Das „Unfassbare“ fassen?

„Unfassbar“ = „empörend“, „erschreckend“, „entsetzlich“ – nicht um diesen emotional und moralisch aufgeladenen Begriff des Unfassbaren geht es mir. Ich meine ganz schlicht und wörtlich: Etwas ist so gross, dass es einfach nicht zu erfassen, zu umfassen ist. Diese alltägliche Erfahrung habe ich schon als kleines Kind gemacht, z. B., wenn ich hilflos vor einem Berg Essen sass, den ich mir vorher aufgeladen hatte. „Da waren die Augen wieder mal größer als der Magen“, sagte dann meine Mutter.

Du sollst und willst etwas erfassen, es stürmt aber in solcher Masse auf dich ein, dass du buchstäblich im Stoff ertrinkst. Spätestens mit dem Internet übersteigt die dir verfügbare Informationsmenge jedes menschliche Mass. Die schiere Menge erscheint als das Problem. Von den weiteren Schwierigkeiten, Desinformation zu erkennen und Informationsmüll abzutrennen, will ich gar nicht erst reden.

Schritt für Schritt habe ich meine persönlichen, zuverlässigen, problemorientierten Informationsbrücken ins Internet gebaut, denn ich will mich ja laufend qualifiziert orientieren. Es werden immer mehr, und jetzt sind sie so ergiebig, dass mein Tag 50 Stunden haben müsste.

So ist es mir dieser Tage ergangen: Per email wurde ich auf diesen Artikel hingewiesen: „Die Bundesagentur für Arbeit gegen die Meinungsfreiheit“ auf Christel T.‘ Blog. Es ist eine hochwichtige (wie ich beim „Anlesen“ merke) aber schier endlose Studie. Für mich besonders wichtig, weil im Detail gezeigt wird, WIE Datensammlung und Datenüberwachung von einer repressiven Institution für ihre Zwecke ausgeschöpft werden. LeserInnen können all das gern als Beschreibung eines Modellfalls begreifen.

Ich bringe nicht die Zeit auf, alles gründlich zu lesen, denn mich erreicht eine andere umfängliche Information: Putins angeblicher oder tatsächlicher Brief an einen populären russischen Unterhaltungskünstler auf „Stimme Donbass“. Es geht um eine gedrängte Gesamtdarstellung der Krise um die Ukraine, und abgesehen davon, dass sie polemische Wendungen enthält, die Vergnügen bereiten, sind darin sowohl weit gespannte Überlegungen, als auch zahlreiche Detailinformationen enthalten (oder „versteckt“) die gut sind zu wissen. Auch dieser Beitrag hat einen beträchtlichen Umfang. Und ich will doch nicht „Texte schlingen“. (Ich will überhaupt nicht, dass mein Leben von Informationsverarbeitung aufgefressen wird.)

Doch der nächste Beitrag wartet. Zwar nicht ganz so umfangreich aber auch nicht gerade ein Vierzeiler: „Uri Avnery: Die Rede“ auf „Lebenshaus“. Und wer den alten Uri Avnery ignoriert, ist wahrlich selber schuld.

Mühelos könnte ich in dieser Art weiterer Beispiele anführen. Liegt das Problem darin, dass eine Überfülle von Informationen (über Realität) produziert wird, während gleichzeitig sowohl ihre Konzentrierung (ihre „Verwesentlichung“) als auch ihr Umschlag in Realität (ihre „Realisierung“) unterbleibt? Es sind Informationsabläufe in einem schier unendlichen aber zugleich absolut flachem Netz. Es gibt keine bewusst herbeigeführte Hierarchisierung in diesem Netz! Momente von Hierarchisierung entstehen und vergehen zufällig. Aber ohne Hierarchisierung gibt es keine allgemeine Autorität. Und der Verzicht auf eine solche Autorität (unter Verweis auf den Vogelschwarm) ist für Gesellschaftskritiker, die es ernst meinen, ein Irrweg.

Mit dem Ziel der Selbstreflexion, Selbststeuerung und schließlich humanistischen Gestaltung der Gesellschaft haben die Aufklärer, Befreier und Revolutionäre seit der Mitte des 19. Jahrhunderts spezifische Organisationsformen entwickelt bzw. ausgebaut, namentlich die politischen Parteien. Progressive bzw. revolutionäre Parteien haben Historisches geleistet. Das sollten wir, seit vielen Jahren mit den widerwärtigen Verfallserscheinungen solcher Parteien konfrontiert, nicht vergessen. Ich glaube, solange es die Diktatur der 0,01% gibt, ist das Parteiprinzip nicht überholt. Es ist sogar unersetzbar. Ganz offen aber ist die Frage, wie das Parteiprinzip der Zukunft aussehen muss. Gelegentlich zuckt diese Frage auf, man denke an die „Piraten“. Aber dass die AufklärerInnen und Progressiven sich nachdrücklich und umfassend diesem Problem zuwenden, davon kann noch keine Rede sein. Leider geben in dieser Hinsicht auch die gegenwärtigen Konflikte in der Linkspartei noch kaum Anlass zu Hoffnung.

Dieser Beitrag wurde unter ökologisch, Bewußtheit, bloggen, Krise, Realkapitalismus, Revolution, Widerstand abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s