Den Russen danken?

Das mit dem Bedanken fiel mir immer schwer. „Nun bedank‘ dich mal schön!“ gehört für mich zu den unangenehmsten Situationen aus Kindertagen.

Später traf man in der DDR unweigerlich auf die Zeile: „Dank Euch, Ihr  Sowjetsoldaten!“ von Johannes R. Becher. Ich nahm einen Befehlston wahr, dass mir erst einmal das Gedicht in der Kehle stecken blieb.

Noch später hörte ich es als Lied, von dem bewunderten Ernst Busch gesungen. Eins der „Neuen deutschen Volkslieder“ von Hanns Eisler nach Texten von Becher. Manche dieser Lieder liebte ich sogleich, und als unser Musiklehrer bemängelte, dass Volkslieder im Laufe langer Zeiten im Volk entstünden und also nicht einfach so geschrieben werden könnten, da – Sowjetsoldaten hin oder her – protestierte ich energisch.

Was „den Russen“ oder „der SU“ zu danken sei, wurde zu einem nie versiegenden Thema, besser gesagt Bestandteil meines DDR-Lebens. Ich glaube, es ging Vielen so.

Immerhin war es schon 1950, dass mein Vater einen dicken Band Gorki kaufte, und so verschlang ich mit 11 Jahren „Meine Kindheit“, „Unter fremden Menschen“, „Meine Universitäten“, „Konowalow“. Und als ich 13 Jahre alt war schenkte mir der große Peter E. Gorkis „Mein Weggenosse“ in einer Ausgabe von 1923. Da war es noch lange hin, bis ich den grandiosen „Klim Samgin“, vier Bände, kennen lernte….

….

Ich merke, wie ich weiter und weiter schreiben könnte. Es würde eines der längsten Postings all der Blogjahre werden…

Das Kind hatte so Unrecht nicht, wenn es „sich zierte, „danke“ zu sagen“. Entweder war da kaum Dankbarkeit, und das Lippenbekenntnis war unter meiner Würde. Oder es war große Dankbarkeit, so dass das Herz nicht „auf Kommando“ Ausdruck finden konnte.

Die Entdeckung der Russen, der Sowjetunion währte mein ganzes Leben. Diese Welt wurde ein Teil von mir. Sie konnte nur sein zugleich die Entdeckung des deutschen Antifaschismus oder – um es nicht negativ zu sagen – der Deutschen Humanität. Wie soll ich mich bei einem Teil von mir selbst bedanken? So wird meine Dankesäußerung stiller, bis die Rede ganz verstummt. „Denn nah ist, und schwer zu fassen…

Doch einen muss ich noch nennen, bevor ich diese Sätze beende; den Russen, den ich nicht ausschöpfen konnte (wie es mir im deutschen mit Hölderlin gegangen ist). Es ist Andrej Platonow. Das Werk heißt „Tschewengur – Die Wanderung mit offenem Herzen“.

Ich verneige mich vor diesem großen Volk.

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Eine Antwort zu Den Russen danken?

  1. Stresstest schreibt:

    … dem, was Dr. Kurch oben im letzten Satz zum Ausdruck brachte, schließe ich mich an. Und ich bin auch sehr erfreut und dankbar dafür, dass es so viele kluge Ostdeutsche gibt, die den unumstrittenen Beitrag der Roten Armee und der Russen, der die endgültige Entgleisung der Menschheitsgeschichte vor 70 Jahren verhinderte, offen und öffentlich würdigen.

    In meiner neun Jahre langen musikalischen Ausbildung habe ich Rachmaninow, Tschaikowski, Strawinski, Prokofjew, Mussorgski, Rimskij-Korsakow, Borodin, Chatschaturjan gehört, gespielt und gesungen, und auf diese Weise die Kultur Russlands kennen und schätzen gelernt. Insbesondere, weil einige der gerade erwähnten Namen prägend und richtungsweisend für die moderne klassische Musik waren.

    Vor ca. 15 Jahren hörte ich mehr oder weniger zufällig ein Pop-Lied, gesungen von der in Ostberlin geborenen Sängerin Jeanette Biedermann (muss nicht jeder kennen). Bereits nach dem ersten Takt erkannte ich die Musik-Anleihe aus der „Prinz Igor“-Oper von Alexander Borodin. Es war 1978 oder 1979 als der Chor unserer Musikschule in der polnischen Stadt Kalisz zusammen mit dem Staatlichen Symphonie Orchester unter Leitung unseres Rektors, Andrzej Bujakiewicz, eben die „Polowenzer Tänze“ aus dieser Oper übte. Danach gab es ein einziges Konzert, bei dem unser Chor mit einem Männerchor der Sowjetischen Armee im wahrsten Sinne des Wortes „verstärkt“ wurde. Der Effekt war gewaltig, das Erlebnis blieb unvergessen. Unser Konzert wurde leider nicht aufgenommen. Wer mag, der kann sich dieses Musikstück unter diesem Youtube-Link ansehen und anhören:

    Übrigens, die Handlung dieser Oper verortet man in der historisch trächtigen Region der heutigen Ostukraine.

    Stresstest – „Großraum Krefeld“

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