„früh vollendet“

Dass ein Mensch als „früh vollendet“ bezeichnet wurde, ist mir 1954 erstmals begegnet. Das war die Zeit, als ich den Naumburger Meister für mich entdeckte. (Die allererste Anregung dazu gab mir der DDR-Schulunterricht.) Meine Verehrung war so groß, dass ich im Sommer 1955 von meinem Ferienort nahe Ilmenau mit dem Fahrrad aufbrach, um die Bildwerke des Meisters und den Dom in Naumburg intensiv kennen zu lernen. Ich trieb mich stundenlang dort in dem und um das Bauwerk herum und war tief beeindruckt, obwohl die Bildwerke überraschend weit entfernt waren. Aus der Nähe und im Detail hatte ich sie aber längst studiert, nämlich an Hand des Buches „Der Naumburger Meister“ von Paulus Hinz. 

Und eben dieser Autor Paulus Hinz erwähnte den „früh vollendeten“ Erdmann-Michael Hinz. Ich weiss noch, dass mich, ohne Näheres über dessen Schicksal zu erfahren, die Einordnung als „früh vollendet“ störte. Daraus glaubte ich, eine Art Anmaßung zu verspüren. (Heute verrät mir Wikipedia, dass der talentierte Sohn Erdmann-Michael, geboren 1933, 17-jährig von einem Lastwagen überfahren wurde. Das Buch von Paulus Hinz erschien 1951.)

„Früh vollendet“ – immer wieder erfährt mensch von Künstlerschicksalen; Künstler, oft noch junge, die Ahnungen verspürten, ungewöhnlich ernste Werke schufen und tatsächlich bald darauf starben. Schuberts „Winterreise“ ist eines der berühmtesten Beispiele unter vielen anderen. Ich stehe außen und lerne die Lebensumstände des Künstlers kennen und zugleich sein Werk und darf Zeuge, fast Teilnehmer, dieser geheimnisvollen Verschränkung von Leben und Tod sein. Versteht sich, dass mich (eingefleischten Atheisten) die religiöse Banalisierung/Übermalung dieses menschlich ausgedrückten Tiefstinneren, nicht ganz Begreiflichen, nie bewegen konnte.

Mensch muss nicht zu Beispielen aus der alten Großkunst greifen. Tamara Danz und Gerhard Gundermann gehören auch zu denen, die uns Zurückgebliebene traurig machen, da sie sich allzu früh vollenden mußten.

Und heute wieder stieß ich auf früh Vollendete, die eigentlich früh Abgebrochene waren. Der Dichter Ernst Balcke schrieb so:

Von Brücken weiß ich, unter denen nie

die Schmetterlinge ihren Weg gesucht,

von Mädchenleibern, schlaff und ungelenk,

zu nichts – nicht Liebe und nicht Hass – verflucht.

 

Von Kähnen weiß ich, die durch Flüsse schleppen,

voll Schmutz und Stank, tagtäglich gleiche Frachten,

die nie ein Paar, von heiliger Glut entflammt,

in seliger Fahrt zu hellen Meeren brachten.

 

Von Bergen weiß ich auch, so hoch gebaut,

daß nie ein Vogel noch ihr Haupt umkreiste,

von Grotten, denen nie ein Sonnenstrahl,

die Kälte löste, welche sie vereiste.

Von Ernst Balcke, geb. 1887, wurden zu Lebzeiten kaum Gedichte veröffentlicht. Balcke war eng befreundet mit dem gleichaltrigen, ungleich berühmteren Georg Heym.

„Am Nachmittag des 16. Januar 1912 bricht Ernst Balcke beim Schlittschuhlaufen zwischen Lindwerder und Schwanenwerder in das Eis der Havel ein, schlägt mit dem Kopf auf, verliert das Bewusstsein und versinkt. Georg Heym, der seinem Freund zu Hilfe eilen will, bricht selbst ein und ertrinkt nach halbstündigem Todeskampf. Während Heyms Leichnam am 20. Januar gefunden wird, kann der Körper Ernst Balckes erst am 6. Februar geborgen werden.“ 

So steht es im 20. Bändchen der Reihe „Versensporn“, das Ernst Balcke gewidmet ist.

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Übrigens, als ich damals, 1955, von meinem sommerlichen, mehrtägigen Fahrradausflug Ilmenau-Naumburg-Leipzig-Ilmenau wieder bei Oma ankam – völlig erschöpft, völlig ausgedörrt – wartete ein einzigartiger, bis heute unvergesslicher Genuss auf mich – eine Halbliterflasche Bier.

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