Willkommen auf dem Narenschiff!

Unbehaust, wie wir sind (darin unseren Brüdern und Schwestern nicht ganz unähnlich, die übers Mittelmeer kommen oder darin absaufen), sind wir froh über das große Schiff dort vorn. Es scheint Platz zu haben auch für uns, seetüchtig sieht es aus, und abzudampfen ist allemal besser als hier im Hamsterrad zu strampeln, vor Büroschaltern, auf der Strasse oder in der Psychiatrie zu verschimmeln oder  – noch schlimmer – in irgendeinen Dienst einzutreten, in dem man lernt Leute abzuknallen.

Näher gekommen, irritiert uns die viele Parteiwerbung, die uns entgegenprangt. Nicht deshalb haben wir unsere Hoffnungen auf das fremde Schiff geworfen, damit uns jetzt in perfektem Photoshop die Politiker der Schwarzen, Grünen, Rosaroten den Blick verstellen. DIE sind nun wirklich seit Jahr und Tag unten durch. Nie mehr sinnlos Zettel falten! Noch aber sinkt unsere Hoffnung nicht: Auf den Decks drängeln sich bunte Marktstände, und kuschligen Kajüten scheinen frei zu sein, für kleines Geld. Nichts wie hin, mit friedlichem Sinn – das wird unser Kahn! (Geht’s eigentlich irgendwohin?)

Unser Blick wandert, alte Gewohnheit, zuerst nach Backbord: DIE LINKE. Doch welch ein jämmerlicher Haufen. Einige halten irgendwelche Transparente hoch, doch die meisten gehen eigenen Geschäften nach, ein, zwei winken uns freundlich zu. Wir gehen erstmal weiter, wie man einen Bogen um eine alte geschwätzige Nachbarin macht; zurückkommen können wir immer noch. Und dann der Rattenschwanz der üblichen linken Angebote: DKP, MLPD, KPD, SAV, Trotzkisten, IL und viele mehr… Kleine Tischchen mit Flugis drauf, kleine Stühlchen, leer, Menschen sind grad keine da.

Verlegen kieken wir nach Steuerbord. Dort haben wir nichts verloren, obwohl da durchaus Gewusel ist: NPD natürlich, Junge Freiheit, Pro Sarrazin ist zu erkennen, pro dies, pro das… nee, wirklich. Grusel.

Links ist lahm, Rechts tut zahm – aber wir brauchen uns ja nicht zu entscheiden. Der breite Mittelgang saugt uns förmlich ein. Ein blonder Jüngling von gefühlt siebzig Jahren baut sich vor uns auf: „Hierher! Hierher! Alles was das Herz begehrt!“ „Danke Herr Elsässer, kennen wir schon.“ Soviel Sprödigkeit muss sein.

Zumal hier wirklich allerhand los ist. Diese Angebotsfülle! Jede und Jeder der sucht (und es suchen viele) wird hier fündig: Montagsmahnwachen. Es ist beeindruckend. Manchmal drängen sich Tausende vor den Mikrofonen: Wir wollen alle Frieden! Dann läuft es auseinander: Dienstagsmahnwache, Mitwochsmahnwache, Freitagsmahnwache, Reichsbürgermahnwache…

Und dann all diese Lädchen der Friedensbewegten, schön aufgereiht. Aber warum sind fast alle geschlossen? Wegen Überfüllung? Wegen Inventur? Wegen Workshop „Streitkultur“? Da ist ein kleines Schildchen: „Besucher bitte schriftlich anmelden… einzeln eintreten!“ Hm, die Menge der Suchenden hört andere Flötentöne: HoGeSa, Pegida, Kagida, Bärgida, Legida. Plötzlich gehn alle wie verrückt spazieren. Pegada, Endgame. Und immer im Kreis herum. Rien ne va plus? Doch, der kleine, feine Laden von Hörstel („die Mitte“), sponsored by Piech.

Unendlich viel Platz ist auf dem Schiff (für Hungerleider aus armen Ländern eher nicht, „sollen zu Hause anpacken!“). ChristInnen schreiten herbei mit ihren Kerzen in den Händen, Menschenrechts-Grüne, diesmal in Tarnanzügen, trillerpfeifende GewerkschafterInnen und endlich schwarzgewandet, kampferprobt, unter stars and stripes (?) die Antifa. Und alle, alle bedanken sich bei der Polizei. Weil die macht, dass jeder Nächste so freundlich zum Nächsten ist. Nur die Medien sind böse. Aber eigentlich auch nicht. Nur die „junge Welt“ druckt wie sie lügen. Aber eigentlich auch nicht.

He, he, mir wird auf dem Narrenschiff die Luft knapp! Wo geht’s denn hin? Wann geht’s denn los? Kein Offizier, kein Kapitän, kein Lotse in Sicht. Wer macht denn hier die Navigation? Die Menschenknäuel auf dem Zwischendeck kümmert’s nicht. Jetzt tanzen sie mit Donnerhall, und Ruf-Fetzen schallen herüber: „…olk …olk …olk. …Deutschland verlassen!“ Scheppernd jetzt der Lautsprecher: „Ablegen in einer Stunde… zum Vater Rhein… den Kernlanden zu… Heil!“

Ich muss ‚raus, hänge über der rettenden Reling. Da sehe ich vier, fünf Leute, die kenne ich doch: Ken, Reiner, Wolfgang, Dieter, da sind ja auch Pedram und Eugen, Bilbo, Lea und…

„IHR auf diesem Irrenkahn?“ frage ich schneller als ich denken kann. Gelächter schallt mir entgegen. Und es antwortet, wer immer am schnellsten spricht: „Die da drinnen sind und bleiben nun mal unserer Zielgruppe. Jede Menge patente Leute drunter, wenn man nur ernsthaft mit ihnen redet. Mit dem Kahn mitfahren? Keine Angst, das ist nicht unser Kurs. Dieser Winter geht vorbei, und der Friedensfrühling beginnt.“

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Blödmaschine, bloggen, Demokratie, Krise, Leben, Machtmedien, Mensch, Realkapitalismus, Widerstand abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Willkommen auf dem Narenschiff!

  1. P.H. schreibt:

    Ja, ein Tollhaus! Du hast die Solidaritätsgruppen vergessen, die Freunde des Maidan, die Freunde Israels, die Freunde der USA, und natürlich all die Antis neben der Antifa.
    Ich hielt es ja erst für Satire, als ich 1990 mit dem Westen bekannt wurde und von einem „Autonomen Tierrechtscafe“ hörte. Das war aber Ernst.
    Jetzt schimpfen unsere exilukrainischen Maidanfreunde auf die Merkel, weil die sich mit dem Putin-Hitler an einen Tisch setzt und die Ukraine verkauft.
    Als der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in D sich gegen Pegida äußerte, ging ein Aufschrei durch die jüdischen Gemeinden. Die Pegida-Leute sind doch gegen den Islam, den Hauptfeind der Judenheit, und auf der Pegidademo könne man noch unbesorgt die Israelfahne schwenken. Die schwenkt allerdings auch die schärfste Widersacherin Pegidas, die Antifa.
    „Das Leben des Brian“: „Was macht eigentlich die Judäische Befreiungsfront?“ – „Der sitzt da hinten.“

  2. fritzletsch schreibt:

    Hat dies auf Theater macht Politik rebloggt und kommentierte:
    Und der Friedensfrühling beginnt …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s