Austausch der Fahnen

Man erinnert daran, dass vor einem Jahr in Kiew auf dem Maidan Massenproteste begannen. Ich erinnere gerade in meinem Tagebuchblog an die Jahre 1989/1990 in Berlin.

Unzufriedenheit hat sich über einen längeren Zeitraum entwickelt und aufgestaut, weil die Macht nicht lösend reagierte. Es kommt der Tag der Demonstrationen; an denen sich, nach anfänglichem Zögern, das Volk beteiligt. Eigentlich hasst das Volk Unruhe. Und vor Aufruhr hat es nicht nur Angst, sondern ihm ist das alles schlicht „zu hoch“. Aber bei großer Verärgerung endlich einmal laut und deutlich die Meinung ungefragt zu sagen – auf Strassen und großen Plätzen! – das hat schon ‚was. Das Volk haut sozusagen auf den Tisch. Dann geht es wieder nach Hause mit dem Gefühl, ein Machtwort gesprochen zu haben. Sicher wird jetzt die Macht lernen („parieren“, „spuren“, „einen besseren Job machen“). Grüppchen des Volkes engagieren sich jetzt stärker, weil sie spüren, dass man aktiv mitgestalten muss. Kurze Zeit sind solche Initiativen weithin sichtbar. Weil die öffentlichen Plätze wieder leer sind. In Wahrheit sind sie klein und schwach.

Die Macht ist überrascht vom Volk. Sie ist, zumindest in Teilen, verwirrt, sogar gelähmt. Manche würden mit Entschiedenheit draufhauen. Andere meinen, dass die Macht längst Überfälliges verändern sollte. Sehr viele, die im Machtapparat sitzen, meinen: „Erstma‘ gucken.“ In den nicht seltenen Fällen besonderer Unfähigkeit (ob sie nun Janukowitsch heißen oder Honecker), meinen sogar die oberschten Führer, dass sie mit dieser Maxime durchkommen. Selbst wenn fähige Reformer an die Spitze der Macht gelangt sein sollten und schier rund um die Uhr arbeiten, können sie kein Wunder vollbringen.

Über alldem weht die Fahne einer Verbesserung der Macht für ein besseres Leben aller. (Der Beobachter sieht Revolution. Und die ist immer erstaunlich friedlich)

Das Volk, ich sagte es bereits, ist wieder nach Hause gegangen, erzählt sich seine Heldentaten. Es sitzt und schielt nach oben, dass nun endlich morgen alles besser wird. Es möge erstens im Geldbeutel klingeln, zweitens manches Schöne die „Glückssucht“ befriedigen und drittens Einigen für die Vergangenheit ein Schwarzer Peter verpasst werden. Damit könnte man erst einmal leben aber leider passiert in dieser Richtung nicht viel, auf jeden Fall viel zu wenig.

Es beginnt die Zeit der lauten Stimmen. Sie sind ziemlich schrill, was aber nur Wenigen auffällt. Anfangs rufen nur Einzelne, bald Grüppchen. Sie sind hartnäckig. Auch halten sie paar gute Gründe hoch. Und wenn die Plätze trotzdem nicht voll werden, holt man sich eben Verstärker. Dranbleiben! Das wird schon! Es sind auch Helfer am Werk, Helferlein und auch Große Helfer. Was die können, weiss man nicht genau. Sie selber wissen es. Einst (also 1989) agierten die ziemlich versteckt, heutzutage nicht minder. Und doch, Etliches bleibt dem Auge des Internet nicht verborgen. Jemand hat neue Fahnen mitgebracht. Zunächst (aber nicht lange) bleiben sie eingerollt – „Diese Verbrechermacht muß weg!“ In Berlin gehen Fensterscheiben zu Bruch. „Vielleicht fliegt mal ein Schränkchen aus dem Fenster.“ In Kiew oder Odessa passiert dasselbe mit Menschen. Die unmöglichsten Leute begeistern sich jetzt für „die friedliche Revolution“ (damals z. B. ein reaktionärster Knochen namens Dregger). Die neuen Banner sind aufgepflanzt. Die Beobachter trauen sich nicht, es Konterrevolution zu nennen. Einige trauen sich doch. Das Volk sitzt wieder zu Hause. Da gehöre es, sagen die Experten, abgesehen von erwünschten Freudenbekundungen, auch hin. Irgendwie sollte es sich aus Politik lieber heraushalten; denn die verdirbt den Charakter. Und tatsächlich, Vieles ist Vielen einfach „zu hoch“.

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Eine Antwort zu Austausch der Fahnen

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