Orwell „1984“ – Orwell 2.0 – Orwell 3.0

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Von dem düsteren Buch „1984“ hatte ich in meiner DDR-Klause immer wieder einmal gehört. Doch lesen konnte ich es erst viel später, erstmals wahrscheinlich Mitte der 60-er Jahre während und nach meinem Philosophiestudium in Berlin. Das Buch, später auch der Film, haben mich immer wieder stark beeindruckt. Die bedrückende Nähe zur bekannten Wirklichkeit und zur verdeckten aber geahnten Wirklichkeit und ihre künstlerische Überschreitung ins Grauenhafte.

Als das Jahr 1984 gekommen war, durfte man sich entscheiden, ob „1984“ nur eine abgetane Geschichte war oder ob 1984 genau „1984“ war oder ob 1984 zwar „1984“ war aber seine Schrecken nunmehr im Alltag aufgesogen oder aufgelöst waren und sich irgendwie trotzdem ganz gut leben ließ. Wird Schrecken, in Kleingeld ausgezahlt, lebbar? Schließlich entsprang 1985 Gorbatschow dem System und für eine Weile schien mir ganz Anderes möglich.

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Orwell 2.0 ist mir nicht bekannt, eine böse Utopie aus den achtziger Jahren, die die Wahrheit unserer Zeit vorweg genommen hätte, sie spiegelt und deutet? Gibt es ja vielleicht, kenne ich aber nicht.

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Orwell 3.0 aber ist mir dieser Tage begegnet – der Blick von heute auf ein Jahr etwa 2050. Orwell 3.0 kommt zeitgemäß natürlich als Videobotschaft daher. Igor Gekko alias Berkut:

Über Igor Berkut lese ich auf Saschas Welt dieses:

„Dies ist die Aufzeichnung einer Erklärung von Igor Witaljewitsch Gekko (sein geänderter Name ist heute “Igor Berkut” – zu deutsch “Bergadler” – wie die Anti-Majdan-Kämpfer) vom 20.12.2013 für ein ukrainisches Nachrichtenmagazin über die Zukunft seines Landes. Er spricht bspw. hier darüber, daß die Regierung der neuen Ukraine die Absicht habe, sich 40 Millionen “unnützer Bürger” zu entledigen. Eine für viele erschreckend deutliche Sprache! Vielleicht muß man es für einige Bürger der Ukraine in dieser Schärfe formulieren, damit sie verstehen, daß sowjetische Maßstäbe heute nicht mehr gelten. Gekko wurde 1964 in Sewero-Donezk geboren. Er besuchte die Moskauer Militärhochschule und diente freiwillig als Kommandeur eines Aufklärerbatallions in Afghanistan. 1991-92 erhielt er in den USA eine Spezialausbildung, war später in Moskau und in Kasachstan in einige dubiose Finanzgeschäfte verwickelt, ging in seine Heimat zurück, wurde in Lugansk Chefredakteur der Zeitung “Ljubimyj gorod” und gründete die Vereinigung “Heimat Osten”, woraus 2006 die Partei “Große Ukraine” entstand.
(Quelle: http://politrada.com/dossier/persone/id/4234 –; russ.) 

Selten wurde bisher so klar und deutlich ausgesprochen, worin heute der Faschismus in der Ukraine besteht. Und das gilt nicht nur für die Ukraine. Das gilt in ähnlicher Form für jedes andere Land, in dem Faschismus herrscht. Gekko spricht wie ein Faschist: eiskalt, menschenverachtend und zynisch. Es ist die Sprache eines Joseph Goebbels.“

Sascha bedankt sich bei „Schall und Rauch“ für die Übersetzung. Dem Dank schließe ich mich an. Hier die deutsche Übersetzung dessen, was Gekko/Berkut sagt:

„Viele Menschen in der Ukraine glauben nicht, dass diese Reformen zu ihrem Wohl gerichtet sind. Unserer Meinung nach liegt es an der Unbeweglichkeit in ihrem Denken.

Die Menschen glauben immer noch, die sozialen Verpflichtungen der modernen Ukraine sind die selben wie die der sowjetischen Ukraine. Man sollte verstehen, die sowjetische Ukraine und die moderne Ukraine sind zwei unterschiedliche Länder.

