Willy Wimmer, zweimal gelesen – mit aktuellem Update (8.3.2015)

Man kennt seine zahlreichen aktuellen Statements. Sogar in der „jungen Welt“ kommt Wimmer zu Wort, dem Blatt mit den pubertären (?) Stänkereien gegen Ken Jebsen. Bei KenFM wurde W. W. mehrfach interviewt, hat sich dabei auch zu großen Fragen der deutschen Geschichte geäußert (wozu ich paar kritische Anmerkungen gemacht habe).

Wimmer spricht viel und anregend, weiss aber noch mehr (bei manch Anderen ist es umgekehrt). Ich bin der von ihm mehrfach erwähnten, hochrangigen aber eigentlich recht unbekannten Konferenz von Bratislava vom 28. bis zum 30. April 2000 nachgegangen.

Seine Eindrücke von den Positionen der amerikanischen Konferenzveranstalter fasste Teilnehmer Wimmer in elf Punkten zusammen und übermittelte diese in einem Brief am 2. 5. 2000 dem damaligen Bundeskanzler Schröder. Das sind die elf Punkte, ich zitiere den Text von Wikipedia:

„1. Von Seiten der Veranstalter (US-Außenministerium und American Enterprise Institute) wurde verlangt, im Kreise der Alliierten eine möglichst baldige völkerrechtliche Anerkennung eines unabhängigen Staates Kosovo vorzunehmen.

2. Von den Veranstaltern wurde erklärt, dass die Bundesrepublik Jugoslawien außerhalb jeder Rechtsordnung, vor allem der Schlußakte von Helsinki, stehe.

3. Die europäische Rechtsordnung sei für die Umsetzung von NATO-Überlegungen hinderlich. Dafür sei die amerikanische Rechtsordnung auch bei der Anwendung in Europa geeigneter.

4.Der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien sei geführt worden, um eine Fehlentscheidung von General Eisenhower aus dem 2. Weltkrieg zu revidieren. Eine Stationierung von US Soldaten habe aus strategischen Gründen dort nachgeholt werden müssen.

5. Die europäischen Verbündeten hätten beim Krieg gegen Jugoslawien deshalb mitgemacht, um de facto das Dilemma überwinden zu können, das sich aus dem im April 1999 verabschiedeten „Neuen Strategischen Konzept“ der Allianz und der Neigung der Europäer zu einem vorherigen Mandat der UN oder OSZE ergeben habe.

6. Unbeschadet der anschließenden legalistischen Interpretation der Europäer, nach der es sich bei dem erweiterten Aufgabenfeld der NATO über das Vertragsgebiet hinaus bei dem Krieg gegen Jugoslawien um einen Ausnahmefall gehandelt habe, sei es selbstverständlich ein Präzedenzfall, auf den sich jeder jederzeit berufen könne und auch werde.

7. Es gelte, bei der jetzt anstehenden NATO-Erweiterung die räumliche Situation zwischen der Ostsee und Anatolien so wiederherzustellen, wie es in der Hochzeit der römischen Ausdehnung gewesen sei.

8. Dazu müsse Polen nach Norden und Süden mit demokratischen Staaten als Nachbarn umgeben werden, Rumänien und Bulgarien die Landesverbindung zur Türkei sicherstellen, Serbien (wohl zwecks Sicherstellung einer US-Militärpräsenz) auf Dauer aus der europäischen Entwicklung ausgeklammert werden.

9. Nördlich von Polen gelte es, die vollständige Kontrolle über den Zugang aus St. Petersburg zur Ostsee zu erhalten.

10. In jedem Prozess sei dem Selbstbestimmungsrecht der Vorrang vor allen anderen Bestimmungen oder Regeln des Völkerrechts zu geben.

11. Die Feststellung stieß nicht auf Widerspruch, nach der die NATO bei dem Angriff gegen die Bundesrepublik Jugoslawien gegen jede internationale Regel und vor allem einschlägige Bestimmungen des Völkerrechts verstoßen habe.“

Ich weiss nicht, wie offen der Brief an Schröder gewesen ist bzw. welches große Informationsmedium sich dafür interessiert hat. Im Grunde keines. Der Eintrag bei Wikipedia führt nur die Veröffentlichung in den „Blättern….“ 9/2001 auf, ein Interview mit Willy Wimmer und die Veröffentlichung des Briefes als Dokument, sowie einen Artikel bei SPON am 19.02.2003 im Zusammenhang mit den deutschen Diskussionen vor dem Irakabenteuer der USA.

