Heilung

In der wöchentlichen Serie „Anno…“ der „jungen Welt“ wird heute an die Ratifizierung der Pariser Verträge durch den Bundestag der BRD am 27. Februar 1955 erinnert.

In meinem Leben war das ein gravierendes Ereignis, und das kam so:

Mein Vater war ein Sozialdemokrat von Gesinnung und Seele. Zwar gehörte er nie dieser Partei an, und er hatte sogar 1932 für die KPD gestimmt, wie er später fast verschämt einräumte, aber dann als SED-Genosse fühlte er sich im Grunde immer als Sozialdemokrat. Ich, 1954 vierzehn Jahre alt, machte mir erst einmal brav seine Orientierung zu eigen (nicht zuletzt in innerfamiliärer Reibung mit meiner älteren, „radikalen“ FDJ-Schwester). Mein politisches Interesse erwachte, und der laufend übertragenen Bundestagsdebatte vom 25. bis 27. Februar 1955 folgte ich mit absoluter Konzentration und Hingabe. Ich sehe mich noch auf dem Teppich vor unserer Musiktruhe liegen und atemlos den Redeschlachten lauschen. (Wir in der DDR hatten ja kein „Wirtschaftswunder“ aber es ging aufwärts. Unlängst hatte mein Vater unser altes Radio durch eine Musiktruhe ersetzt, ein richtig edles Möbelstück mit Radio, Plattenspieler, Tonband (!) und seitlich mit einer Hausbar.) Wie fieberte ich mit meinen Helden Ollenhauer, Wehner, Fritz Erler. Carlo Schmid, von dem meine Klavierlehrerin schwärmte,begeisterte mich weniger. Als dann die Abstimmung erfolgt und „alles verloren war“, malte ich auf unserem Wandkalender die drei Tage 25., 26. und 27. Februar dick schwarz an.

Wie überzeugt war ich nun und erwartete, dass meine SPD-Idole keinesfalls klein beigeben und dass sie nun den Widerstand organisieren würden. Und? Nichts passierte. Ja, bald stimmte die SPD irgendwelchen verfassungsändernden Gesetzen zu, die die grenzenlose Militarisierung der BRD ermöglichten. Diese drei Tage des Februar mit ihrer politischen Klarheit und kämpferischen Rhetorik, die mich innerlich so mobilisiert hatten und das sang- und klanglose Zusammenfallen hinterher, als ob eine Windmaschine ausgeschaltet worden wäre – das habe ich nie vergessen. Von da an hatte ich immer mehr ein schales Gefühl, wenn ich bei politischen Diskussionen in unserer Schulklasse die SPD verteidigte. In diesen Tagen begann es, dass ich von SPD-Reden geheilt wurde. Für den Rest meines Lebens. 

(Das war also in den Jahren 1955/56. Der „klassische Stalinismus“ war da schon am Ende, so dass ich nun bei all meiner Bewegung „nach links“ nicht mehr ein originaler Stalinist werden konnte.)

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Eine Antwort zu Heilung

  1. Eine aus der Enkelgeneration schreibt:

    Lieber Opa,
    mir fällt hier ein Widerspruch in den Veröffentlichungen der jungen Welt auf. Wenn das Besatzungsstatut von Westdeutschland beendet ist, warum sollen sich dann im „Notdienst“ die Menschen bei den Amis, Briten oder Franzosen zum Dienstanstritt melden?
    Schönes Wochenende
    Eine aus der Enkelgeneration

    „1955, 27. Februar: Nach einer Dauersitzung nimmt der Deutsche Bundestag die Pariser Verträge an, die das Besatzungsstatut von Westdeutschland beenden. Das Vertragswerk wird mit Datum des 5. Mai wirksam. Die BRD tritt damit auch dem militärischen Beistandspakt »Westeuropäische Union« und der NATO bei.

    1960, 24. Februar: Der Regierungsentwurf eines »Notdienstgesetzes« als Ergänzung zur allgemeinen Wehrpflicht wird im Kabinett verabschiedet. Danach können alle Frauen zwischen 18 und 55 und alle Männer zwischen 18 und 65 Jahren vom Arbeitsamt aufgefordert werden, sich bei einer US-amerikanischen, britischen oder französischen Einheit zum Dienstantritt zu melden, wenn nach Ansicht der Bundesregierung »eine Zeit akuter internationaler Spannungen eingetreten ist und die ernste Befürchtung besteht, daß es alsbald zu Feindseligkeiten im Bundesgebiet kommen könnte«.“
    aus https://www.jungewelt.de/2015/02-21/008.php

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