Tagebuchschreiber Erwin Strittmatter 1979, 1980

Der Band mit seinen mehr als 500 Seiten („Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974-1994“, Aufbau-Verlag, 2014) fiel mir eher zufällig in die Hände; eine Auswahl aus 20 Jahren, also mit grossen Auslassungen. Das kam mir entgegen. Ich fühlte mich nicht genötigt, Seite für Seite abzuarbeiten, sondern blätterte und überblätterte.

Der da schreibt hat mit Fleiß und Sturheit sein Leben geformt, hat sich und uns allen einen bedeutenden Kunst-Turm gebaut. Darüber manches aus einer Art Vogelperspektive zu erfahren war anregend genug für mich als Zeitgenossen, wenn auch nicht Altersgenossen.

Im November 1979 äußert sich S. über seine Erfahrungen als Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR: „Andererseits hatte die Sekretärsfunktion mir Einblick in die eigentlich planlose Arbeit unserer Politiker verschafft. Ich sah, wie sie bald taten, was man ihnen von der Sowjetunion, bald was man ihnen auf andere Weise vom Westen her anschaffte.“  Ein beiläufig geäußertes Wissen, das in meiner DDR-Gesellschaft nicht leicht zu bekommen war. Die Funktionsweise unseres Lebens war in Geheimnis gehüllt. Mir hätten solche Mosaiksteinchen von gesellschaftlicher Selbsterkenntnis genützt. Wie soll sich eine Gesellschaft begreifen, wie sich entwickeln, wenn die Menschen inmitten von Spiegeln und Filtern gehalten werden? (Der Hinweis, dass es heute noch schlimmer sei, hilft gar nichts: WIR hatten den Anspruch der „bewußten gesellschaftlichen Entwicklung“.)

Am 22.12.1979 schreibt S.: „Wenn ich nur wüsste, woher die innere Stimme ihre Berechtigung hernimmt, mir in den letzten Wochen immerwährend zuzuflüstern.Schreib auf, schreib auf alle die Zeichen, die darauf hindeuten, dass die Gesellschaftsform, deren (allerdings kritischer) Vertreter du viele, viele Jahre warst, sich für die meisten Zeitgenossen ungespürt, von dir aber erkannt und gesehen, in eine andere verwandelt, von der noch keiner weiss, wie sie aussehen wird. Jedenfalls wirds nicht der Kommunismus der alten Utopisten sein!“ Zehn Jahre später hatte sich diese Gesellschaft abgespult. Gedankenlos, wortlos war sie verendet, wie ein vergiftetes Tier. Wieder liegt auf der Hand: Eine Gesellschaft, die so konstruiert ist, dass sie die feinen ersten Erkenntnis- und Korrekturimpulse unfruchtbar macht, statt sie zu begreifen und daran zu wachsen, diese Gesellschaft wird blind und ahnungslos und muss schließlich untergehen. Die Menschen können eigentlich erkennen, was sie betrifft. Ihr tägliches Handeln schürft die winzigkleinen Goldkörnchen. Würden sie ihren eigenen Austausch richtig organisieren, könnten sie das „blinde Schicksal“ verdrängen und gemeinsam würdevoll leben.

Am 16. März 1980 notiert S. zu den Gesprächen der Veteranen des ersten Weltkriegs: Sie erzählten, „…wenn sie zusammenkamen von ihren Kriegserlebnissen, und die waren das Wichtigste, was sie erlebt hatten, und ich dachte schon damals:Wozu leben, wenn für einen in mittleren Jahren das Kriegserlebnis eine solche Wichtigkeit darstellt?“ Der Krieg – für manches Leben die wichtigste und sogar höchste Lebensäußerung!

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