Keine Worte oder „Der Kaiser ist ja nackt!“

Jeder kennt das Märchen des großen Hans Christian Andersen. Ein Kind spricht die Wahrheit aus, die alle Anderen verschweigen – so habe ich es bisher immer gelesen.

Vielleicht aber ist es anders. Das Kind findet das Wort, das niemand zu sagen wusste. Alle haben etwas gesehen. Doch es ist ein unbekanntes Wesen. Sie sind ratlos, es zu benennen. Oder sie sind wie unter einem Bann oder aus welchem Grund auch immer – sprachlos. Etwas spielt sich vor ihren Augen ab, aber was? Ihnen kommen altbekannte Begriffe in den Sinn aber die treffen es nicht gut. Manche schreien die Begriffe fordernd heraus aber damit vergrößern sie nur die Verwirrung. Vielleicht sogar wirbeln manche Leute absichtlich die verschiedensten Worte auf den öffentlichen Märkten herum, damit ruhiges Nachdenken und vernünftiger Disput gar nicht aufkommen? Verwunderlich, zumal Einige streng darüber wachen, welche Worte unbedingt verwendet und welche unbedingt gemieden werden müssen.

Ein Schwarzer (häufig ein Schwarzer aber nicht immer) geht in den USA über die Strasse. Er trifft auf Jemanden (der Jemand ist oft ein weisser Polizist aber nicht immer), und es kommt zu einem Wortwechsel. Der Schwarze dreht sich weg oder er rennt weg oder er hebt die Hände, egal. Dann wird er erschossen. Es sind mehrere Schüsse, drei ist absolutes Minimum. Das passiert in dem großen Land mehr oder weniger täglich. (Alle gucken es sich an.)

Ich weiss nicht, was das ist.

Ich finde, dass sich solche unbezeichneten Ereignisse seit einiger Zeit häufen (dass sie unbezeichenbar seien, behaupte ich jedoch nicht). Die Politikerin Timoschenko sagt, dass sie dem Präsidenten Putin in den Kopf schießen möchte. Der Präsident Poroschenko sagt, dass die Kinder des Donbass in Kellern vegetieren werden. Der Politiker Jatz schwurbelt, dass die Hitlerdeutschen von den Russen überfallen wurden. Nur drei Beispiele. Man könnte sagen: „Faschisten“. Doch wir (Naja, „wir“) empfangen sie, mit allen Ehren, und wir geben ihnen Geld für ihre guten Taten. (Alle gucken es sich an.)

Was ist das? Was sind diese drei und was sind „wir“?

Es lassen sich viele weitere Ereignisse anführen, vor denen die Begriffe (und selbst schon die Worte) versagen. (Eigentlich hatte mein Posting „Zirkus“ auch schon dieses Thema.) Zugleich wird buchstäblich wahnsinns-inflationär mit Wörtern herumgeprügelt. Alle Streitereien um die Friedensbewegung, den Friedenswinter und die Montagsmahnwachen sind voll davon. Sehr oft prügeln sich diejenigen bis zur Zerfleischung, die sich am nächsten stehen

Wer macht sich auf, das Wort zu finden, das „sie sollen lassen stahn“? Es gibt diese allzu Wenigen. Ja. Der Dichter, der meint, wir würden „in finsteren Zeiten“ leben, trifft nicht gut, was ich fühle. Vor allem UNWIRKLICH erscheinen mir die Zeiten.

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3 Antworten zu Keine Worte oder „Der Kaiser ist ja nackt!“

  1. Pingback: “Army go home!” – vom deutschen Protest gegen “Dragon ride” | barth-engelbart.de

  2. Helmuth schreibt:

    Hut ab! Respekt! Hervorragend und gescheit formuliert.

  3. Claudia schreibt:

    Es gibt viele Duckmäuser aus Angst vor Benachteiligung. Es wird sich unter der Angst weggeduckt und getan als ob nichts wäre. Und gehofft und gehofft. Von sich weggeschoben, es sind genug andere da, die sich dem Thema annehmen oder annehmen können. Nur nicht selbst rühren und nur nicht auffallen. Das ein Volk nur gemeinsam aufstehen kann der Gedanke interessiert anscheinend nicht. Dahinter stellen sich mir viele Fragen.

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