Eskalationswissenschaft

Da wir „zivilgesellschaftlich“ gebildet sind, wissen wir, wie „bunte Revolutionen“ vorbereitet und durchgeführt werden. Dem Interessierten ist „Otpor“ längst ein Begriff (Wikipedia ist dazu durchaus inf0rmativ), und auch Gene Sharp, den US-amerikanischen Theoretiker dieses ganzen Konzepts, hat man zur Kenntnis genommen.

Doch Jugoslawien ist vergessen, die bunten Revolutionen waren meist „weit hinten, in der Türkei“ und Gene Sharp blieb Lehrbuchstoff.

Das sollten wir schnellstens und gründlichst ändern.

Wir – alle die heute hier eine demokratische, humanistische, friedliche Politik wollen – haben zu lernen, dass die Gesellschaftssteuerung durch die Machthaber (und das ist zur Zeit neufaschistische Kriegssteuerung) nicht nur vor unserer Haustür, nein, in unserem Wohnzimmer stattfindet.

Was wir am Fall Ukraine lernen können

– die Arbeitsteiligkeit bei der Strategieumsetzung. Der Maidan 2014 hat dies bilderbuchmäßig vorgeführt: Jedes agierte zu seiner Zeit – Massen der Demokratiebürger; kämpferische Aktivisten der gewaltfreien Bewegung; empörte Aktivisten leichter und symbolischer Gewalt; die Gewalttätigen ohne Tote; die trainierten Einheiten „für’s Nasse“.

– das Setzen von Triggerpunkten – u.a. die Schüsse auf dem Maidan; Massaker (Korsun, Odessa);

Krim und Novorussia zeigen aber auch die Grenzen des „zivilgesellschaftlich gedeckten Faschismus“ gegenüber einer intakten Staatsgewalt, die sich auf motivierte Antifaschisten (und Nationalisten) stützt. Nach aller Eskalationslogik musste nun das Imperium staatliche Macht mobilisieren, um die durch die Faschisten erstürmten Positionen zu halten und auszubauen. Diese staatliche Gewalt nannte Poroschenko „Anti-Terror-Aktion“, und sie erreichte ihr Ziel auch im zweiten Anlauf nicht. Das Imperium setzt alles daran, weitere Gewalt gegen Novorussia und die  Krim zu entfesseln und wird dazu weitere Stellvertreter mobilisieren.

Blick zurück von der Ukraine auf uns.

Wir – die Friedensbewegung, die Linke (beide verstanden als Ganze, einzelne Persönlichkeiten sind nicht gemeint) – verstehen nichts von dem, was bei uns in der Ukraine vor sich geht. Beweis: Wir nehmen nicht eindeutig und mit aller Konsequenz und also Konkretheit Partei gegen die faschistisch konnotierte Seite.   

Die faschistisch konnotierte Seite besteht aus den bürgerlich-demokratisch verfassten, rechtsstaatlich gebürsteten westlichen Mächten (USA, EU usw), die sich systematisch faschistischer Kräfte an entscheidenden Punkten und Abschnitten bedienen (und bedienen müssen).

Viele Friedensbewegte, Linke, Humanisten wollen diesen tödlichen Zustand beenden aber sie können es nicht. Sie können es nicht, weil

– sie den Zustand unserer Gesellschaft nicht tief genug begreifen (obwohl viele Einzelne die Lage absolut richtig und gründlich begreifen)

– und weil sie keine brauchbaren Kommunikations- und Organisationsformen haben, in denen die vorhandenen lebensnotwendigen Erkenntnisse zu gesellschaftlicher Macht werden können, nicht zuletzt dadurch, dass die Setzungen und Einwirkungen der Gegenseite erkannt und unschädlich werden.

Aus knapp zwei Monaten Diskussion um den Friedenswinter habe ich gelernt: Die vorhandenen Organisations- und Kommunikationsmittel (die das System überreichlich kostenlos zur Verfügung stellt) erweisen sich in Wahrheit als Desorganisations- und Diskommunikationsmittel. (wobei ich glaube, dass das nicht zwangsläufig ihre Natur ist, sondern durch unseren Gebrauch bedingt ist.)

Marx wirkte für die praktische Emanzipation gemäß dem handwerklichen Zustand der Gesellschaft; mit mäßigem Erfolg.

Lenin wirkte für die praktische Emanzipation gemäß dem industriellen Zustand der Gesellschaft; mit zunächst durchschlagendem Erfolg.

Wenn wir zur praktischen Emanzipation beitragen wollen, müssen wir dem medial-digital-wissenschaftlichen Zustand unserer Gesellschaft gerecht werden. Wenn nicht, bleiben wir der praktizierten Eskalationslogik der Gegenseite hilflos ausgeliefert.

Wir brauchen VERBINDLICHE INHALTE; ZUSAMMENSCHLUSS; ÖFFENTLICHKEIT.

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5 Antworten zu Eskalationswissenschaft

  1. Helmuth schreibt:

    Hervorragend analysiert!

  2. WolleMV schreibt:

    Fast volle Zustimmung aber eines hast Du vergessen, Teile der Linken und der Friedensbewegung sind von Geheimdiensten durchsetzt, nicht nur inländischen. Das wird immer wieder dazu führen, dass man eher aufeinander losgeht, als etwas strukturell ändert. Solange Antideutsche, BAK Shalom, Maoisten, schwarze Antifa, Salonkommunisten usw. jeden denunzieren und fertig machen, der gegen ihre Agenda läuft, wird das sehr schwer. Die MSM sind da voll dabei und das ist kein Zufall.

  3. WolleMV schreibt:

    PS: Mein Papa hat immer gesagt, man soll positiv denken und nach vorn schauen. Hat schon mal jemand von den linken Theoretikern daran gedacht, dass „bunte Revolutionen“ eine linke Erfindung sind. 1974 haben das die Portugiesen erfunden(http://de.wikipedia.org/wiki/Nelkenrevolution). Das wurde von der dunklen Seite der Macht nur abgekupfert. Wir sollten das Konzept aufheben und für die gute Seite einsetzen. Wie wäre es mit einer bunten Revolution in Berlin? Na gut, als Farbe fällt mir da nur Violett ein, letzter Versuch und so. 😉

    • Stresstest schreibt:

      … @WolleMV,

      um die breiten Massen in Deutschland anzusprechen und zu erreichen, wäre eher „Sauerkrautrevolution“ die geeignete Namenswahl gewesen. Nur meine private und rein subjektive Meinung – versteht sich. Ansonsten volle Zustimmung meinerseits. Irgendwie muss die blutige Epoche des „amerikanischen Epressionismus“ doch beendet werden.

      Stresstest – „Großraum Krefeld“

  4. Thaelmann Fan schreibt:

    Mensch, Anfang der 80er : Gewerkschaften, bürgerlich Linke, Grüne, SPD Abweichler, Universitäten, Erwachsenenbildung, Berufsschulen, Gymnasien, pseudolinke Künstler (ok. erstmal um Knete zu machen), Sportvereine, kommunistische Gruppen, Ärzte / Rocker gegen Atomkrieg, Krefelder Appell und selbst die heute USA/NATO hörige Rheinische Post haben mitgemacht. Es war sogar Pflicht aufzustehen.
    Diese Organisationen gibt es noch, ODER ?

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