Tagebuchschreiber Erwin Strittmatter 1981, 1983

Aus dem Eintrag vom 14. bis 18. Juli 1981:

„Hesse hats, glaub ich, irgendwo gesagt, dass das, was man zu irgendeiner Zeit seines Lebens guten Glaubens sagte oder schrieb, einem niemals zur Schande gereicht, wenn man, sobald man zu anderen Ansichten kam, bereit ist, sich zu berichtigen.“ 

Ich sehe es auch so und habe mich immer über Leute gewundert, die Angst hatte, sich selbst öffentlich zu berichtigen bzw. frühere Fehler zuzugeben. Immer wieder las ich bei Lenin: Es ist nicht so schlimm, Fehler zu machen. Schlimm ist es, auf ihnen zu beharren. Wenn ich erlebte, dass Fehler stur verteidigt wurden (und darin waren viele DDR-Oberen Meister. Es hieß dann: „Keine Fehlerdiskussion zulassen!“ oder „Fehler im Vorwärtsschreiten überwinden!“), dachte ich oft den Brecht-Satz: „Menschen, habt doch endlich mit euch selbst Erbarmen.“

Als ich mich 1991 oder 92 öffentlich zu meiner IM-Tätigkeit bekannte, war sowohl das Bewußtsein guten Glaubens gehandelt zu haben wichtig für mich, als auch ein nüchterner, realistischer Blick auf mein Tun, nicht ohne Selbstkritik. Ich hoffe, dass ich demnächst in meinem Tagebuch im Internet zu diesen „Stellen“ komme.

S. am 21. März 1983 zu einer der offiziösen Friedensmanifestationen:

„Sie wollten, dass der alte Mann zusammen mit alten Männern aus Aussenländern, die hier in Ostdeutschland kaum jemand kennt, zahnlos vom Frieden redet und ihn fade beschwört. Zahnlos vom Frieden reden, das meint, ausschliesslich von den Westlern eine Abrüstung verlangen und von den Atombomben der Östler voraussetzen, dass sie zum Anrauchen von Friedenspfeifen vorgesehen sind. Der alte Mann lehnte ab.“  

Ich will nicht fragen, ob „der gallige alte Mann“ in diesem Fall Recht hatte mit seiner Ablehnung. Dass er sich das Eintreten für Frieden nicht leicht machte, das gibt mir auch für heute zu denken. Es gibt eine allgemeine Einigkeit etwa derart: Für den Frieden zu sein, ist immer gut. Jeder Dummkopf darf den größten Müll ‚rausblasen, wenn er beteuert, dass er für den Frieden ist. Dementsprechend einflusslos und alibihaft ist die „Friedensbewegung“. Im Gegensatz dazu, meine ich, dass die Friedensfrage eine der schwierigsten ist und alle Anstrengungen des Verstandes, Geistes und Charakters erfordert. Die Rede von Eugen Drewermann vor Gaucks Residenz im Friedenswinter 2014/15 am 13.12.2014 ist für mich das Beispiel einer solchen Anstrengung.

Übrigens haben, nach youtube zu urteilen, diese Rede immerhin oder nur etwa 140.000 Menschen zur Kenntnis genommen.

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3 Antworten zu Tagebuchschreiber Erwin Strittmatter 1981, 1983

  1. Wolfgang schreibt:

    Ich bin gerade im Buch und habe die hier benannten Stellen darin gestern passiert.

  2. gast schreibt:

    „IM-Tätigkeit“.

    Andre Meinung, derselbe Mensch. Aber die Taten und Verfehlungen, Beihilfe zu X bleiben dennoch bestehen.

    Wie entschuldigt man sich in solch einem Falle?

    Sorry. „Guten Glaubens“. Jetzt aber schwinge ich mich auf über andre zu urteilen, die sich nicht so _einfach_ von Ihren Fehlern trennen wollten.

    Vielleicht haben die nur einen eigenen Maßstab, der sich auch dann nicht verbiegt, wenn sich eine andre Mode anbietet, mit- und voranzulaufen.

    Sie – und ihre lächerliche Rechtfertigung – sind einfach nur widerlich.

  3. Wolfgang schreibt:

    Ich entschuldige mich zur DDR nicht.

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