Allende

Es überrascht mich, dass Alexis Tsipras, zumindest im deutschsprachigen Raum, bisher nur selten mit Salvador Allende verglichen wird.

Beide sind bzw. waren volkstümliche, glaubwürdige Politiker, die versprachen, ihre Völkern aus ihrer elenden Lage herauszuführen. So führten beide ihre Wahlkämpfe, siegten in demokratischen Wahlen und taten danach etwas im demokratischen Rechtsstaat ganz und gar Unübliches: Sie schickten sich an, ihre Wahlversprechen zu erfüllen. Für Tsipras mag diese Einschätzung etwas schnell sein, doch die ersten entschlossenen Handlungen seiner Regierung scheinen sie dennoch zu erlauben.

Dass durch bürgerliche Wahlen eine volksdemokratische Regierung an wichtige Schalthebel kommt, ist so selten, zumal in Europa, dass sich die Bezeichnung „Jahrhundertereignis“ aufdrängt.

Wie Allendes Regierung 1973 endete ist bekannt, und völlig unzweifelhaft ist, dass in ähnlicher Weise 2015 gegen die demokratische Regierung Tsipras sowohl ein reaktionäres putscherfahrenes Militär im eigenen Land, als auch Spezial- und Geheimkräfte der NATO, der USA und der EU einsatzbereit sind.

Die äußerlichen Parallelen zwischen Allende und Tsipras sollten nicht den Blick auf grosse Unterschiede verstellen, Unterschiede, die vielleicht als Pluspunkte für Tsipras zu Buche schlagen.

Allende suchte einen sozialistischen Weg. Davon ist bei Tsipras keine Rede. Die Klein- und Kleinstunternehmer („die Lastwagenfahrer“) konnten gegen Allende in Stellung gebracht werden, während ein Teil der bedrohten Kleinunternehmer zur eigenen sozialen Basis der Tsipras-Regierung gehört.

Tsipras scheint eine Linie zu fahren, die ganz und gar innerhalb des kapitalistischen Systems bleibt und „nur“ auf nationale Interessen pocht, sich „nur“ gegen die atlantische Finanzoligarchie, das Diktat der Superreichen, richtet. Er hat nicht die Solidarität einer sozialistischen (aber faktisch machtlosen) Sowjetunion im Rücken. Dafür gibt es heute klar umrissen und sich schnell konsolidierend weitreichende Projekte zwischen BRICS-Staaten, SCO und weiteren eurasischen Mächten, zu denen eine entschlossene griechische Regierung (der das EU-Hauptquartier töricht genug ist, keine Alternative zu lassen) tragfähige Beziehungen herstellen könnte.

Der Weg Griechenlands scheint verblüffend direkt in die laufende globale Auseinandersetzung zu münden. Er ist so beschaffen, dass er auch den scheinbar festgefahrenen Verhältnissen in den imperialistischen Kernländern, nicht zuletzt dem Hort der Reaktion BRD, kräftige Anstöße geben könnte.

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9 Antworten zu Allende

  1. 5jahrehartz4 schreibt:

    dazu passt auch, dass wir heute zum 1. Mal (in der deutschen Presse – Feindsender schon früher) davon gehört haben. So langsam wird es interessant!

    Neue Linkspartei Podemos: Zehntausende demonstrieren in Madrid gegen Sparkurs
    Mit Bussen kamen sie aus ganz Spanien nach Madrid: Zehntausende waren bei der ersten Großdemonstration der neugegründeten Linkspartei Podemos. Sie fordern eine Abkehr von der Sparpolitik – und erinnern an Syriza in Griechenland.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/linkspartei-podemos-zehntausende-empoerte-demonstrieren-in-madrid-a-1016069.html

  2. fritzletsch schreibt:

    Hat dies auf Theater macht Politik rebloggt und kommentierte:
    Da kann der etwas verrückt wirkende “rechte Verteidigungsminister” mit seiner Riege eine Sicherung sein: Polizei und Militär sind davon leichter ansprechbar, und können vor einem Putsch schützen, aber dafür braucht es ein einigeres Land … denn die Rechte hatte sich in Chile auch sofort gut organisiert.

    Eine gute Schilderung hat der Wirtschaftswissenschaftler Franz Josef Hinkelammert in seinem autobiografischen Buch “Befreiung denken” geschrieben, der auch die erste systematische Folterung von ca 400.000 Chilenen in Fabriken durch den CIA beschreibt, um die gesamte Bevölkerung einzuschüchtern.

  3. HaBEbuechnerei schreibt:

    Hallo, wennste mich verlinkst, haste den vergleich gleich drei Mal und mit der entsprechenden Befürchtung und dem Lob für die KJKE, die auf so was vorbereitet ist.

  4. Joachim Bode schreibt:

    „Dass durch bürgerliche Wahlen eine volksdemokratische Regierung an wichtige Schalthebel kommt, ….“

    Sooo wichtig und entscheidend sind diese Schaltstellen möglicherweise doch nicht:
    Die obersten Regierungsposten werden zwar neu besetzt, vielleicht auch einige Stellen der unteren „Etagen“…. Die in Wirtschaft und Gesellschaft seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten vor“herrschenden“ Kräfte bleiben jedoch davon ziemlich unberührt. Denen muß erst mal die Grenze aufgezeigt werden, z.B. durch neue Gesetze und deren Durchsetzung, sowie der Umsetzung mancher alter Vorschriften, die aufgrund von Korruption und Schlendrian traditionsgemäß leer gelaufen sind. Das ist Sisyphus-Arbeit! Allein schon der Versuch, eine kleine Behörde in ihren gewohnten Abläufen zu verbessern, gar zu verändern, ist oft ein vergebliches Unterfangen (ich rede aus Erfahrung), und das gilt für Deutschland!

    Chile/Allende wird sich nicht wiederholen. Seitdem haben die USA dazugelernt. Beispiel: Der Maidan. Viele nach Chile erfolgreiche Methoden des Umsturzes haben sich verfeinert – aber ich will hier keine Vorschläge machen….

  5. Joachim Bode schreibt:

    Wer sich einen kleinen Einblick in die Weltsicht des neuen griechischen Finanzministers verschaffen will, kann hier (http://www.vitalspace.org/art-projects/home/globalising-wall) fündig werden – ein Projekt, an dem er mit seiner Lebensgefährtin gearbeitet hat.

  6. Pingback: Ein klares Wort zu Syriza… und ein paar Randbemerkungen vom Opa | opablog

  7. Pingback: Befreiungstheologie kann gut ohne Gott auskommen, aber nicht ohne Wirtschaftswissen: Aus der Kraft der Armen | fritz Letsch

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