„Erst Wahlvolk, dann Zahlvolk, dann Dominostein“*

* Zeile aus einem der schönen Freiheitslieder von Stefan Körbel

 

„Panorama“ hat Interviews mit Teilnehmern der Pegida-Demo am 15. 12. 2014 in Dresden geführt und hat diese in voller Länge ins Netz gestellt. So kann man den Informationsgehalt der Sendung mit dem des „Rohmaterials“ vergleichen. Mir haben die Originalinterviews mehr gegeben und zwar in dreierlei Hinsicht:

Spürbar wurde das organisatorische Gerüst der Bewegung.

Mehr als bestätigt wurde die (sozial-)rassistische Einstellung vieler der Interviewten.

Doch ein dritter, keineswegs unerwarteter Aspekt ist mir der Wichtigste. Ich meine die lauthals geäußerte Unzufriedenheit vieler Teilnehmer mit der BRD.

Diese Unzufriedenheit resultiert aus der GESAMTEN Lebenssituation der Befragten. Sie bezieht sich vor allem auf die Einkommen und die Verteilungsgerechtigkeit aber auch auf die undemokratischen Verfahrensweisen der „Politik“ sowie auf die allumfassende „Medienverarsche“ (oft so drastisch ausgedrückt). Unzufriedenheit gibt es mit dem US-Vasallenstatus der BRD und mit der Bereitschaft der GroKo, die Spannungen mit Russland Richtung Krieg zu vergrößern. Solche konkreten Äußerungen waren oft frappierend unverbunden mit den erklärten Antiislaminisierungspositionen. Manchmal wurde das vorgeblich alles übergreifende Demoziel „Antiislaminisierung“ einfach rigoros beiseite geschoben.

Immer wieder wurden die angeblich „revolutionären Erfahrungen“ von 1989 thematisiert.

Es scheint, dass Pegida ein beträchtliches Maß an völlig rationaler, potentiell systemkritischer Unzufriedenheit kanalisiert, um sie am Ende ins Nirvana zu schicken.

Insofern spricht alles für einen intensiven Dialog mit solchen Demoteilnehmern. Wie viele das sind? In ihrem Überschwang behaupten die Befragten oft, ihre Meinung würden 80, 90% teilen. Doch auch wenn diese Einschätzung maßlos übertrieben sein sollte – den Anteil von Leuten, mit denen Diskussionen sinnvoll sind, halte ich nicht für gering.

Nachdem den Bürgern eine „alternativlose“ Entscheidung nach der anderen aufgezwungen wurde, während sie immer neuen Demütigungen ausgesetzt sind und auch viele von ihnen Einbußen hinnehmen mussten, drängen Unzufriedenheit und gärender Groll danach, sich zu äußern. Die Bereitschaft, sich zu empören wächst allmählich. Aber gleichzeitig herrscht die Angst, ein einsamer Empörer mit allen persönlichen Konsequenzen zu sein. Zu feige und zu ungebildet, in Konfrontation zu den Machthabern zu gehen, appelliert man lieber, dass die Obrigkeit ihre Gesetze konsequenter anwenden solle, man erklärt sich bereit, dabei mitzuhelfen und man schlägt auf die Schwächsten der Gesellschaft ein, auf die Flüchtlinge, vor allem auf sog. Wirtschaftsflüchtlinge und auf Sinti und Roma.

Ein Teil der Pegida-Demonstrierer probt tatsächlich den Aufstand – aber konsequent auf den Knien. Diskussionen mit diesen Leuten über die unhaltbaren Entwicklungen in unserem Land sind gut und richtig. Aber nicht „Verständnis“ für ihre Lage und ihre Befürchtungen ist angesagt. Vielmehr muss ihnen vor Augen geführt werden, dass Jeder/Jede an den bedrückenden Umständen sein Teil Mitschuld trägt. Sich kundig machen und gemeinsam mit Anderen (auch gemeinsam mit Moslems) aufstehen, Widerstand leisten! Billiger geht es nicht. Auch in Deutschland nicht, mit seiner schier unerschöpflichen Tradition des Verrats der arbeitenden Menschen an ihren eigenen Werten und Idealen.

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7 Antworten zu „Erst Wahlvolk, dann Zahlvolk, dann Dominostein“*

  1. eschff schreibt:

    Jedem einzelenen muss vor Augen geführt werden, dass Jeder/Jede an den bedrückenden Umständen sein Teil Mitschuld trägt. Sich kundig machen und gemeinsam mit Anderen (auch gemeinsam mit Moslems) aufstehen, dem Unrechttun Widerstand leisten, das ist Menschenpflicht in Deutschland, mit seiner schier unerschöpflichen Tradition des Verrats der arbeitenden Menschen an ihren eigenen Werten und Idealen. Hilfe zur Selbstthife leisten, damit jeder ohne Angst, Not u. Ausbeutung zufrieden u. stolz auf seine Heimat in ihr leben kann, dass soll unser Ziel sein.

  2. Lutz Lippke schreibt:

    „Es scheint, dass Pegida ein beträchtliches Maß an völlig rationaler, potentiell systemkritischer Unzufriedenheit kanalisiert, um sie am Ende ins Nirvana zu schicken“

    Auch 1989/1990 war das nicht anders. Der dritte Weg wurde 89 diskutiert und Anfang 1990 verdrängt. Anfang 1990 traten die Auserwählten Merkel und Gauck den Weg in die Spitze an.

  3. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Motive der Pegida-Demonstrierer

  4. Wolfgang schreibt:

    Ich stimme Lutz Lippke zu! Da wieder raus zu kommen bräuchte es als 1. Hebel Linke im Bundestag, die an Opposition und nicht ans regieren denken. Natürlich die Strasse aber zuerst die richtige parlamentarische Ebene.

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