Es macht keinen Sinn die Erfahrung der vorhergehenden Generation zu nehmen, als der Staat das Leben der Menschen komfortabel machte, im Austausch für ihre Arbeit.

Tatsache ist, unser Land gehört jetzt einem kleinen Kreis an Personen, Milliardäre und Multimillionäre. Alle diese sind an der Macht oder kontrollieren die Macht, sind Teil der Macht und haben nichts mit dem gewöhnlichen Volk zu tun.

In der Verfassung der ukrainischen sowjetischen sozialistischen Republik von 1978 stand, dass die Ukraine ein Staat für das gesamte Volk ist. Unsere Verfassung (die neue) beinhaltet nichts in dieser Art.

Aus welchem Grund sollten die Besitzer unseres Landes soziale Verpflichtungen übernehmen, um Millionen von Menschen zu unterhalten, die keinen Profit produzieren und die nicht ihre Bodyguards oder Quelle der Lust sind?

Schaut wer jetzt schlecht lebt? Alle die Leute die es nicht schafften sich als Bedienstete der Staatsbesitzer gut zu integrieren. Jeder der jetzt Teil des Dienstleistungspersonal der Staatsbesitzer ist lebt gut und beschwert sich nicht.

Im Gegenteil, sie verteidigen die etablierte Ordnung in jeder Hinsicht, angefangen mit all den erbärmlichen politischen Experten mit „tadellosen“ Familiennamen und endet mit Theater-, Kino- und Popstars. Niemand beschwert sich!

Taisia Povaliy beschwert sich nicht über ihr Leben, oder? (Beliebte ukrainische Sängerin und Schauspielerin). Nein, tut sich nicht. Das heisst nicht, sie ist eine schlechte Sängerin. Sie ist eine überragende Sängerin.

Aber ich sage es wieder: jeder der es nicht schaffte sich als Personal der Besitzer des Staates einzufügen, beschwert sich jetzt über sein miserables und sinnloses Leben.

Aus welchem Grund sollen die Besitzer unseres Staates sich um die 14 Millionen Rentner kümmern, um die vielen Kinder oder den grossen Familien? Was die Behinderten betrifft, die will ich gar nicht erwähnen.

Wenn unser Land mit seinen Fabriken, Infrastrukturobjekte, Rohstoffminen und industriellen Verarbeitungsstätten, Ölraffinerien, Bergbauminen in den Besitz von einigen hundert Familien wechselte, ist auch die Bevölkerung ihr Eigentum dadurch geworden.

Keiner dieser Eigentümer des Landes haben je einen Hehl gegenüber der Bevölkerung daraus gemacht. Sie haben die Bevölkerung nicht gewollt!

Heute ist die Hauptaufgabe, alle loszuwerden die in der „Todeszone“ sich befinden, rapide, effektiv, zu so niedrigen Kosten wie möglich. Warum sagen wir, rapide und effektiv? Weil all diese Leute die eine soziale Einstellung seitens des Staates benötigen, verbrauchen die Ressourcen und sie tun das täglich.

Wir haben an mehreren Anlässen gesagt, dass alle diese Bettler, Lehrer, Ärzte jeden Tag was essen wollen. Zweitens, alle diese werden sauarme Rentner in der Zukunft sein. Was muss man tun um sie los zu werden?

Erstens, sie aus der Gesellschaft ausgrenzen. Zweitens, eine Situation zu schaffen, in der sie nicht lang genug leben um die Einzahlung ins Rentensystem zu erleben, mit dem Hinweis auf die Erfahrung der meisten entwickelten Länder, wo die Lebenserwartung 10, 15 oder 20 Jahre höher ist als unsere. Drittens, sie aus dem Land zu entfernen.

Das hat das deutsche Global Public Policy Institute (GPPi) so geschätzt, um ein Gleichgewicht des aktuellen Systems in der Ukraine zu erreichen, unter dem aktuellen Regime, nicht unter Janukowitsch oder der Partei der Regionen, aber unter dem Regime wo es Besitzer des Landes gibt.

