Hier irrt Reiner Braun

Vorspruch

Ich schätze Reiner Braun, auch wenn ich ihn persönlich nicht kenne, außerordentlich. Wahrscheinlich wäre ohne sein Wirken der Friedenswinter 2014/15 nicht zustande gekommen, diese Friedensinitiative neuer Qualität, die einen Anfangserfolg hinter sich und ihre große Zukunft vor sich hat. Meine hohe Wertschätzung schließt kritische Überlegungen keineswegs aus und wird durch diese nicht beschädigt. Das möge man mir in heutiger misstrauensgesättigter Zeit abnehmen.

Reiner Braun irrt, wenn er im Interview sagt: „Die Friedensbewegung ist eine basisdemokratische,… Bewegung….“ Wäre die Friedensbewegung wirklich basisdemokratisch, hätte sie die neuen Impulse aus der Basis im Jahr 2014 mühelos aufgenommen. Stattdessen hat sie Mauern errichtet. Einzelne, vielleicht viele, der lokalen Friedensorganisationen und -initiativen mögen strikt basisdemokratisch sein. Die Bewegung als ganze jedoch erscheint mir als schwer fassbares, diffuses Netz, in dem sichtbare aber auch unsichtbare Steuerungsvorgänge ihr Wesen treiben. Die Organisationen der Friedensbewegung haben sich bis heute fast ausnahmslos der „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“ verweigert. Was vor 40 Jahren fortgeschritten basisdemokratisch gewesen sein mag, reicht zu Zeiten von Web 2.0 nicht aus.

Reiner Braun irrt in der Begrifflichkeit, wenn er von „politischer Klasse“ oder subjektivierend von „die Politik“ spricht: „Das ist die zentrale Herausforderung für die politische Klasse, solange sie die angestrebte deutsche europäische Hegemonialrolle mit weltweitem Einfluss realisieren will.“ und: „Die Politik versucht ja auch alles, diese (die Gefahren für den Frieden – kpk) zu verniedlichen oder mit Feindbildern zu belegen.“ Solange es noch Politiker gibt, noch politische Journalisten, noch politischen Aktivisten, die gegen das deutsche Hegemonialstreben auftreten, kann „politische Klasse“ nur ein verschleiernder Begriff sein. Mit ihm wird der Gegensatz von Rüstungs- und Kriegsinteressenten einerseits und Friedensbewegten andererseits eingeebnet bis zur Unkenntlichkeit.

Reiner Braun täuscht sich meiner Meinung nach, wenn er glaubt, die gegenwärtigen Konflikte in der Friedensbewegung wesentlich mit mehr persönlicher Rücksichtnahme beim Dialog ausräumen zu können. „Wir müssen wieder aufeinander zugehen und versuchen, Konflikte und Kontroversen solidarisch zu überwinden.“ Es führt kein Weg daran vorbei, die Positionen und ihre Vertreter, die den Krieg fördern, rücksichtslos aufzudecken und nachzuweisen. Es gibt sie auch in der Friedensbewegung. Sicherlich nicht in der plumpen Form etwa eines Poroschenko 2014, vielleicht eher in der Subtilität einer vom AA gestützten, „humanistischen Förderung“ der bekannten „gewaltfreien“, „bunten“, „frühlingshaften“ Volksbewegungen.

Reiner Braun ist in einem friedvollen Irrtum befangen, wenn er sagt: „Steuern tun wir uns nur selber, aber wir werden sicher von der Politik und von bestimmten Diensten ziemlich genau beobachtet.“ Der Dienst, falls wir denselben meinen, ist als Bundesamt zum „-schutz“  bestellt (vor der gefährlichen Friedensbewegung) und nicht ein eingetragener Verein „Freunde der teilnehmenden Beobachtung“,

