Tagebuchschreiber Erwin Strittmatter 1983, 1984, 1987

Eintragung vom 10. Dezember 1983: „Ich möchte meinen Lesern Texte vermitteln, die sie noch tiefer ins Nachdenken hineinreissen. Texte, die ihnen die Welt noch mehr als ein Ganzes zeigen; Texte, aus denen der Leser die Gewissheit erhalten soll, dass er dasein muss, dass die Welt ohne sein Hiersein zusammenbrechen würde.

Ich weiss nicht , ob ich mich klar genug ausgedrückt habe.“

Gewissheit, dabei sein zu müssen?? Rational begreife ich das; diese ungeheure Motivation aus einem Bewusstsein heraus, dass es ohne mich nicht geht. Aber ist das nicht viel mehr eine gewaltige Einbildung? Ich habe jetzt eher das Grundgefühl, dass es völlig belanglos ist, ob ich da bin oder nicht. Dabei empfinde ich meine Belanglosigkeit nur selten als belastend. Eigentlich bin ich mir (mit dem an Welt, was ich in mir habe) ziemlich still vergnügt selbst genug. Ich bin froh darüber, kein Atlas zu sein (mich nicht mehr diesem Anspruch auszuliefern).

Eintragung 23. September 1984: „RIESELREGEN FÄLLT. Die Blütenmauer auf der Brüstung der Loggia hat Löcher gekriegt. Sie zerfällt, wie jede andere Mauer mit der Zeit zerfällt. Die Blüten verwandeln sich zu Samen. In den Samen steckt die Ewigkeit. Das Kraut der Blumen verwandelt sich zu Humus. Der Humus lässt Samen keimen und kriecht durch Wurzeln in neue Pflanzen. Es wiederholt sich. Auch die Menschen wiederholen sich, nur ihre ICHS, die sie für so wichtig halten, wiederholen sich nicht.“  

Zeitlebens haben mich (Fach-)Wissenschaft, Philosophie/Weltanschauung und Kunst beschäftigt. Die Wissenschaft hat sich, glaube ich, oft vorgedrängelt. Die Philosophie habe ich primär als Wissenschaft betrieben, obwohl das Verständnis von Philosophie auch als Weltanschauung zumindest über einen engen Wissenschaftsblick hinausführt. Mit Freude und Befriedigung aber genieße ich immer wieder die Entdeckungen/Erklärungen/Umschreibungen, die die Kunst bietet bzw. der Blick des Künstlers. Im beweisfreien aber der Schönheit verpflichteten (und klugen oder gar weisen)  Verhältnis zum Wirklichen vereinen sich das Wahrhaftige und das Unaussprechliche.

Eintragung 12. Februar 1987: „Werden die Anti-Reformer Gorbatschow absetzen? Werden sie ihn umbringen?

Werden sich die Satelliten-Länder abspalten?

Wird Feindschaft zwischen ihnen und dem „grossen Bruderland“ ausbrechen? Wer wird uns dann die Rohstoffe liefern, von deren Veredelung wir leben? Glauben unsere Öberen, sie könnten sich selber gegen den geschmähten fürchterlichen Westen verteidigen? Was geschieht, wenn der Westen uns friedlich ökonomisch in seine volle Abhängigkeit bringt? Sind wir nicht längst halb abhängig von den geschmähten Kapitalisten?

Ich seh eine Krise kommen, aus der so oder so nicht nur Reformen, sondern Wandlungen herauswachsen werden.“

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Eine Antwort zu Tagebuchschreiber Erwin Strittmatter 1983, 1984, 1987

  1. Wolfgang schreibt:

    Auch ich bin in seinem Tagebuch hin und her gerissen. Lese allerdings schon nach der „Übernahme“ der DDR.

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