selbstverständlich Ken Jebsen einschließt) mit Skepsis beurteile (um nicht gleich von Hoffnungslosigkeit zu reden), dann ist natürlich die Frage zu beantworten:

Finden wir den Weg aus der selbstverschuldeten Hoffnungslosigkeit?

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6 Antworten zu Die Linke und der Scharfrichter

  1. Joachim Bode schreibt:

    Für mich ist nur wenig nachvollziehbar, Frau Wagenknecht in der Friedensfrage (aber nicht nur da) in einem Atemzug mit den drei weiter Genannten eingeordnet zu sehen.

    Kenne ich etwa die Position von Frau Wagenknecht zu wenig?

  2. Wolfgang schreibt:

    Auch die drei anderen würde ich nicht einfach in eine Reihe stellen. Am radikalsten ist außen Frage Sahra Wagenknecht. Ihr geht es wahrlich nicht ums mitregieren, ums regieren ja, aber das Umfeld muss stimmen. Das kann ich nicht erst dann stimmig machen. Wer das glaubt, auf Bundesebene, der hat schon verloren. Gysi hat sich in Bielefeld eindeutig und zweifelsfrei geäussert- er hat sich eingereichtet im Sythem, Punkt. Liebig halte ich für einen „rechten Linken“ – links blinken und dann aber mitmachen. Und Bartsch fühlt sich auch regierungsreif, aber, mal sehen.

  3. Pingback: Diskussionsverweigerung oder Geht Opa jetzt unter die Radikalinskis? | opablog

  4. Timothyus Grassi schreibt:

    Radikal finde ich es allenfalls, wie unverhältnismässig häufig Frau Wagenknecht bei den „Diskussionen“ im „Öffentlich-Rechtlichen“ eingeladen wird. Dass die Linke trotz des ständigen Wählerbetrugs durch die „Sozialdemokraten“ keinen relevanten Zuwachs bekommt, hat seine Gründe, aber zu denen gehört sicher nicht eine mangelnde Medienpräsenz. Die tatsächlichen Hintergründe für die seinerzeitige Rochade Oskar Lafontaine´s zu der Linken wurde leider nur von den wenigsten begriffen. Wenn die Linke nur halbwegs ihren Job machen würde, dann wäre sie mit den verloren gegangenen SPD-Stimmen inzwischen bei mindestens 40%.

    • Lutz Lippke schreibt:

      Ich halte die 40% deshalb für unrealsitisch, weil sich auch die Linke meist „nur“ am Status Quo abarbeitet und in Teilbereichen sogar bequeme Nischen und Pölsterchen im Jetzt und Hier besetzt. Ich würde z.B. einer Wagenknecht oder Dagdelen nicht persönlich vorwerfen, dass sie sich immer wieder an den Intrigen der Anderen abarbeiten müssen. Es raubt aber Energie und Zeit, die eigentlich für positive Zukunftspläne und Mitstreitersuche benötigt wird. Zukunftspläne müssten sowohl systematisch als auch lebensnah entwickelt und überzeugend dargestellt werden, damit Wähler dem Vertrauen schenken können. Im Hintergrund spinnen aber eher die Atlantiker und diversen Nischenbesetzer ihre Fäden und sedieren ernst gemeinte fundamentale Gesellschaftskritik zur Kolumne der Wochenendbeilage für Besserleser. Protestwahlpotential wird wohl erst an die 40% rankommen, wenn alles im Eimer und kaum noch Gestaltung möglich ist.

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