Ich weiss nicht, ob in diesem Satz Reiner Brauns, in dem er viele hochwichtige Dinge sagt, ein Irrtum steckt: „Ich bleibe aber dabei, die Friedensbewegung muss sich erneuern, nicht von den Inhalten, aber von ihrer Ausstrahlungskraft, ihrer Mobilisierungsfähigkeit, der Gewinnung neuer Mitstreiter_innen und mindestens teilweise auch in der Kultur des Umganges miteinander.“ Nicht von den Inhalten? Vielleicht gerade von den Inhalten! Vielleicht werden alle einzelnen Probleme leichter lösbar, wenn die Friedensbewegung gerade um ihre Inhalte neu und radikal streitet und sie neu bestimmt? (und dabei natürlich das Beste bewahrt).

Keinen Irrtum möchte ich Reiner Braun unterstellen, wenn er auf die Frage antwortet: „Haben Sie gelegentlich Gespräche mit Mitgliedern der Bundesregierung oder mit den Führungskräften der Parteien?“, wenn er sich (sinngemäß) dazu bekennt, auch bei „der Politik“ Lobbyarbeit für den Frieden zu machen. Das kann zweifellos eine nützliche Arbeitsrichtung sein. Sie ist freilich seit Ende Februar 2014 mit dem Risiko verbunden, auf deutsche Staatsbeamte zu treffen, die mit ukrainischen Faschisten kooperieren. Für mich wäre bei dieser Arbeit besonders wichtig (und damit komme ich auf den Anfang zurück), den basisdemokratische Charakter zu garantieren (um nicht zu sagen „die basisdemokratische Absicherung“). Ist die Basis laufend informiert? Kontrolliert sie? Diskutiert sie? Kann sie eingreifen?

Irren ist menschlich. Wer auf Irrtümer hinweist, kann sich natürlich auch irren. Man sollte drüber reden. Nur das „Unter den Teppich kehren“, das ist eigentlich ein Tötungsdelikt.

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8 Antworten zu Hier irrt Reiner Braun

  1. Albert A. schreibt:

    Tja, die Basis…
    Wer gehört zu der Basis? Ich nehme an, dass das die Basis entscheidet. Wahrscheinlich ziemlich locker. Oder wird die Basis z.B. von Ken Jebsen eindrucksvoll darüber aufgeklärt, wer nicht zu der Basis gehört? Hat die Basis von Anfang an darüber entscheiden können, wer bei den Montagsmahnwachen sprechen soll? Oder wurde die Basis mit den Rednern angelockt?

    „Ist die Basis laufend informiert? Kontrolliert sie? Diskutiert sie? Kann sie eingreifen?“

    Das sind sehr gute Fragen. Ein Schelm, wer diese Fragen nur an Reiner Braun stellt…

    • kranich05 schreibt:

      „Das sind sehr gute Fragen“ – danke für das Lob. Es gebührt eigentlich Lenin. Ich habe seine Formulierung nur etwas erweitert, ausgeschmückt.
      Er hat diese Fragen an ALLE gestellt.

    • Martin aus Mainz schreibt:

      Ken Jebsen betreibt eigentlich keinerlei Ausgrenzungen. Als Reporter wäre das auch wenig zielführend. Bei unserer Mahnwache in Mainz dürfen alle kommen, alle sprechen, alle diskutieren und alle kritisieren. Und alle bilden ihre Meinung in diesem Prozess selbst.

      • Albert A. schreibt:

        „Bei unserer Mahnwache in Mainz DÜRFEN alle kommen, alle sprechen, alle diskutieren und alle kritisieren.“
        Wer erlaubt das??? Dass alle DÜRFEN?