Frühzeitig wach gewesen waren MAI und Rainer Rupp. Letzterer kommentierte am 15 .6. 2001 (!) den ihm von MAI zur Verfügung gestellten Kanzlerbrief.

Ich stelle fest, ohne mich hier in die elf Punkte zu vertiefen, dass wir es mit einem herausragenden/strategischen  Dokument zur US-Geostrategie zu tun haben. Was kritische Anlysten, als Verschwörungstheoretiker geschmäht, seit Jahr und Tag zu Ausrichtung und Umsetzung der US-amerikanischen Weltherrschaftsstrategie nachweisen, ist vor 15 Jahren dank Willy Wimmer in Echtzeit und auf direktem Weg aus den verantwortlichen amerikanischen Institutionen  der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt worden. 

Mich erschüttert, dass vermutlich hunderte Politiker, Journalisten und Experten aller Parteirichtungen von diesen Positionen und Vorgängen  wussten und allesamt die Öffentlichkeit/Zivilgesellschaft darüber im Unklaren gelassen haben. Wir haben faktisch eine Blaupause US-amerikanischer Weltherrschaftspolitik im allgemeinen und bezüglich Mittel- und Osteuropas im besonderen vor uns und erleben ihre systematische Realisierung, während wir uns zugleich mit rel. betagten (was nicht heisst: überholten) Ausarbeitungen von Brzezinski beschäftigen.

Doppelt gibt mir zu denken, wie es angesichts der lange verfügbaren Klarheit zu der desaströsen Politik Russlands und Chinas in der Libyenfrage kommen konnte.

Der Kanzlerbrief von Willy Wimmer und zweifellos weitere seiner Aktivitäten geben einen schwer zu überschätzenden Einblick in Tiefenstrukturen der Politik. Ich merke an, dass ich dies zunächst nur in Bezug auf die Positionen Wimmers zur imperialistischen/kriegstreibenden Politik der USA feststelle. Welche Position Wimmer gegenüber den imperialistischen (und ebenfalls kriegstreibenden) Interessen des deutschen Kapitals vertritt, habe ich noch nicht näher betrachtet.

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Update aus aktuellem Anlass:

via: Gelbes Forum und KenFM

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8 Antworten zu Willy Wimmer, zweimal gelesen – mit aktuellem Update (8.3.2015)

  1. Wolfgang schreibt:

    Zu welchen Erkenntnissen führt uns das?

  2. kranich05 schreibt:

    Ja, zu welchen konkreten Erkenntnissen führt das?
    Für mich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich mir Erkenntnisse über Motive/Konzepte, die den Fakten zugrunde liegen, erschließen muss durch Analyse, Synthese, Interpretation oder ob ich den O-Ton der Täter absolut zuverlässig übermittelt bekomme. Was kann authentischer sein, als der erschrockene Warnbrief eines Teilnehmers an nicht weniger als den Bundeskanzler?
    Es ist doch ein gravierender Unterschied, ob ich streite, indem ich meine Meinung, meine Einschätzungen vertrete oder ob ich mein Gegenüber einfach („einfach“?) auf Tatsachen verweisen kann und muss. Oftmals wird es dann im Streit immer noch keine Einigung geben, aber die Situation hat sich geändert: Anfangs hatte ich (glaubte ich zu haben) einen Partner, den bessere Argumente überzeugen sollten. Jetzt muss ich eher einschätzen, dass mein Gegenüber Tatsachen um keinen Preis zur Kenntnis nehmen will. Dass Menschen massenhaft Tatsachen MIT ALLER GEWALT NICHT WISSEN WOLLEN ist, meine ich, eine fundamentale Erkenntnis. Auch sie ist nicht völlig neu. Die weitgehende Akzeptanz der offiziellen Version von 9/11 beweist seit Jahren gerade dies. Doch ich meine, dass aus dieser erschreckenden Sachlage keineswegs alle nötigen Schlüsse gezogen sind. Zumindest soweit es mich betrifft, muss ich das feststellen.

  3. kranich05 schreibt:

    Einen gewichtigen Kontrapunkt zu dem hier verhandelten, wenig erfreulichen Szenario setzt Pepe Escobar beim Saker mit diesem Artikel: http://vineyardsaker.de/analyse/was-haben-die-brics-plus-deutschland-eigentlich-vor/#more-2943

  4. Wolfgang schreibt:

    Der Text beim Saker ist klasse! Er beantwortet meine Frage.

  5. Pingback: Die Strasse zum Krieg | opablog

  6. Pingback: Die Breite Strasse zum Großen Krieg. | barth-engelbart.de

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