Linke Realitätsverweigerung – weiter zu dem Artikel „Formierte Gegenaufklärung“ in der „jungen Welt“

Erster Teil hier

Ich führe meine hier begonnene Auseinandersetzung mit dem Artikel von Sebastian Carlens weiter. Mein Vorwurf, grob zusammengefasst: Carlens gebraucht die Marxismuskeule, statt eine konkrete Analyse neuer gesellschaftlicher Entwicklungen zu liefern.

Er ist zunächst um marxistische (auch leninistische?) Methodik bemüht. Die verlangt eine dialektische Analyse sozialer Prozesse mit der Rolle sozialökonomischer Klassen im Mittelpunkt. Hervorgehoben zur Deutung der neuen „unklaren Bewegungen“ wird die Interessenlage der nichtmonopolistischen Bourgeoisie, dem populären Blick verkörpert in den „mittelständischen Familienunternehmen“. Sie sei(en) in mehrfacher Hinsicht unzufrieden  und Abstiegsängsten ausgesetzt. Unversehens geht der Autor vom nichtmonopolistischen Konzernherrn zum klassischen Kleinbürger/Selbstausbeuter über, der, seit SA-Zeiten bekannt, die Zinsknechtschaft hasst und Antisemit ist. Damit sind „die neuen Bewegungen“ im Wesen einheitlich bestimmt, nur unterschieden im jeweiligen „Budenzauber“ und ebenso ihre sumpfblütenartig schillernden Führerfiguren, die man am besten mit „Inflationsheiligen“ der 20-er Jahre vergleicht. (Diese Menschen explizit als Ebenbilder des frühen Adolf zu bezeichnen, erspart uns Herr Carlens. Es war bekanntlich Jutta Dittfurth vorbehalten, den „glühenden Antisemitismus“ des Jürgen Elsässer zu behaupten.)

Ich muss diese „Analyse“ als Brei aus Vulgärmarxismus und bürgerlicher-apologetischer Faschismuskritik bezeichen.

Der springende Punkt ist, dass Herrn Carlens‘ „marxistische Kritik“ den wichtigsten Sachverhalt außen vor lässt: Das ist die Rolle der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. (Meine Formulierung ist kein Zufall.) Auch wenn diese Elemente heute in der BRD herrschen, ohne eine offene, terroristische Diktatur auszuüben, geht jede Analyse fehl, die ignoriert, dass diese Kräfte den gesamten Bezugsrahmen des gesellschaftlichen Lebens setzen. Und sie setzen nicht nur einen Rahmen. Sie setzen brachial durch (was gegebenenfalls „Feinsinnigkeit“ nicht ausschließt), dass ihr Interesse an Krieg die gesamte Gesellschaft formiert und deformiert. (Ich habe mich hier im Blog mit dieser Kapitalfraktion unter dem Kürzel „GGG“, das Ganz Grosse Geld, wiederholt beschäftigt.)

Dieser marxistisch-leninistische Grund gelegt, ist alles Folgende eine Sache sorgfältigen Studiums der lebendigen Wirklichkeit und der Erarbeitung konkreter Schlussfolgerungen. Dazu gehört:

– die Identifizierung von Kapitalfraktionen (in- wie ausländische), die in der konkreten Situation NICHT an Krieg interessiert sind.

– die Identifizierung von Klassen, Schichten, Milieus usw. ABER AUCH von „Schwärmen“, Fließverhältnissen, die dem Kriegsinteresse zuarbeiten; so oder so oder so.

– vor allem aber die Identifizierung von Kräften, Gruppen, Menschen, DIE FRIEDEN WOLLEN, darunter Leute, die sich weder für rechts noch für links interessieren.

– das Begreifen der spezifischen Rolle von Persönlichkeiten – kein Mensch ist eine sprechende Klassenmaske.

Ich breche an dieser Stelle (vorerst) ab. Möchte aber diejenigen, die die alberne Bezeichnung „rechtsoffen“ benutzen, etwas provozierend fragen, ob sie sich Bedingungen vorstellen können, unter denen mensch für den Frieden sogar mit Faschisten zusammen arbeiten muss?

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4 Antworten zu Linke Realitätsverweigerung – weiter zu dem Artikel „Formierte Gegenaufklärung“ in der „jungen Welt“

  1. eschff schreibt:

    GGG diese Abkürzung gefällt mir: Das „Ganz Große Geld“ Ein sehr guter Artikel, finde ich.

  2. NurLogik schreibt:

    Hallo Opa,
    was ist wichtiger : einen Atomkrieg zu verhindern ? oder spalterisch (jutta ditfurt sei dank) links-rechts, auslaender-deutsche, alte-junge, angestellte-arbeiter, stalin-trotzki, arbeitslose-arbeitende, frauen-maenner; kLEINUNTERNEHMER- gEWERKSCHAFTSFÜRSTEN, Christen- Atheisten …. gegeneinander aufzuhetzen ?
    Wenn man die AtomkriegsgefaHR / ANGST VERBREITEN KÖNNTE; GÄBE ES SCHON LÄNGST wIEDERSTAND OHNE ENDE.
    Spaltern wie Dittfurth bin ich nicht mal böse, Die verdienen damit nur ihren Lebensunterhalt. Aber es ist schon zu viele Minuten NACH 12.

  3. eschff schreibt:

    Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Blaue Flecken am Knie führten zum Tod? Worauf ist das denn zurückzuführen?

  4. Pingback: Gift für den Friedenskampf | opablog

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