        Vielleicht handelt es sich nur um sprachliche Spitzfindigkeit, aber wenn ein Kneipenwirt sagt: „In unsere Kneipe in Mainz dürfen alle kommen, alle sprechen, alle diskutieren und alle kritisieren. Und alle bilden ihre Meinung in diesem Prozess selbst.“ dann nehme ich seine Aussage auch ernst. Meiner Erfahrung nach sorgen sich die Wirte nur um den FRIEDEN in ihrem Machtbereich, sonst darf jeder sagen und denken was er will… Und nur wegen dem Frieden wird jeder Störer rausgeschmissen. Bei einer Demo im garantiert öffentlichen Raum muss man die Störer mit befremdlichen Fahnen (leider???) tolerieren. Auch wenn man es nicht will…

        Ich hoffe, dass die Mahnwache in Mainz nicht gestört wird, es gibt schließlich viel zu tun…

        • Martin aus Mainz schreibt:

          Naja, wir erlauben es als „Betreiber“ der Mahnwache, indem wir ein offenes Mikro zur Verfügung stellen. Störer gibt es auch bei uns, neben Angetrunkenen auch schon mal die Aluhüte. Letztlich kann man aber mit allen reden und friedlich ist es bisher auch immer geblieben.

  2. Albert A. schreibt:

    wenn man sich vorher gut abstimmt, dann kann man die Basis auch überrumpeln:

  3. Peter Jüriens schreibt:

    Mascha Heinrich, ein freundlicher Einwand meinerseits: Bei „Wäre die Friedensbewegung wirklich basisdemokratisch, hätte sie die neuen Impulse aus der Basis im Jahr 2014 mühelos aufgenommen. Stattdessen hat sie Mauern errichtet.“ ist zu beachten: Die „organisierte“ traditionelle Friedensbewegung ist nicht die gesamte traditionelle Friedensbewegung. Der „Friedenswinter ist (leider, aber naturgemäß) kein Projekt ALLER Mahnwachen gemeinsam mit ALLEN auch nur organisierten Teilen der Traditionellen Friedensbewegung. Es gab und es gibt Vorbehalte in Teilen beider Bewegungsteile. Ich sehe es so: Als Friedensbewegung KANN man auch ALLE, die sich für den Frieden einsetzen, deuten, unabhängig von Herkunft, Zeitpunkt ihrer Politisierung, oder Organisationsformen, wenn sie überhaupt welche oberhalb der lokalen Ebene aufweisen. Im Friedenswinter, der am 10. Mai mit einer Großkundgebung in Berlin in eine weitergehende und noch Entstehende Zusammenarbeit übergehen wird, kooperierten jeweils die Teile dieser Bewegungen, die sich – im wahrsten Sinne des Wortes – trauten. Ein Großteil der (in auffällig vielen Fällen ohne besonderen Grund einseitig negativen) Wortmeldungen zum Friedenswinter in Medien und Presse erfolgte von AUSSERHALB dieses Aktionsbündnisses. So kommt es zu der Diskrepanz in der Einschätzung, die die sich nun vernetzt und kennengelernt Habenden FriedenswinteraktivistInnen haben, und der der lieber Draussengebliebenen Die paar von Anfang an vorhandenen „linksskeptischen“, oder die paar tatsächlich zu wenig rechtsextremismuskritischen oder reichsdeutschenoffenen, oder die „Alten“ für zu inaktiv haltenden Mahnwachler, und diejenigen AktivistInnen der organisierten „Traditionellen“, die die Mahnwachen sowieso von Anfang an permanent misstrauisch beäugten, den Aktionen des Friedenswinters ebenso wie genau die Mahnwachler, die sie womöglich meinten, fernblieben, und nach Hörensagen / anlässlich der Kritik an z.B. der Person Jebsen oder von BANDS wie der „Bandbreite“ in toto ablehnten und immer noch ablhenen waren sich seit Oktober einig: Friedenswinter doof. Sie haben das seit Monaten immer wieder abgespult, und sie tun das noch, während sie hartnäckig verweigern, irgendeine direkte Erfahrung dazu zu gewinnen. Daß diejenigen, die es aus allererster Hand besser wissen, auch über den 10. Mai hinaus einfach weiter zusammenarbeiten werden, versteht sich ja von selbst. 🙂

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