Warum denken Millionen von Ukrainer, dass die Besitzer des Landes sich um sie kümmern müssen? Im Gegenteil, es sind Leute die heute dafür zahlen müssten, um das Recht zu haben auf ihrem Territorium zu leben! So eine Formulierung der Frage ist viel richtiger.

Und wir können sehen, dass die Eigentümer des Landes schrittweise die Kosten um auf ihrem Territorium zu leben erhöhen. Aus welchem Grund sollen sie die Zahlungen für die Energieversorgung senken, wenn die Produktion dafür, das Wasser, die Kanalisation, das Gas usw. ihnen gehören? Warum sollen sie den Profit schmälern, wenn jemand nicht zahlen kann? Wenn man nicht zahlen kann soll man es nicht nutzen!

Das ist das Hauptanliegen.

Von diesem Standpunkt aus gesehen sind alle Reformen die umgesetzt wurden und noch in der Ukraine umgesetzt werden, effektiv und richtig, weil sie auf einen Zustand zielen, in dem die Besitzer des Staates – und dieser Staat gehört ihnen – mehr Profit erzielen und mit ihrem Reichtum nicht nur mit Ungarn und Rumänien konkurrenzieren können, sondern mit Russland, Grossbritannien, Deutschland und USA.

Die Eigentümer unseres Landes sind im Wettlauf mit den reichsten Leuten auf diesen Planeten! In all dieser Hinsicht benötigen sie keine Schulen auf dem Lande. Für was? Polikliniken auf dem Land? Für was? Warum? Alle diese Patienten können die Behandlung nicht bezahlen!“ 

Ein ganz gegenwärtiger Orwell. Hatte mich einst George Orwell mit seiner künstlerisch-psychologischen Imagination beeindruckt, geht es nun ziemlich nüchtern zu. In neoliberalen Zeiten ist nun einmal BWL die Königsdisziplin aller Wissenschaft. Auch die Utopie oder Dystopie zieht ihre Macht und Herrlichkeit aus der Kosten-Nutzen-Rechnung. Du bist, was Du zahlen kannst. Alle wissen es. Alle teilen es, nicht zuletzt die Bettler in der U-Bahn, die demütig ihre Obdachlosenzeitung anpreisen.

Wer bezahlt, bestimmt, was ist und was sein darf. So unerschöpflich der Reichtum, so unerschöpflich die Weisheit. Galaktischer Reichtum – sagen wir ab 100 Milliarden – macht Götter. Die Götterfamilie braucht einige Millionen Dienstkreaturen, vielleicht, weit gerechnet, einige hundert Millionen. Was darüber ist, ist Müll, bestenfalls Dünger.

Reduktion ist machbar. Vor 70, 75 Jahren kam man auf 60 Millionen Tote. Heute eine zehnfach oder auch 50-fach größere Reduktion herbeizuführen, bereitet keine Mühe. Alle Planungen sind perfekt; korrekt, effizient, ökologisch. Die Götter sind sicher, dass sie überleben können. Was sage ich „überleben“ – sie meinen, erst dann werden sie wahrhaft leben! Sie warten nicht, zu ihrer Entelechie zu kommen. Sie haben den Weg eingeschlagen. Wir dürfen vorerst noch am Rande stehen, fleißig Tote eingraben.

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3 Antworten zu Orwell „1984“ – Orwell 2.0 – Orwell 3.0

