Ostermarsch – hab‘ ich ein wirres, leeres Ritual absolviert? – Nee!!

Im Lügenradio berichten sie von den „alljährlichen Ostermärschen“. Deutschlandweit würden „an Ostern wieder Menschen gegen Krieg, Rüstungsexporte und Atomwaffen“ auf die Strasse gehen. In der Stadt X seien es 150, in der Stadt Y gar 300, in Berlin 1000, vielleicht sogar 1500. Gratulation! Wie exakt und zutreffend können sie berichten…, wenn der Subtext lautet: In unserem so freien Land gibt es natürlich exotische Grüppchen, die sich mit sowas Abseitigem wie Krieg beschäftigen und jedes Jahr (fast osterhasenmäßig) durch die Strassen hoppeln. Und wir „Qualitätsmedien“ teilen es getreulich mit. (Als die Montagsmahnwachen Woche für Woche Tausende auf die Strasse brachten, war eisiges Schweigen im Blätterwald.)

Gehe ich hin? Mein Bedürfnis, hinter den immergleichen braven Losungen herzulaufen ist gering. Damit sie hämisch den 151. Teilnehmer melden?

„Geh ich hin? Geh ich nicht hin?“ Da soll ausgerechnet der Monty Schädel sprechen, das ist der, der seit Wochen verzweifelt schuftet, um den Friedenswinter zu begraben. „Ach, ich geh hin! entscheide ich schließlich. denn ich bin FÜR Frieden, und daran soll mich kein Schädel hindern.“

Schon bald treffe ich auf die Friedensfreunde von der Montagsmahnwache. (Bildquelle: hier)

om mahnw

Sie interessieren sich für den Freidenkerbrief, den ich bei mir habe. Sie sind nur Wenige. Wir Ostermarschierer sind überhaupt nur Wenige. „Weniger als vor einem Jahr“, sagen mir „alte Hasen“. Warum ist das so? Im Dezember, als wir Gauck auf die Bude rückten, waren wir wohl dreimal so viel. Warum war das so? Wir waren also auch damals zu wenige. Warum ist das so?

Unsere Demo ist langweilig. Wir latschen an dem Bundeswehr-Propagandaroom am Bahnhof Friedrichstrasse vorbei. Er ist vor unsereins schwer beschützt. Polizeier stehen davor und ihre Wannen, mit laufendem Motor, schirmen ihn völlig ab. Wozu? Niemandem, der ostermarschieret, fällt an dieser Stelle irgend etwas ein.

Unseren Rednern hören wir nicht zu. Wozu auch? Was sie sagen, wissen wir längst. Und sie wissen, dass wir wissen. Wir aber wissen, dass sie wissen,… Vielleicht sind wir in einem Spiegelkabinett, in einem politisch besonders hochwertigen. Bei Monty Schädel höre ich ein wenig hin. Während er redet, hat er so schön jovial die eine Hand in der Tasche. Wie ich das empfinde, sage ich nicht. (Die beiden Wörter, die ich dafür habe, fangen mit „a“ und „A“ an.) Er positioniert sich gegen die Militarisierung der Gesellschaft. Die gehe so weit, dass man den Bundis Krippenplätze hinterher schmeißt, während Andere daran Mangel leiden. Zum Schluß beteuert Schädel, dass es mit den Faschisten gar nicht gehe. Selbst, wenn der Faschist neben Dir steht mit derselben Losung auf dem Transpi, das geht gar nicht. Bevor der Monty erklären kann, welcher Halluzination er soeben erlegen war, ist er am Ende. Schütterer Beifall.

Ich finde hier einfach keinen Faschisten, von dem ich mich abwenden kann. Viele Mitmarschierer trage kleine Drucksachen bei sich, genau wie ich. Diese sind aufklärenden bis aufrüttelnden Inhalts. Manchmal tauschen wir sie. Doch ich setze meinen Ehrgeiz darein, meine Aufklärungsdrucke an Menschen zu verteilen, die nicht selbst Verteiler sind. Es gelingt oft, sogar fast immer.

Wenn es um einen solch wertvollen Wert wie den Frieden geht, sollte man sich nicht leichtfertig über die hier waltende Würde äußern. „Man“ sollte es nicht. Ich auch nicht. Wenn die Musik dort vorne Lieder von vor Jahrzehnten spielt, höre ich mehr als einmal, wie ein Mensch neben mir mitsingt oder mitsummt. Für sich allein. So singen Geschlagene; die ihre Herzen nicht besiegt geben.

Wir sind eine Menge. Und als Menge sind wir ein unklares Gebilde, unklares Geschiebe, ein Schlendern. (Wir sind ins Schlendern geraten, Man hält uns am Schlendern. Und wir lassen das Schlendern noch zu.) Doch die einzelnen Leute, die Grüppchen, sagen sehr deutlich, was sie wollen. Sie sind von einer hellen, unbotmäßigen Wachheit. Ich glaube, dass sie eine Menge Illusionen los sind. Als ich nach Hause gehe, kommt mir der Vers in den Sinn, den ich einst bei Becher gelesen habe („Wiedergeburt“), der aber von Gottfried Keller ist:

„Und ich erkannte: Ja, du bist ein Grab, Jedoch ein Grab voll Auferstehungsdrang.“

Ja, und was mich betrifft, ich habe auf diesem Ostermarsch die Freidenker getroffen. Die haben ihren Anteil daran, dass all das kein wirres oder leeres Ritual war. Schöne Zeit des mehr Friedenbewegens.

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Eine Antwort zu Ostermarsch – hab‘ ich ein wirres, leeres Ritual absolviert? – Nee!!

  1. Helmuth schreibt:

    Warum nur mißtraue ich den „amtlich bestellten“ Friedensbewegten, die dafür sorgen, dass die „Friedensbewegung“ komplett granuliert wurde? Unsere Politgarde müsste denen geradezu die Füsse küssen, weil sie so schön dafür sorgen, dass sich Menschen, die Zusammenhänge sehen und kapieren, ja nicht zu einer ernstzunehmenden Kraft entwickeln.

    Es gibt offensichtlich nichts, was neben den „Friedensgötter_*Innen“ existieren darf. Habe ich das gendergerecht, also idiotensicher,politisch korrekt geschrieben? Würde man gegendert denken, zumindest sich in die 62 Facebook-Geschlechter einordnen, bald noch mehr, dann wäre die Menschheit gerettet. Den ganzen Tag überlegen müssen, was man ist, lenkt so herrlich vom Denken über wirklich Wichtiges ab.

    Wir leben praktisch in „Die Anstalt“ und die „Friedensgötter_*Innen“ gerieren sich als die Anstaltswärter. Wer ausbrechen will, muss mit allen zur Verfügung stehenden soziotechnischen Instrumenten abgestraft werden.

    Wir werden mit Macht in einen heissen Krieg getrieben. Von wem? Wer ist der aktuelle Gott-sei-bei-uns, den es zu bekämpfen gilt, der die „Kammern“ schon beheizt, allerdings mit Green-Power? Ja , ich weiss, es ist garantiert das Duo Els. und Jeb. Dass ich mich vor denen absolut nicht fürchte, macht mich in den Augen der a. A. ( im Opa-Sinne) garantiert zu einem ….. Dreimal darf man raten oder einfach J.D. fragen, der einzigen authorisierten Decodiererin von „gecodeter“ Sprache.

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