Tagebuchschreiber Erwin Strittmatter 1981

Am 25. Januar 1981 reflektiert S. über Lew Kopelew („LOWA“), mit dem ihn Freundschaft verbindet: „LOWA war eben nie ein Künstler, ein schöpferischer Mensch. Er ist feinsinnig-kongeial. LOWA ist aber auch kein WEISER, sonst hätte er auf andere Art feststellen müssen, dass einem kein Politiker den Kontakt mit dem Absoluten verwehren oder verstellen kann.

Freilich muss man sich, wenn man eine solch Haltung einnimmt, drein schicken, dass man zunächst für den Tag und für die Zeitgenossen nicht zu sehen ist, dass man nicht an billigen Tagesruhm denken darf.“

Eine schöne Aussage im ersten Teil, finde ich, die Weisheit an Unabhängigkeit von Politikern knüpft. Interessant wäre, zu erfahren, was S. unter „Kontakt mit dem Absoluten“ versteht. Die Aussage des zweiten Teils wundert mich ein wenig angesichts wiederholter selbstkritischer Bemerkungen von S. er selbst sei für Tagesruhm allzu empfänglich.

28. Februar 1981: „AUF DER KLEINEN BACHBRÜCKE aus Erde und Rasen vor dem THÖRN-See. Ein Zweiglein hat sich im Bachwasser verklemmt. Das Wasser umfließt es. Auf dem Wasserspiegel zeichnet sich eine Figur ab, ein Dreieck mit sanft gerundeter Spitze. Das Äussere dieser Figur wird stehen bleiben, solange das Zweiglein dort stecken wird, innen aber ist die Figur fliessend, ist sie aus Wasser, das unablässig dahin strömt.

Ein unbekannter Jemand hat ein Zweiglein in den Lebensstrom geklemmt, die Figur, die entstand, bin ich…“ 

Opa macht sich hier nicht an die Interpretation dieser Textstelle. Sie gehört für mich zum Bedeutendsten und Schönsten, was die Tagebücher zu bieten haben. (Ich sage frech: Insgesamt verwöhnen die Tagebücher nicht mit Gedankenreichtum oder -tiefe aber wegen solcher „Stelle“ hat sich das Lesen schon gelohnt.)

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2 Antworten zu Tagebuchschreiber Erwin Strittmatter 1981

  1. Wolfgang schreibt:

    Hab mir die „Tagebücher“ bestellt. Ich kenne sie noch nicht.

  2. Wolfgang schreibt:

    Hab mich am Buch fest gelesen. Besten Dank nochmal.

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