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Wenn die Reden des Gekko einem noch wie eine schlechte Satire oder Übersetzung vorkommen, finde ich im Fazit meine pessimistisch-reale Prognose für das sich verselbständigende Herrschaftsdenken. Es kommt ohne Demokratie, Demonstrationen und Volk aus. Eine auf Effizienz und Funktion degenerierte Mittelschicht, die mit kalendermäßig gestyltem Kulturverständnis und analytischem Fatalismus gegenüber dem Nutzvolk beglückt ist, reicht als dienstbare Struktur vollkommen aus. Den Rest erledigen vollautomatisierte 3D-Druckwerke und Gentechnik. Die „Theorien“ dafür sind wohl schon alt und werden weiter mit den neuen Mitteln und Methoden angetestet und ausgebaut. Es ist die Revolution von Oben, des Dreisten, des geistig auf Status Verarmten. Der Gekko spricht es aus, unsere Besitzer brauchen also Funktionseliten mit begrenztem Status- und Besitzstandsdenken, die für Bares und die Option weiter dazu zugehören, ihr Rückrat bis zum Bersten beugen, sich bei Notwendigkeit gegenseitig lynchen und dabei noch lächeln. Wer würde sich das denn nicht ordentlich vergüten lassen? Wenigstens das!
    Die Abkehr kann also nur von Denen kommen, die auf das Dazugehören scheissen, die Apokalypse erahnen und natürlich von Denen, die nie dazu gehören werden. Damit es nicht kracht, müssen die voneinander isoliert werden. Ich las, dass sich die Proleten um 1900 in Bildungsvereinen sammelten, so wie im Mittelalter die Aufklärer Zirkel bildeten, um der herrschenden Kirche und dem Adel zu trotzen. Welche Organisations- und Widerstandsmittel wir in unserer heute so effizient, rauschenden Welt brauchen, um diesem Wahnsinn der auf Machtblasen fixierten „Dazugehörer“ zu entrinnen, müssen wir klären, bevor es zu spät ist. Aber es ist wohl immer irgendwie zu spät und auch nie zu spät. Wenn ich die Glotze einschalte, dann sehe ich mitunter Moderatoren die schon wie Aliens wirken, manchmal aber auch wieder Moderatoren, denen man die Sorgen, die Unsicherheit ansehen kann. Bilde ich mir das ein, es genau so schon 1989 wahrgenommen zu haben?
    Wenn ich aber bedenke, wieviel Offenbarung zur Propaganda und dem herrschenden Geschäftsbetrieb bereits erfolgt ist und die Konsequenzen dagegen setze, dann ist es wohl irgendwie voll um 12. Ich stehe nicht auf Endzeitstimmung und nur wenig auf Mystisches, aber hatten uns die Maya vielleicht doch gemahnt, unbedingt schon 2012 umzukehren. Die Umkehr als kalendarische Methapher gesehen: Wie lebte es sich 2015 v.Chr.? Aber ist das nicht auch egal? Egoistisch und familär gesehen, ich lebe allerhöchstens noch 50 Jahre, also Ende 1964 oder 2064 bin ich tot, meine Kinder erleben entweder die Nachkriegszeit oder Orwell 4.0 im Jahr 2084. Würden sie angesichts der Konsequenzen wirklich rückwärts gewandt in den WKII ziehen? Zurück aus der Zukunft! Kann man Geschichte nicht doch beeinflussen? Reparieren! Wird Fortschritt zu Rückschritt? Ökonomie/Ökologie zu Euthanasie und konservativ zu lebensbejahend? Vielleicht besser je nach Kontext zurück oder voran. Wir müssen denken, reden und handeln, wir müssen Wege suchen und finden. Wir dürfen uns nicht gegeneinander aufhetzen lassen und niemals die Hoffnung und die Lust aufs gemeinschaftliche Leben verlieren. Blabla, ich weiß …

    • Frieder Kohler schreibt:

      Mensch, Bürger, Genosse Lippke, mit Ihrem „Blabla“ bringen Sie den Ablauf meines Vormittages durcheinander. Da ich keinen Einfluß auf die Vergabe von Verdienstorden habe und Termindruck herrscht, greife ich zur Methode Stricknadel, stecke sie in eines der vor mir liegenden Bücher/Büchlein – und lese:“Ist es ein gerechter Zustand der Gesellschaft, in welchem der einzelne, wenn ihn die Verhältnisse begünstigen, das an sich raffen und, wofern es ihm beliebt, behalten, für die Gesellschaft unfruchtbar machen kann, was eben, weil er es besitzt, Tausenden fehlt und sie in Not und Tod hineintreibt?“ Friedrich Hebbel 1843 – und wir 2015 auf Lust, Veränderung durch Aufklärung (?) hoffend im weiten Tal der Ahnungslosen? Nachdenkliche Grüße mit dem Hebbelspruch:“Leben ist für die meisten ein Geschäft!“

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