Leichenfledderei – Update 30.3.2015

30.3.2015: Ich möchte heute noch zwei Bemerkungen zu dem Thema machen:

1. Nachdem die Systemmedien sich von der ersten Stunde an Unsägliches geleistet haben, ist es wohltuend, die „Erklärung in eigener Sache“ des von den „Qualitätsmedien“ durchweg geschmähten Portals „RTDeutsch“ zur Kenntnis zu nehmen.

2. Natürlich ist die Medienkritik völlig berechtigt. Doch Medien sind Instrumente. Die Kritik sollte nicht das ebenfalls völlig unakzeptable, mediengeile Verhalten der SpitzenpolitkerInnen vergessen. Dort in den Etagen sitzen die eigentlichen Chefs der Medienmaschine, genauer: die Chefs der Chefs der Medienmaschine.

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Ursprünglicher Text vom 25.3.2015:

– das „ausrauben, berauben, bestehlen, filzen, stehlen“ einer Leiche (Duden);

– „das „Ausrauben“ beziehungsweise „Ausplündern von Toten“ (Wikipedia), wobei „Plündern“ erläutert wird als „die Auswirkungen marodierender Personen, Banden oder Truppen“;

– „Leichenfledderei“ ist dem Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm unbekannt (selbst das „Leiche fleddern“ kommt nicht vor);

– „Ausplünderung toter oder schlafender Menschen“ (PONS, das Online-Wörterbuch);

Dass „Leichenfledderei“ im Grimmschen Wörterbuch nicht vorkommt, hat mich überrascht. Immerhin zeigt bereits der Teppich von Bayeux, 11. Jahrhundert (wie Wikipedia abbildet) eine Leichenfledderszene. Der Begriff aber scheint tatsächlich eine Erfindung des 20. Jahrhunderts zu sein. Aber damit nicht genug. Das 21. Jahrhundert ist dabei, dem Wort neue Bedeutungen hinzuzufügen. Zunehmend bezeichnet „Leichenfledderei“ einen Zustand, in den die Gesellschaft immer öfter aktiv versetzt wird. Gerade haben wir den Charlie Hebdo-Furor überstanden, da findet sich mit dem Absturz eines Lufthansa-Airbus, der 150 Todesopfer forderte, der nächste Anlass, eine ganze europäische Region in Raserei zu versetzen. Natürlich ist das die große Zeit aller Medien, vom billigsten Blatt bis zum Hochglanzmüll. Doch sollte beachtet bleiben, dass der Startschuss „ganz Oben“ gegeben wird. Angefangen von der „mächtigsten Frau“ sagen sämtliche Regierungen sämtliche Termine ab. Der Präsident, gerade auf der Südhalbkugel on Tour, eilt quasi schluchzend ans Mikrofon und in die Heimat. Eilig besteigen all diese unsere Herzensmenschen die Hubschrauber und begeben sich nichtsnutzig marodierend „vor Ort“. Ein Kotzspektakel.

Diese Fledderer ziehen nicht mehr, wie einst vor Stalingrad, der Leich‘ die Stiefel aus oder heute die schusssichere Weste. Nein, schon aus Selbstschutz bleiben sie möglichst weit weg von den Leichenresten, die Helfer nun tage- und wochenlang in Selbstüberwindung aus Felsspalten bergen. Die Fledderei ist subtiler und berechnender. Abgesehen davon, dass sie sich immer die passenden Toten aussuchen. All die anderen täglich getöteten Menschen interessieren einen Dreck. Abgesehen davon: Sie wissen, dass jeder normale Mensch von solcher Unglücksmeldung getroffen ist. Auch wenn kaum jemand (von den Zugehörigen natürlich abgesehen) wirklich trauert, hat das Ereignis doch eine enorme Suggestivkraft: So etwas könnte auch mich treffen, meine liebsten Menschen treffen! Schrecklich die Vorstellung!

Jeder kann sich hineinfühlen, und darauf spekulieren die Politkreaturen: Ich bin schon da! Ich bin dein Vorfühler! Ich bin du! Ich bin duer als du! Ich mach’s! Gerade in Trauer und Schmerz! Alternativlos!

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5 Antworten zu Leichenfledderei – Update 30.3.2015

  1. mal wieder da schreibt:

    Lieber Opa Kurch,
    vielen Dank für diesen Beitrag.
    Wie mag es den Angehörigen gehen, die überall mit aktuellen Nachrichten zwangsweise versorgt werden? Egal, wo ich mich heute in einer Großstadt bewege, überall sind doch diese Bildschirme oder Geräuschberieselung mit dem aktuellen Tagesgeschehen … und das ist seit gestern nur der Flugzeugabsturz.
    Und warum müssen irgendwelche PolitikerInnen vor Ort hinfahren und sich von den Rettungsarbeiten bzw. Bergungsarbeiten überzeugen? Wird deshalb präziser gearbeitet? Oder halten die Besucher mit den Kameras dann nur andere von der Arbeit ab?
    Die Diskussion könnte ja umgelenkt werden … wird jetzt der Berliner Großflughafen oder die 3. Startbahn in München wirklich ausgenutzt werden? Oder hinterlassen die Abstürze der letzten Zeit so viel Eindruck, dass nur noch dann ein Flugzeug bestiegen wird, wenn es wirklich sein muss?
    Schöne Zeit

  2. Joachim Bode schreibt:

    Opa bringt das „Duer als Du“ auf den Punkt.

    Letztlich macht das „Duer“ die Demokratie überflüssig.
    Hoch lebe Kaiserin Angela die Erste und Kaiser Joachim der Erste…. – mit Letzterem meine ich den Gaukler….

  3. Frieder Kohler schreibt:

    Opa, ich habe Dich hier http://www.schwaebische-post.de/regional/leserartikel/798920 weitergeleitet und hoffe auf Zustimmung. Wenn nicht tue ich Buße mit Naturalien! Danke für diese Punktlandung…

    • kranich05 schreibt:

      Ich freu‘ mich,
      1. überhaupt von Dir zu hören
      2. über Deine Weiterleitung und das heißt ja auch über Deine dortige unermüdliche Mitarbeit und
      3. über das Signal, gebraucht zu werden.
      Wegen der Naturalien bin ja wohl ich erstmal in der Schuld.
      LG
      kp

  4. Wolfgang schreibt:

    Ich sags doch, „alles auf Krawall gebürstet“. Der gesammte Medienrummel und die so genannte Anteilnahme gleich mit. Wo endet das alles? Spekulieren, spekulieren, es könnte, es dürfte, es sollte sein usf. Ekelhaft.

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